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Kurs:Mathematik für Anwender (Osnabrück 2020-2021)/Teil II/Vorlesung 53

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Der Satz über die Umkehrabbildung

Es sei  I  ein reelles Intervall und

f:I

eine stetig differenzierbare Funktion mit  f(x0)0  in einem Punkt  x0I.  Nehmen wir an, es gelte  f(x0)>0.  Da die Ableitung stetig ist, gibt es auch ein offenes Intervall  J=]x0ϵ,x0+ϵ[I  derart, dass  f(x)>0  für alle  xJ  ist. Aufgrund von Satz 15.17  (2) ist somit f auf J streng wachsend. Daher ist insbesondere f auf J injektiv. Das Bild  J=f(J)  ist nach dem Zwischenwertsatz ein Intervall und daher liegt eine Bijektion

f|J:JJ

vor. Nach Satz 14.9 ist die Umkehrfunktion

g:JJ

ebenfalls differenzierbar, und ihre Ableitung in  yJ  ist  g(y)=1f(g(y)).  Daher ist die Umkehrfunktion auf J auch stetig differenzierbar. Eine ähnliche Argumentation ist durchführbar, wenn  f(x0)<0  ist. Insgesamt bedeutet dies, dass aus dem Nichtverschwinden der Ableitung in einem Punkt folgt, dass die Funktion sich in einer kleinen offenen Umgebung des Punktes bijektiv verhält mit stetig differenzierbarer Umkehrabbildung.

Der Satz über die (lokale) Umkehrabbildung verallgemeinert diese Beobachtung auf höhere Dimensionen. Er gehört zu den wichtigsten Sätzen der mehrdimensionalen Analysis und besagt, dass eine stetig differenzierbare Abbildung φ zwischen endlichdimensionalen Vektorräumen, für die das totale Differential in einem Punkt P bijektiv ist (was voraussetzt, dass die Dimension des Definitionsraumes mit der Dimension des Zielraums übereinstimmt), die Abbildung selbst auf geeigneten kleinen offenen Umgebungen von P und von φ(P) eine Bijektion ist. D.h. die Abbildung verhält sich lokal so wie das totale Differential.

Der folgende Satz heißt Satz über die Umkehrbarkeit. Wir verzichten auf den recht aufwändigen Beweis.


Satz  

Es seien V1 und V2 endlichdimensionale reelle Vektorräume, sei  GV1  offen und es sei

φ:GV2

eine stetig differenzierbare Abbildung. Es sei  PG  ein Punkt derart, dass das totale Differential

(Dφ)P

bijektiv ist.

Dann gibt es eine offene Menge  U1G  und eine offene Menge  U2V2  mit  PU1  und mit  φ(P)U2  derart, dass φ eine Bijektion

φ|U1:U1U2

induziert, und dass die Umkehrabbildung

(φ|U1)1:U2U1

ebenfalls stetig differenzierbar ist.

Beweis  


Dabei ergibt sich das totale Differential der Umkehrabbildung in einem Punkt φ(P) aufgrund der Kettenregel einfach als Umkehrabbildung des totalen Differentials in P.


Es seien V und W endlichdimensionale reelle Vektorräume, sei  GV  offen, sei  PG  und sei

φ:GW

eine in P differenzierbare Abbildung. Dann heißt P ein regulärer Punkt von φ, wenn

rang(Dφ)P=min(dim(V),dim(W))

ist. Andernfalls heißt P ein kritischer Punkt oder ein singulärer Punkt.

Eine differenzierbare Abbildung φ:GW ist genau dann regulär in einem Punkt  PG,  wenn das totale Differential (Dφ)P den maximal möglichen Rang besitzt. Der Rang ist nach Lemma 26.2 und nach Lemma 26.3 gleich dem Spalten- bzw. Zeilenrang einer beschreibenden Matrix. Daher ist der Rang maximal gleich der Anzahl der Zeilen und maximal gleich der Anzahl der Spalten, also maximal gleich dem Minimum der beiden Dimensionen.

Bei  dim(W)=1  ist P ein regulärer Punkt genau dann, wenn (Dφ)P nicht die Nullabbildung ist. Daher stimmt diese Definition von regulär mit Definition 51.11 überein. Bei  dim(V)=1  bedeutet die Regularität wiederum, dass  (Dφ)P0  ist. Generell bedeutet bei  dim(V)dim(W)  die Regularität, dass (Dφ)P injektiv ist, und bei  dim(V)dim(W)  bedeutet die Regularität, dass (Dφ)P surjektiv ist. Insbesondere bedeutet bei  dim(V)=dim(W)  die Regularität in P, dass das totale Differential bijektiv ist und dass daher die Voraussetzung im Satz über die lokale Umkehrbarkeit erfüllt ist.



Wir betrachten die Abbildung

φ:22,(x,y)(x2y,x+xy).

