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Kurs:Elliptische Kurven (Osnabrück 2021-2022)/Vorlesung 12

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Eisenstein-Reihen

Es sei  Γ  ein Gitter und  k3.  Dann heißt

Gk(Γ):=zΓ1zk

die Eisensteinreihe zum Gitter Γ und zum Gewicht k.



Lemma  

Es sei  Γ  ein Gitter und  k3.  Dann erfüllen die Eisensteinreihen folgende Eigenschaften.

  1. Die Eisensteinreihen Gk(Γ) sind für  k3  absolut konvergent.
  2. Bei  Γ=u,v  ist
    Gk(Γ)=n,m,(n,m)(0,0)1(nu+mv)k.
  3. Für ungerades  k3  ist
    Gk(Γ)=0.
  4. Für  s×  ist
    Gk(sΓ)=skGk(Γ).

Beweis  

  1. Dies ist ein Spezialfall von Lemma 11.7.
  2. Das ist klar.
  3. Es sei k ungerade. Auf Γ ist durch die Punktsymmetrie eine Äquivalenzrelation gegeben, bei der jedes z mit sich und mit z äquivalent ist. Wir summieren gemäß diesen Äquivalenzklassen und erhalten
    Gk(Γ)=zΓ1zk=[z]Γ/±(1zk+1(z)k)=[z]Γ/±(1zk1zk)=0.
  4. Es ist
    Gk(sΓ)=w(sΓ)1wk=zΓ1(sz)k=1skzΓ1zk=1skGk(Γ).


Die Eisensteinreihen sind Invarianten, die den Gittern zugeordnet sind. Allerdings haben streckungsäquivalente Gitter nicht die gleichen Werte für die Eisensteinreihen, sondern es liegt das in Lemma 12.2  (4) beschriebene Transformationsverhalten vor. Für ein Gitter mit einer Basis der Form 1,τ mit  τ  ist

Gk(Γ)=(m,n)(0,0)1(m+nτ)k,

insofern kann man eine Eisensteinreihe auch als abhängig vom Parameter τ und damit als Funktion auf auffassen.



Die j-Invariante

Es sei  Γ  ein Gitter. Ausgehend von den Eisensteinreihen legt man weitere Invarianten zu Γ fest. Die Wahl der Normierungen durch relativ große Zahlen scheint zunächst willkürlich, wird aber einsichtig(er), wenn man die algebraische Gleichung für den zugehörigen komplexen Torus /Γ (siehe Satz 12.14) berücksichtigt.


Es sei  Γ  ein Gitter. Wir setzen

g2=g2(Γ)=60G4(Γ)

und

g3=g3(Γ)=140G6(Γ),

wobei G4 und G6 die Werte der Eisensteinreihen sind.


Es sei  Γ  ein Gitter. Wir setzen

Δ(Γ):=g23(Γ)27g32(Γ)

und nennen dies die Diskriminante des Gitters Γ.


Es sei  Γ  ein Gitter. Man nennt

j(Γ):=(12g2(Γ))3Δ(Γ)

die absolute Invariante oder die j-Invariante des Gitters Γ.

Statt von der absoluten Invarianten spricht man auch von der j-Invarianten oder der universellen Invarianten.

Für ein Gitter der Form  Γ=τ  setzt man  g2(τ)=g2(Γ),   g3(τ)=g3(Γ),   Δ(τ)=Δ(Γ)  und  j(τ)=j(Γ)




Lemma  

Für ein Gitter  Γ  und  s×  gelten die folgenden Regeln.

  1. Es ist
    g2(sΓ)=s4g2(Γ).
  2. Es ist
    g3(sΓ)=s6g3(Γ).
  3. Es ist
    Δ(sΓ)=s12Δ(Γ).
  4. Es ist
    j(sΓ)=j(Γ).

Beweis  

Die ersten beiden Aussagen folgen direkt aus Lemma 12.2  (4). Daraus ergeben sich auch die beiden anderen Aussagen.


