Zum Inhalt springen

Kurs:Algebraische Kurven (Osnabrück 2012)/Vorlesung 9

Aus Wikiversity



Noethersche Ringe

Unser Ziel ist es zu zeigen, dass wenn R ein noetherscher Ring ist, dass dann auch der Polynomring R[X] ein noetherscher Ring ist (Hilbertscher Basissatz). Dies gilt dann auch für die Hinzunahme von mehreren (endlich vielen) Variablen und insbesondere für Polynomringe in endlich vielen Variablen über einem Körper. Wir erinnern an den Begriff des noetherschen Ringes.



Ein kommutativer Ring R heißt noethersch, wenn jedes Ideal darin endlich erzeugt ist.



Proposition  

Für einen kommutativen Ring R sind folgende Aussagen äquivalent.

  1. R ist noethersch.
  2. Jede aufsteigende Idealkette
    𝔞1𝔞2𝔞3

    wird stationär, d.h. es gibt ein n mit  𝔞n=𝔞n+1=

Beweis  

(1) (2). Es sei

𝔞1𝔞2𝔞3

eine aufsteigende Idealkette in R. Wir betrachten die Vereinigung

𝔞=n𝔞n,

die wieder ein Ideal in R ist. Da R noethersch ist, ist 𝔞 endlich erzeugt, d.h.  𝔞=(f1,,fk).  Da diese fi in der Vereinigung der Ideale 𝔞n liegen, und da die Ideale aufsteigend sind, muss es ein n derart geben, dass  f1,,fk𝔞n  liegt. Wegen

(f1,,fk)𝔞n𝔞n+mn𝔞n(f1,,fk)

für  m0  muss hier Gleichheit gelten, sodass die Idealkette ab n stationär ist.

(2) (1). Es sei 𝔞 ein Ideal in R. Wir nehmen an, 𝔞 sei nicht endlich erzeugt, und konstruieren sukzessive eine unendliche, echt aufsteigende Idealkette  𝔞n𝔞,  wobei die 𝔞n alle endlich erzeugt sind. Es sei dazu

𝔞1𝔞2𝔞n𝔞

bereits konstruiert. Da 𝔞n endlich erzeugt ist, aber 𝔞 nicht, ist die Inklusion  𝔞n𝔞  echt und es gibt ein Element fn+1𝔞, fn+1∉𝔞n. Dann setzt das Ideal  𝔞n+1:=𝔞n+(fn+1)  die Idealkette echt aufsteigend fort.



Lemma  

Es sei R ein noetherscher Ring.

Dann ist auch jeder Restklassenring R/𝔟 noethersch.

Beweis  

Es sei  𝔞R/𝔟  ein Ideal und sei  𝔞~R  das Urbildideal davon. Dieses ist endlich erzeugt nach Voraussetzung, also  𝔞~=(f1,,fn).  Die Restklassen dieser Erzeuger, also f¯1,,f¯n, bilden ein Idealerzeugendensystem von 𝔞: Für ein Element  g¯𝔞  gilt ja  g=i=1nrifi  in R und damit  g¯=i=1nr¯if¯i  in R/𝔟.



Der Hilbertsche Basissatz

Wie viele grundlegende Aussagen der kommutativen Algebra geht der Hilbertsche Basissatz, dem wir uns jetzt zuwenden, auf David Hilbert zurück, genauer auf seine Arbeit von 1890, „Ueber die Theorie der algebraischen Formen“.



Satz  

Es sei R ein noetherscher Ring.

Dann ist auch der Polynomring R[X] noethersch.

Beweis  

Es sei 𝔟 ein Ideal im Polynomring R[X]. Zu  n  definieren wir ein Ideal 𝔞n in R durch

𝔞n={cRes gibt F𝔟 mit F=cXn+cn1Xn1++c1X+c0}.

Die Menge 𝔞n besteht also aus allen Leitkoeffizienten von Polynomen vom Grad n aus 𝔟. Es handelt sich dabei offensichtlich um Ideale in R (wobei wir hier 0 als Leitkoeffizient zulassen). Ferner ist  𝔞n𝔞n+1,  da man ja ein Polynom F vom Grad n mit Leitkoeffizient c mit der Variablen X multiplizieren kann, um ein Polynom vom Grad n+1 zu erhalten, das wieder c als Leitkoeffizienten besitzt. Da R noethersch ist, muss diese aufsteigende Idealkette stationär werden; sei n derart, dass  𝔞n=𝔞n+1=  ist.

Zu jedem  in  sei nun  𝔞i=(ci1,,ciki)  ein endliches Erzeugendensystem, und es seien

Fij=cijXi+ Terme von kleinerem Grad 

zugehörige Polynome aus 𝔟 (die es nach Definition der 𝔞i geben muss).

