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Kurs:Einführung in die Algebra (Osnabrück 2009)/Vorlesung 11

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Numerische Bedingungen für endliche Symmetriegruppen im Raum



Lemma  

Es sei  GSO3()  eine endliche Untergruppe der Gruppe der eigentlichen, linearen Isometrien des 3. Zu einer Halbachse H von G sei

GH={gGg(H)=H}.

Dann sind für zwei äquivalente Halbachsen H1 und H2 die Gruppen GH1 und GH2 isomorph.

Insbesondere besitzen sie die gleiche Ordnung.

Beweis  

Es sei  g(H1)=H2,  was es gibt, da die beiden Halbachsen nach Voraussetzung äquivalent sind. Dann hat man aber sofort den Gruppenisomorphismus

GH1GH2,fgfg1.

Wegen

(gfg1)(H2)=gf(g1(H2))=gf(H1)=g(H1)=H2

führt dieser innere Automorphismus von G in der Tat die beiden Gruppen ineinander über.

Bei GH handelt es sich trivialerweise um eine Untergruppe von G. Man nennt sie die Isotropiegruppe zur Halbachse H. Das Lemma besagt also, dass äquivalente Halbachsen isomorphe Isotropiegruppen besitzen. Wenn n=#(G) ist und H eine Halbachse in der Halbachsenklasse K, und die Untergruppe GH k Elemente besitzt, so gibt es in K genau n/k verschiedene Halbachsen. Die fixierte Halbachse H definiert nämlich eine surjektive Abbildung

GK,ff(H).

Dabei geht fGH auf H, und ebenso gibt es für jede Halbachse HK genau k Urbilder.



Lemma  

Es sei  GSO3()  eine endliche Untergruppe der Ordnung n in der Gruppe der eigentlichen, linearen Isometrien des 3. Es seien K1,,Km die verschiedenen Halbachsenklassen zu G, und zu jeder dieser Klassen sei ni, i=1,,m, die Ordnung der Gruppe GH, HKi, die nach Lemma 11.1 unabhängig von  HKi  ist.

Dann ist

2(11n)=i=1m(11ni).

Beweis  

Für zwei gegenüberliegende Halbachsen H und H gilt  GH=GH.  Dagegen gilt für zwei Halbachsen H1 und H2, die nicht zur gleichen Achse gehören (also insbesondere verschieden sind), die Beziehung  GH1GH2=Id,  da eine Isometrie mit zwei Fixachsen die Identität sein muss. Da G die Vereinigung aller GH,H(G), ist, liegt eine Vereinigung

G{Id}=H(G)(GH{Id})

vor, wobei rechts jedes Gruppenelement  gId  genau zweimal vorkommt. Daher ist

2(n1)=H(G)(ord(GH)1).

Die Halbachsenklasse Ki enthält n/ni Elemente. Daher ist

2(n1)=H(G)(ord(GH)1)=i=1mHKi(ni1)=i=1mnni(ni1).

Mittels Division durch n ergibt sich die Behauptung.



Lemma  

Die numerische Gleichung
2(11n)=i=1m(11ni)
mit

n2,m und mit 2n1n2nmn besitzt folgende ganzzahlige Lösungen.

  1.  m=2  und  n=n1=n2
  2. Bei  m=3  gibt es die Möglichkeiten
    1.  n1=n2=2  und  n=2n3
    2.  n1=2,   n2=n3=3  und  n=12
    3.  n1=2,   n2=3,   n3=4,  und  n=24
    4.  n1=2,   n2=3,   n3=5,  und  n=60

Beweis  

Bei  m=0  ist die rechte Seite 0 und daher folgt  n=1<2  aus der linken Seite. Bei  m=1  muss  n1=nn+2  gelten, was bei  n2  keine Lösung besitzt. Bei  m=2  erhält man die Bedingung  2n=1n1+1n2,  woraus sich wegen  n1,n2n  nach Aufgabe 11.5  n1=n2=n  ergibt. Bei  m=3  schreibt sich die Bedingung als

1+2n=1n1+1n2+1n3

mit  n1n2n3.  Die linke Seite ist >1. Daher muss wegen  ni2  mindestens eines der  ni=2  sein. Es sei also  n1=2.  Bei  n2=2  gibt es genau die Lösung  n=2n3  mit beliebigem  n32.  Es sei also  n23.  Bei  n2=4  wäre die rechte Seite wieder 1, sodass  n2=3  gelten muss. Der Wert  n3=3  führt zur Lösung  n=12,  der Wert  n3=4  führt zur Lösung  n=24  und der Wert  n3=5  führt zur Lösung  n=60.  Bei  n36  wird die rechte Seite wieder 1, sodass es keine weitere Lösung gibt.
 Bei  m4  hat man eine Bedingung der Form

m2+2n=1n1+1n2+1n3+1n4++1nm,

die keine Lösung besitzt, da die rechte Seite m2 ist, da die ersten vier Summanden maximal 2 ergeben und die weiteren durch m4 abgeschätzt werden können.