Die Eigenschaft Lemma 12.7  (4) besagt, dass die j-Invariante von streckungsäquivalenten Gittern gleich ist.


Wir betrachten das Gitter  Γ=+i,  für das die Multiplikation mit i das Gitter bijektiv in sich selbst überführt. Wir wenden Lemma 12.7  (2) auf  s=i  an und erhalten

g3(Γ)=g3(iΓ)=i6g3(Γ).

Daraus folgt  g3(Γ)=0



Wir betrachten das Gitter  Γ=+1+3i2,  für das die Multiplikation mit 1+3i2 das Gitter bijektiv in sich selbst überführt. Wir wenden Lemma 12.7  (1) auf  s=1+3i2  an und erhalten

g2(Γ)=g2((1+3i2)Γ)=(1+3i2)4g2(Γ).

Daraus folgt  g2(Γ)=0




Die Differentialgleichung für die Weierstraßfunktion

Mit Hilfe der Eisensteinreihen können wir die Laurent-Entwicklung der Weierstraßschen Funktion beschreiben.


Lemma  

Die Laurent-Entwicklung der Weierstraßschen -Funktion im Nullpunkt ist

(z)=z2+k=1(2k+1)G2k+2(Γ)z2k.

Beweis  

Für die Summanden in der Weierstraßschen -Funktion gilt unter der Bedingung  |z|<|w|  nach der Ableitung von Satz 9.13 (Analysis (Osnabrück 2021-2023)) die Gleichung

1(zw)21w2=1w2(1(1zw)21)=1w2n=1(n+1)(zw)n=n=1(n+1)znwn+2.

Somit gilt für alle z, die betragsmäßig kleiner als alle Gitterpunkte 0 sind, die Beschreibung

(z)=1z2+wΓ(1(zw)21w2)=1z2+wΓ(n=1(n+1)znwn+2)=1z2+n=1(n+1)(wΓ1wn+2)zn=1z2+n=1(n+1)Gn+2(Γ)zn=1z2+k=1(2k+1)G2k+2(Γ)z2k,

da nach Lemma 12.2  (2) die Eisenstein-Werte zu ungeradem Index 0 sind.



Satz  

Es sei  Γ  ein Gitter.

Dann besitzt der Körper der elliptischen Funktionen die Beschreibung

(,)=()[]/('2g())

mit dem kubischen Polynom

g()=4360G4(Γ)140G6(Γ)=43g2g3

in der Weierstraßschen -Funktion, wobei G4(Γ) und G6(Γ) die Werte der Eisensteinreihen für Γ bezeichnen.

Beweis  

Es wurde bereits in Lemma 11.13 gezeigt, dass der Körper der elliptischen Funktionen von und erzeugt wird. Die Weierstraßsche Funktion ist definitiv nicht konstant, somit ist  ()(T)(,).  Wenn wir die angesprochene algebraische Relation zwischen und etabliert haben, so folgt, da diese irreduzibel ist, die Beschreibung des Körpers.

Nach Lemma 12.10 ist

(z)=z2+3G4z2+5G6z4+.

Daraus ergibt sich

(z)=2z3+6G4z+20G6z3+

und

((z))3=z6+9G4z2+15G6+

und

((z))2=4z624G4z280G6+,

wobei die weggelassenen höheren Terme holomorph sind. Wir betrachten die zusammengesetzte Funktion

h(z)=((z))24(z)3+60G4(z)+140G6,

die als polynomiale Kombination von elliptischen Funktionen wieder elliptisch ist, und allenfalls in den Gitterpunkten Pole besitzt. Die Laurent-Entwicklung dieser Funktion im Nullpunkt ist

h(z)=4z624G4z280G6+4(z6+9G4z2+15G6+)+60G4(z2+3G4z2+5G6z4+)+140G6=(44)z6+(2436+60)G4z2+(8060+140)G6z0+.