Wir behaupten, dass 𝔟 von allen {Fij0in,1jki} erzeugt wird. Dazu beweisen wir für jedes  G𝔟  durch Induktion über den Grad von G, dass es als R-Linearkombination mit diesen Fij darstellbar ist. Für G konstant, also  GR,  ist dies klar. Es sei nun der Grad von G gleich d und die Aussage sei für kleineren Grad bewiesen. Wir schreiben

G=cXd+cd1Xd1++c1X+c0.

Es ist  c𝔞d  und damit kann man c als R-Linearkombination der cij, 0in, 1jki, schreiben. Bei  dn  kann man c sogar als R-Linearkombination der cdj, j=1,,kd, schreiben, sagen wir  c=j=1kdrjcdj.  Dann ist  Gj=1kdrjFdj𝔟  und hat einen kleineren Grad, sodass man darauf die Induktionsvoraussetzung anwenden kann. Bei  d>n  ist

c=i=0,,n,j=1,,kirijcij.

Damit gehört

Gi=0,,n,j=1,,kirijXdiFij

ebenfalls zu 𝔟 und hat einen kleineren Grad, sodass man wieder die Induktionsvoraussetzung anwenden kann.



Korollar  

Es sei R ein noetherscher Ring.

Dann ist auch R[X1,,Xn] noethersch.

Beweis  

Dies folgt durch induktive Anwendung des Hilbertschen Basissatzes auf die Kette

RR[X1](R[X1])[X2]=R[X1,X2](R[X1,X2])[X3]=R[X1,X2,X3]R[X1,,Xn].



Korollar  

Es sei K ein Körper.

Dann ist K[X1,,Xn] noethersch.

Beweis  

Dies ist ein Spezialfall von Korollar 9.5.

Der Hilbertsche Basissatz bedeutet insbesondere, dass jede abgeschlossene Untervarietät  V𝔸Kn  in einem affinen Raum durch endlich viele Polynome beschrieben werden kann. Jedes algebraische Nullstellengebilde ist also bereits das Nullstellengebilde von endlich vielen Polynomen.



Korollar  

Es sei  V𝔸Kn  eine affin-algebraische Menge.

Dann gibt es eine Abbildung

φ:𝔸Kn𝔸Km,

die komponentenweise durch Polynome  FiK[X1,,Xn]  gegeben ist, also  φ=(F1,,Fm),  derart, dass V das Urbild des Nullpunktes  0𝔸Km  ist.

Beweis  

Es sei 𝔞 ein beschreibendes Ideal für V, also  V=V(𝔞).  Nach dem Hilbertschen Basissatz gibt es  F1,,FmK[X1,,Xn]  mit  𝔞=(F1,,Fm).  Damit ist insbesondere

V=V(𝔞)=V(F1)V(Fm).

Diese Fi kann man zu einer Abbildung

φ=(F1,,Fm):𝔸Kn𝔸Km

zusammenfassen. Dann ist  φ(P)=0  genau dann, wenn alle Komponentenfunktionen null sind, und das ist genau dann der Fall, wenn  PV(Fi)  ist für alle i.



Es sei R ein kommutativer Ring. Eine R-Algebra A heißt von endlichem Typ (oder endlich erzeugt), wenn sie die Form

A=R[X1,,Xn]/𝔞

besitzt.

Eine endlich erzeugte R-Algebra besitzt also eine Darstellung als Restklassenring einer Polynomalgebra über R in endlich vielen Variablen. Eine solche Darstellung ist keineswegs eindeutig.



Korollar  

Es sei R ein noetherscher Ring.

Dann ist jede R-Algebra von endlichem Typ ebenfalls noethersch. Insbesondere ist für einen Körper K jede K-Algebra von endlichem Typ noethersch.

Beweis  

Dies folgt aus Korollar 9.5 und aus Lemma 9.3.




Zerlegung in irreduzible Komponenten

Aus dem Hilbertschen Basissatz folgt, dass eine aufsteigende Idealkette

𝔞1𝔞2𝔞3

in K[X1,,Xn] stationär werden muss. Dies hat für absteigende Ketten von affin-algebraischen Teilmengen in einem affinem Raum folgende Konsequenz.


Satz  

In einem affinen Raum 𝔸Kn wird jede absteigende Folge von abgeschlossenen Mengen

V1V2

stationär.

Beweis  

Es sei

V1V2

eine absteigende Kette von affin-algebraischen Teilmengen im 𝔸Kn. Daraus folgt nach Lemma 3.7  Id(Vi)Id(Vi+1)  für die zugehörigen Verschwindungsideale. Nach Korollar 9.6 wird diese Idealkette stationär, sagen wir für  ii0.  Nach Lemma 3.8  (3) ist  Vi=V(Id(Vi)).  Daraus folgt dann aber für  ii0,  dass

Vi=V(Id(Vi))=V(Id(Vi+1))=Vi+1,

sodass die absteigende Kette stationär werden muss.