Geometrische Realisierungen der endlichen Symmetriegruppen
Plato (427-347 v. C.) sagte: „die Bedeutung der Geometrie beruht nicht auf ihrem praktischen Nutzen, sondern darauf, daß sie ewige und unwandelbare Gegenstände untersucht und danach strebt, die Seele zur Wahrheit zu erheben“.

Das letzte Lemma enthält die entscheidenden numerischen Bedingungen, wie eine endliche Symmetriegruppe im 3 aussehen kann. Wenn man von der trivialen Gruppe absieht, bei der  m=0  gilt, so erfasst dieses Lemma alle endlichen Gruppen, da bei  m1  für jedes i die Gruppe der Drehungen an einer Achse schon mindestens zwei Elemente besitzt. Jede der angegebenen Bedingungen lässt sich im Wesentlichen eindeutig durch eine endliche Symmetriegruppe realisieren. Das geometrische Objekt ist aber nicht eindeutig bestimmt, wie schon das „duale Paar“ Würfel und Oktaeder zeigen.



Lemma  

Es sei  GSO3()  eine endliche Untergruppe der Gruppe der eigentlichen, linearen Isometrien des 3 mit einer fixierten Halbachsenklasse K.

Dann ist die Abbildung

GPerm(K),gσg:Hg(H),

ein Gruppenhomomorphismus.

Beweis  

Nach der Definition von Halbachsenklasse ist mit  HK  auch  g(H)K  für alle  gG.  Daher ist die Abbildung σ wohldefiniert. Seien  f,gG.  Dann ist sofort

σgf(H)=(gf)(H)=g(f(H))=g(σf(H))=σg(σf(H))=(σgσf)(H).



Lemma  

Es sei  GSO3()  eine endliche Untergruppe der Ordnung n der Gruppe der eigentlichen linearen Isometrien des 3 mit zwei verschiedenen Halbachsenklassen zu G.

Dann ist G die zyklische Gruppe der Drehungen zu den Vielfachen des Winkels 2π/n um eine einzige fixierte Drehachse.

Beweis  

Aufgrund von Lemma 11.2 und Lemma 11.3 muss  n=n1=n2  sein und jede Halbachsenklasse enthält nur eine Halbachse. Daher gibt es überhaupt nur eine Drehachse und diese Bewegungsgruppe ist nach Lemma 34.1 (Lineare Algebra (Osnabrück 2024-2025)) isomorph zu einer Bewegungsgruppe in der senkrechten Ebene, also nach Satz 10.5 isomorph zur zyklischen Gruppe der Ordnung n.

In diesem Fall gibt es also zwei Halbachsenklassen, die jeweils aus nur einer Halbachse bestehen.



Lemma  

Es sei  GSO3()  eine endliche Untergruppe der Gruppe der eigentlichen, linearen Isometrien des 3 vom Typ (2,2,k).

Dann ist G isomorph zur Diedergruppe Dk.

Beweis  

Es gibt drei Halbachsenklassen K1, K2, K3, und zwar zwei mit der Ordnung 2 (und je k Halbachsen in der Klasse) und eine mit der Ordnung k und zwei Halbachsen (die Anzahlen der Halbachsen folgen mit  n1=n2=2  aus Lemma 11.3). Bei  k3  müssen die beiden Halbachsen aus der dritten Klasse eine Gerade bilden, da ja die gegenüberliegende Halbachse die gleiche Ordnung besitzt, und bei  k=2  muss jede Halbachse zu ihrem Gegenüber äquivalent sein. Wir bezeichnen die Achse zu K3 mit A3. Jedes Gruppenelement mit einer anderen Drehachse muss die beiden Halbachsen aus K3 ineinander überführen, sodass alle anderen Achsen senkrecht zu A3 stehen. Es sei g eine erzeugende Drehung um A3. Zu einer Halbachse H1 aus K1 sind die

gi(H1),i=0,,k1,

genau alle Halbachsen aus K1. Diese (bzw. die Punkte darauf mit der Norm 1) bilden ein regelmäßiges k-Eck in der zu A3 senkrechten Ebene. Entsprechendes gilt für gi(H2) mit  H2K2.  Jede Halbdrehung um eine der Achsen aus K1 überführt die Halbachsen aus K2 in ebensolche. Daher liefern die Halbachsen aus K2 eine „Halbierung“ des k-Ecks. Somit handelt es sich insgesamt um die (uneigentliche) Symmetriegruppe eines regelmäßigen k-Ecks oder um die eigentliche Symmetriegruppe der Doppelpyramide über einem regelmäßigen k-Eck, d.h. um eine Diedergruppe Dk.

In diesem Fall bestehen die beiden Halbachsenklassen der Ordnung zwei einerseits aus den Eckpunkten (oder Eckhalbachsen) und andererseits aus den Seitenmittelpunkten (oder Seitenmittelhalbachsen) des zugrunde liegenden regelmäßigen n/2-Ecks. Bei n/2 gerade sind gegenüberliegende Halbachsen äquivalent, bei n/2 ungerade nicht. Bei n=4 ist die Diedergruppe (also D2) kommutativ und isomorph zur Kleinschen Vierergruppe.