Da sich hier die Polstellenterme wegheben, ist dies eine holomorphe elliptische Funktion, die im Nullpunkt den Wert 0 besitzt. Daher ist die Funktion nach Lemma 11.3 konstant gleich 0 und beschreibt eine algebraische Relation zwischen und .


Die Differentialgleichung

()2=43g2g3

aus Satz 12.11 heißt Differentialgleichung für die Weierstraßsche Funktion . Dies sieht schon ziemlich stark wie die Gleichung einer elliptischen Kurve in kurzer Weierstraßform aus.

Wir betrachten die Faktorisierung

()2=43g2g3=4(e1)(e2)(e3)

mit komplexen Zahlen e1,e2,e3. Wenn  Γ=v1,v2  das Gitter ist, so sind nach Aufgabe 11.8 die Halbierungspunkte v12,v22,v1+v22 die Nullstellen von und damit auch der rechten Seite der obigen Gleichung. Man hat also  ei=(vi2),  wenn man  v3=v1+v2  setzt, und die ei werden unter nur von diesen Halbierungspunkten aus einer halboffenen Fundamentalmasche getroffen. Nach Lemma 11.11 wird auf der halboffenen Fundamentalmasche jeder Wert w von zweifach (mit Vielfachheiten gezählt) angenommen. Wenn  (z)=w  ist, so auch  (z)=w.  Dies wenden wir auf  w=ei  an, wo wir ein Urbild, nämlich vi2 schon kennen. Das andere Urbild stimmt aber, in die Fundamentalmasche verschoben, wieder mit vi2 überein. Daher sind die ei verschieden, was nach Lemma 4.8 die Glattheit der Kurve bedeutet.




Komplexe Tori und elliptische Funktionen

Es sei  Γ  ein Gitter. Wir betrachten die Weierstraßsche p-Funktion und ihre Ableitung und betrachten die holomorphe Abbildung

Γ2,z((z),(z))=(x,y).

Das Bild erfüllt die algebraische Gleichung

y2=g(x)=4x3g2xg3

mit dem kubischen Polynom g aus Satz 12.11. Wir betrachten die Abbildung in die projektive Ebene über die Einbettung  2=D+(z)2



Satz  

Es sei  Γ  ein Gitter.

  1. Die holomorphe Abbildung
    Γ22,z((z),(z))

    lässt sich holomorph zu einer Abbildung

    ψ:2

    fortsetzen.

  2. Dabei ist ψ Γ-periodisch und induziert eine holomorphe Abbildung
    φ:/Γ2.
  3. φ ist eine bijektive Abbildung zwischen dem komplexen Torus /Γ und der projektiven glatten kubischen Kurve
    V+(F)2

    mit der affinen Gleichung  F(x,y)=y24x3+g2x+g3  aus Satz 12.11.

Beweis  

  1. In homogenen Koordinaten liegt die Abbildung
    Γ2,z((z),(z),1)

    vor. Es sei

    UΓ

    die offene Teilmenge, auf der keine Nullstelle besitzt. Für die affine Karte  D+(y)2  ergibt sich die Beschreibung

    U2D+(y),z((z)(z),(z)(z),1(z))=((z)(z),1,1(z)).

    Da in den Gitterpunkten einen Pol der Ordnung 2 und einen Pol der Ordnung 3 besitzt, ist diese Funktion in die Gitterpunkte holomorph fortsetzbar, und zwar mit dem Wert (0,1,0).

  2. Da und elliptische Funktionen sind, ist die Abbildung auf Γ nach Definition periodisch bezüglich Γ. Wie in (1) gezeigt werden alle Gitterpunkte auf (0,1,0) abgebildet, also gilt die Γ-Periodizität auf ganz . Daher induziert dies eine stetige Abbildung
    /Γ2,

    und diese ist holomorph, da

    /Γ

    eine Überlagerung ist, siehe Satz 8.6, und sich die Holomorphie von ψ auf φ überträgt.