Es ergibt sich daraus durch Übergang zu den Komplementen, dass jede aufsteigende Kette von Zariski-offenen Mengen in einem affinen Raum stationär wird. Eine solche Topologie nennt man auch noethersch (generell nennt man eine (partielle) Ordnung, für die jede aufsteigende Kette stationär wird, noethersch). Für einen noetherschen Raum gilt: jede nichtleere Teilmenge von offenen Mengen (abgeschlossenen Mengen) besitzt ein maximales (minimales) Element. Dies kann man vorteilhaft als Beweisprinzip einsetzen (Beweis durch noethersche Induktion): Man möchte zeigen, dass eine gewisse Eigenschaft E für alle abgeschlossenen Teilmengen gilt, und man betrachtet die Menge derjenigen abgeschlossenen Teilmengen, die E nicht erfüllen. Man möchte zeigen, dass die Menge leer ist, und nimmt an, dass sie nicht leer ist. Dann besitzt sie auch ein minimales Element, und dies muss man dann zum Widerspruch führen. Die Gültigkeit dieses Beweisprinzips beruht darauf, dass man in einer nicht-leeren Menge ohne einem minimalen Element eine unendlich absteigende Kette konstruieren kann. Ein typisches Beispiel für dieses Beweisprinzip liefert der Beweis der folgenden Aussage.



Satz  

Es sei  V𝔸Kn  eine affin-algebraische Menge.

Dann gibt es eine eindeutige Zerlegung  V=V1Vk  mit irreduziblen Mengen Vi mit  Vi⊈Vj  für  ij

Beweis  

Die Existenz beweisen wir durch noethersche Induktion. Angenommen, nicht jede affin-algebraische Menge habe eine solche Zerlegung. Dann gibt es auch eine minimale Teilmenge, sagen wir V, ohne eine solche Zerlegung. V kann nicht irreduzibel sein, sondern es gibt eine nicht-triviale Darstellung  V=V1V2.  Da V1 und V2 echte Teilmengen von V sind, gibt es für diese beiden jeweils endliche Darstellungen als Vereinigung von irreduziblen Teilmengen. Diese beiden vereinigen sich zu einer endlichen Darstellung von V, was ein Widerspruch ist.
Zur Eindeutigkeit. Es seien

V=V1Vk=W1Wm

zwei Zerlegungen in irreduzible Teilmengen (jeweils ohne Inklusionsbeziehung). Es ist

V1=V1V=V1(W1Wm)=(V1W1)(V1Wm).

Da V1 irreduzibel ist, muss  V1Wj  für ein j sein. Umgekehrt ist mit dem gleichen Argument  WjVi  für ein i, woraus  i=1  und  V1=Wj  folgt. Ebenso findet sich V2 etc. in der Zerlegung rechts wieder, sodass die Zerlegung eindeutig ist.



Moduln

Es sei R ein kommutativer Ring und  M=(M,+,0)  eine additiv geschriebene kommutative Gruppe. Man nennt M einen R-Modul, wenn eine Operation

R×MM,(r,v)rv=rv,

(Skalarmultiplikation genannt) festgelegt ist, die folgende Axiome erfüllt (dabei seien r,sR und u,vM beliebig):

  1.  r(su)=(rs)u
  2.  r(u+v)=(ru)+(rv)
  3.  (r+s)u=(ru)+(su)
  4.  1u=u

Es sei R ein kommutativer Ring und M ein R-Modul. Eine Teilmenge  UM  heißt R-Untermodul, wenn sie eine Untergruppe von (M,0,+) ist und wenn für jedes  uU  und  rR  auch  ruU  ist.


Es sei R ein kommutativer Ring und M ein R-Modul. Eine Familie viM, iI, heißt Erzeugendensystem für M, wenn es für jedes Element  vM  eine Darstellung

v=iJrivi

gibt, wobei  JI  endlich ist und  riR


Es sei R ein kommutativer Ring und M ein R-Modul. Der Modul M heißt endlich erzeugt oder endlich, wenn es ein endliches Erzeugendensystem vi, iI, für ihn gibt (also mit einer endlichen Indexmenge).

Ein kommutativer Ring R selbst ist in natürlicher Weise ein R-Modul, wenn man die Ringmultiplikation als Skalarmultiplikation interpretiert. Die Ideale sind dann genau die R-Untermoduln von R. Die Begriffe Ideal-Erzeugendensystem und Modulerzeugendensystem stimmen für Ideale überein.


<< | Kurs:Algebraische Kurven (Osnabrück 2012) | >>

PDF-Version dieser Vorlesung

Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)