Diese Abbildung ist differenzierbar und die Jacobi-Matrix in einem Punkt  P=(x,y)  ist

(2x11+yx).

Die Determinante davon ist

2x2+1+y,

sodass die Bedingung

y2x21

die regulären Punkte der Abbildung charakterisiert. Im Nullpunkt (0,0) liegt beispielsweise ein regulärer Punkt vor, sodass dort aufgrund des Satzes über die lokale Umkehrbarkeit lokal eine Bijektion vorliegt, d.h. es gibt offene Umgebungen U1 und U2 von (0,0) derart, dass die eingeschränkte Abbildung

φ|U1:U1U2

bijektiv ist (mit stetig differenzierbarer Umkehrabbildung).

Wie groß kann dabei U1 gewählt werden? Wir beschränken uns auf offene Ballumgebungen U((0,0),r). Bei  r>1  enthält eine solche Kreisscheibe zwei Punkte der Form

(±x,1).

Diese werden unter φ auf

φ(±x,1)=(x2(1),x+x(1))=(x2+1,0)

abgebildet, also auf den gleichen Punkt. Daher ist die Einschränkung der Abbildung auf eine solche Kreisscheibe nicht injektiv, und auf einer solchen Menge kann es keine Umkehrabbildung geben.

Betrachten wir hingegen

U1=U((0,0),1)

und

U2:=φ(U1).

Da U1 keine kritischen Punkte enthält, ist nach Aufgabe 53.38 das Bild U2 offen. Die eingeschränkte Abbildung φ|U1:U1U2 ist nach Definition von U2 surjektiv, sodass nur die Injektivität zu untersuchen ist.

Das Gleichungssystem

x2y=u und x+xy=v

führt auf

y=x2u

und auf

x(1+x2u)=x3+(1u)x=v.

Seien (x,y) und (x~,y~) aus U((0,0),1) mit

φ(x,y)=φ(x~,y~)

gegeben. Dann ist

x3+(1u)x=v=x~3+(1u)x~

und somit

0=x3x~3+(1u)(xx~)=(xx~)(x2+xx~+x~2+1u).

Bei  x=x~  folgt direkt  y=y~.  Bei  xx~  muss

x2+xx~+x~2+1u=0

sein. Dies bedeutet  y=x2u=xx~x~21  und ebenso  y~=xx~x21.  Wegen

x(y+1)=v

und  y+1>0  müssen x und v das gleiche Vorzeichen besitzen. Daher müssen auch x und x~ das gleiche Vorzeichen besitzen. Daraus folgt aber

y=xx~x~211,

sodass es in der offenen Kreisumgebung mit Radius 1 keine zwei verschiedenen Urbilder geben kann.[1] Mit  U1=U((0,0),1)  liegt also eine Bijektion U1U2 vor.




Diffeomorphismen

Der Satz über die lokale Umkehrbarkeit gibt Anlass zu folgender Definition.


Es seien V1 und V2 endlichdimensionale reelle Vektorräume und U1V1 und U2V2 offene Teilmengen. Eine Abbildung

φ:U1U2

heißt Ck-Diffeomorphismus, wenn φ bijektiv und k-mal stetig differenzierbar ist, und wenn die Umkehrabbildung

φ1:U2U1

ebenfalls k-mal stetig differenzierbar ist.

Der Satz über die lokale Umkehrbarkeit besagt also, dass eine stetig differenzierbare Abbildung mit invertierbarem totalen Differential lokal (!) ein C1-Diffeomorphismus ist (es gibt auch Ck-Versionen von diesem Satz). Zwei offene Mengen U1 und U2 heißen Ck-diffeomorph, wenn es einen Ck-Diffeomorphismus zwischen ihnen gibt. Man spricht auch von einem differenzierbaren Koordinatenwechsel.

Der Satz über die lokale Umkehrbarkeit macht keine Aussage über die Größe der offenen Mengen, auf denen ein Diffeomorphismus vorliegt. Abbildungen, die auf großen und übersichtlichen Teilmengen umkehrbar sind, werden durch Koordinatensysteme bereit gestellt. Wir besprechen hier Polarkoordinaten und Kugelkoordinaten.

Wir haben gelegentlich für die reelle Ebene (bzw. die komplexen Zahlen) Polarkoordinaten verwendet. Hier besprechen wir Polarkoordinaten in Hinblick auf lokale Umkehrbarkeit.


Die Abbildung

φ:22,(r,α)(rcosα,rsinα),

heißt Polarkoordinatenauswertung. Sie ordnet einem Radius r und einem Winkel α (wegen diesen Bedeutungen schränkt man den Definitionsbereich häufig ein) denjenigen Punkt der Ebene (in kartesischen Koordinaten) zu, zu dem man gelangt, wenn man in Richtung des Winkels (gemessen von der x-Achse aus gegen den Uhrzeigersinn) die Strecke r zurücklegt. Sie ist in jedem Punkt (r,α) stetig differenzierbar mit der Jacobi-Matrix

(cosαrsinαsinαrcosα).