Lemma  

Es sei  GSO3()  eine endliche Untergruppe der Gruppe der eigentlichen, linearen Isometrien des 3 vom Typ (2,3,3).

Dann ist G die Tetraedergruppe

und damit isomorph zur alternierenden Gruppe A4.

Beweis  

Nach Voraussetzung gibt es drei Halbachsenklassen der Ordnung 2,3 und 3, ihre Elementanzahl ist daher 6,4 und 4. Betrachten wir eine Halbachsenklasse K der Ordnung 3 mit ihren vier äquivalenten Halbachsen und den zugehörigen Gruppenhomomorphismus

GPerm(K),gσg.

Sei  gG  eine Dritteldrehung um eine Halbachse  HK.  Sie lässt H fest und bewirkt eine Permutation der drei anderen Halbachsen in der Klasse. Diese Permutation kann nicht die Identität sein, da sonst g mindestens zwei Achsen fest ließe und damit g die (Raum)-Identität wäre. Da g die Ordnung 3 besitzt, muss diese Permutation ein Dreierzykel sein. Insbesondere gehören die vier Halbachsen zu verschiedenen Achsen, und die Doppeldrehung g2 bewirkt den anderen Dreierzykel. Da man diese Überlegung mit jeder der vier Halbachsen aus K anstellen kann, sieht man, dass G sämtliche Dreierzykel der Permutationsgruppe der vier Halbachsen bewirkt. Das Bild des Gruppenhomomorphismus ist daher genau die alternierende Gruppe A4 und damit ist  GA4.  Diese ist nach Aufgabe 10.6 isomorph zur Tetraedergruppe.

In der vorstehenden Aussage kann man auch direkt erkennen, dass es sich um eine Tetradergruppe handeln muss. Dazu markieren wir auf jeder der vier Halbachsen den Punkt mit dem Abstand 1 zum Nullpunkt. Aus dem Beweis des Lemmas folgt, dass je zwei solche Punkte den gleichen Abstand voneinander haben (und dass die Winkel der Halbachsen zueinander alle gleich sind). Daher bilden diese vier Punkte die Eckpunkte eines Tetraeders. Die gegenüberliegenden Halbachsen entsprechen den Seitenmittelpunkten der Tetraederflächen. Das Halbachsensystem der Ordnung zwei wird gebildet durch die Kantenmittelpunkte.



Lemma  

Es sei  GSO3()  eine endliche Untergruppe der Gruppe der eigentlichen, linearen Isometrien des 3 vom Lemma 11.3 (2,3,4).

Dann ist G isomorph zur Permutationsgruppe S4 und konjugiert zur Würfelgruppe.

Beweis  

Wir betrachten die Halbachsenklasse K2 der Ordnung 3, die also 8 zueinander äquivalente Halbachsen besitzt. Zu einer solchen Halbachse H muss die entgegengesetzte Halbachse ebenfalls in einer der Halbachsenklassen liegen, und zwar in einer mit der gleichen Ordnung. Daher gehört auch H zu K2, sodass an K2 insgesamt vier Achsen beteiligt sind. Die Menge dieser Achsen nennen wir 𝔄. Wir betrachten den Gruppenhomomorphismus

GPerm(𝔄),g(σg:Ag(A)).

Hier wird also nur geschaut, was mit den Achsen passiert, nicht was mit den Halbachsen. Es können nicht drei dieser vier Achsen in einer Ebene liegen. Wären nämlich  A1,A2,A3E,  so würde eine Dritteldrehung f um A1 die äquivalenten Achsen f(A2) und f(A3) hervorbringen, die aber nicht in der Ebene E liegen können und die nicht beide gleich A4 sein können. Das Element  gG  habe die Eigenschaft, dass σg die Identität ist, dass also alle Geraden  A𝔄  auf sich abgebildet werden. Nach Aufgabe 11.6 muss g die Identität sein. Der Gruppenhomomorphismus ist also nach dem Kernkriterium injektiv und daher muss eine Isomorphie vorliegen.


Mit einem ähnlichen, aber aufwändigeren Argument kann man zeigen, dass die verbleibende numerische Möglichkeit, also eine Gruppe mit 60 Elementen und mit den Drehordnungen 2,3 und 5 wieder nur von einem Isomorphietyp realisiert wird, nämlich von der alternierenden Gruppe A5, die zugleich isomorph zur Dodekaedergruppe und zur Ikosaedergruppe ist.

Insgesamt haben wir (bis auf den Ikosaederfall) den folgenden Hauptsatz über endliche (eigentliche) Symmetriegruppen im Raum bewiesen.


Satz

Es sei  GSO3()  eine endliche Untergruppe der Gruppe der eigentlichen, linearen Isometrien des 3.

Dann ist G eine der folgenden Gruppen.

  1. Eine zyklische Gruppe /(n), n1,
  2. Eine Diedergruppe Dk, k2,
  3. Die Tetraedergruppe A4,
  4. Die Würfelgruppe S4,
  5. Die Ikosaedergruppe A5.



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