Diese Abbildung ist nicht injektiv, da die Abbildung im zweiten Argument, also im Winkel α, periodisch mit der Periode 2π ist. Bei  r=0  ist - unabhängig von α - das Bild gleich (0,0). Ferner ist  φ(r,α+π)=φ(r,α).  Die Abbildung kann also nicht global invertierbar sein.

Die Determinante der Jacobi-Matrix ist

r(cos2α+sin2α)=r.

Bei  r0  liegt also nach Satz 26.11 ein bijektives totales Differential vor. Nach dem Satz über die lokale Umkehrabbildung gibt es zu jedem Punkt (r,α) mit  r0  eine offene Umgebung  (r,α)U1  und eine bijektive Abbildung

φ|U1:U1U2=φ(U1).

Bei  r>0  kann man beispielsweise als offene Umgebung das offene Rechteck

U1=]rδ,r+δ[×]αϵ,α+ϵ[

mit  r>δ>0  und mit  π>ϵ>0  wählen. Das Bild davon, also U2, ist der Schnitt des (offenen) Kreisringes zu den Radien rδ und r+δ und dem (offenen) Kreissektor, der durch die beiden Winkel αϵ und α+ϵ begrenzt ist.

Man kann diese Abbildung zu einer bijektiven Abbildung, und zwar zu einem Diffeomorphismus, auf großen offenen Mengen einschränken, beispielsweise zu

+×]π,π[2{(x,0)x0},(r,α)(rcosα,rsinα).

Die Bijektivität folgt dabei aus den grundlegenden Eigenschaften der trigonometrischen Funktionen, siehe insbesondere Satz 16.12. Wenn man das offene Intervall ]π,π[ durch das halboffene Intervall ]π,π] ersetzt, so bekommt man eine Bijektion zwischen +×]π,π] und 2{(0,0)}. Man kann aber nicht von einem Diffeomorphismus sprechen, da dies nur für offene Mengen definiert ist. Die Umkehrabbildung ist übrigens noch nicht einmal stetig.



Die Abbildung

33,(r,θ,φ)(rcosφsinθ,rsinφsinθ,rcosθ),

(bzw. die Einschränkung davon auf Teilmengen wie 0×[0,π]×[0,2π]) nennt man Kugelkoordinatenauswertung. Diese Abbildung bildet die Kugelkoordinaten (r,θ,φ) auf die zugehörigen kartesischen Koordinaten (x,y,z) ab.

Die Bedeutung der Kugelkoordinaten ist folgendermaßen: r ist der Abstand von (x,y,z) zum Nullpunkt. Bei  r=1  definieren die beiden Winkel φ und θ einen Punkt auf der Einheitskugel, und zwar bestimmt φ einen Punkt auf dem Einheitskreis in der xy-Ebene (auf dem Äquator) und θ bestimmt einen Punkt auf dem zugehörigen Halbkreis (der durch den Äquatorpunkt und Nord- und Südpol festgelegt ist), wobei der Winkel zum Nordpol gemessen wird. Für (r=1 und) einen festen Winkel θ parametrisiert φ einen Breitenkreis, wobei  θ=π2  den Äquator beschreibt. Bei einem festen Winkel φ hingegen parametrisiert θ den oben angesprochenen Halbkreis, einen Längenkreis. In der Geographie herrschen übrigens etwas andere Konventionen, man wählt den zweiten Winkel aus [π2,π2] (statt + und spricht man von nördlicher und südlicher Breite) und nimmt sinθ.

Die Jacobi-Matrix der Abbildung ist

(cosφsinθrcosφcosθrsinφsinθsinφsinθrsinφcosθrcosφsinθcosθrsinθ0)

und die Determinante davon ist

r2sinθ.

D.h. bei  r0  und  θπ  ist das totale Differential invertierbar und daher liegt nach Satz 53.1 ein lokaler Diffeomorphismus vor. Die inhaltliche Interpretation der Abbildung zeigt, dass hier überhaupt ein Diffeomorphismus zwischen +×]0,π[×[0,2π[ und 3{(0,0,z)z} vorliegt.




Fußnoten
  1. Man kann auch folgendermaßen argumentieren: Die Ableitung von x3+(1u)x nach x ist  3x2+(1u)=3x2+1(x2y)=2x2+1+y.  Wegen |y|<1 ist dies positiv. Somit ist x3+(1u)x streng wachsend in x nach Satz 15.17. Daher gibt es zu einem vorgegebenen Punkt  (u,v)U2  nur ein x, das die Bedingung
    x3+(1u)x=v

    erfüllt. Wegen  y=x2u  ist auch die zweite Komponente y eindeutig bestimmt.


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