  3. Nach Satz 12.11 erfüllen und die affine kubische Relation
    ()2=g()=43g2g3,

    daher erfüllt das Bild von ψ die entsprechende homogene kubische Gleichung. Die Glattheit der Kurve wurde in Bemerkung 12.12 festgestellt. Zur Bijektivität. Der einzige Punkt der Kurve außerhalb von D+(w) ist (0,1,0) und dieser entspricht den Gitterpunkten. Wir können uns also auf Γ und D+(w) konzentrieren. Zur Injektivität. Aus  (z1)=(z2)  folgt nach Lemma 11.11, dass  z2=±z1  ist, und aus  (z1)=(z1)=(z1)  folgt, dass z1 eine Nullstelle von ist. Diese sind nach Aufgabe 11.8 gleich v1/2,v2/2,(v1+v2)/2, wobei v1,v2 Gittererzeuger seien. Diese Elemente stimmen aber modulo Γ mit ihrem Negativen überein.

    Zur Surjektivität. Sei  (x,y)V(y2g(x))D+(w)  vorgegeben. Nach Lemma 11.11 gibt es  zΓ  mit  (z)=x=(z).  Dabei ist  (±z)2=g((±z))=g(x).  Da ungerade ist, ist  (z)=y  oder  (z)=y


In Satz 12.13 haben wir die Abbildung in die projektive Ebene als holomorph angesprochen. Dazu fassen wir die projektive Ebene als komplexe Mannigfaltigkeit auf. Man kann aber auch die elliptische Kurve  V+(F)2  als komplexe Mannigfaltigkeit auffassen (vergleiche Bemerkung 7.8), nämlich als eindimensionale abgeschlossene Untermannigfaltigkeit der projektiven Ebene mit der letztlich durch den Satz über implizite Abbildungen gesicherten holomorphen Struktur. Mit dieser Struktur is die Abbildung aus Satz 12.13 sogar biholomorph.



Satz  

Es sei  Γ  ein Gitter.

Dann ist die holomorphe Abbildung

φ:/ΓV+(F)2

aus Satz 12.13 ein Gruppenisomorphismus, wenn man für die kubische Kurve V+(F) den Punkt (0,1,0) als Nullpunkt nimmt.

Beweis  

Es wurde in Satz 12.13 gezeigt, dass eine bijektive Abbildung vorliegt. Die Addition auf der kubischen Kurve V+(F) ist dadurch bestimmt, dass die drei Schnittpunkte der Kurve mit einer beliebigen projektiven Geraden die Summe 𝔒 ergeben, siehe Bemerkung 6.1 und Definition 6.2. Es ist also zu zeigen, dass die Urbilder von drei kolinearen Punkten auf V+(F) in sich zu einem Element aus Γ aufsummieren. Wir betrachten Geraden, die durch eine affine Gleichung der Form  y=αx+β  gegeben sind, für andere Geraden siehe Aufgabe 12.6. Wir betrachten die elliptische Funktion

f(z)=(z)α(z)β.

Diese besitzt wie (z) einen einzigen Pol im Nullpunkt der Ordnung 3. Nach Lemma 11.5 gibt es daher drei Punkte z1,z2,z3 mit der Gesamtnullstellenordnung 3 (dabei können die Punkte zusammenfallen). Die positive Nullstellenordnung bedeutet dabei, dass diese Punkte unter ψ auf die vorgegebene Gerade abgebildet werden. Nach Lemma 11.6 ist  z1+z2+z3Γ.  Dies bedeutet  [z1]+[z2]+[z3]=[0]  in /Γ.


Streckungsäquivalente Gitter bzw. als komplexe Lie-Gruppen isomorphe komplexe Tori führen zu (als Varietäten und auch als abelsche Varietäten) isomorphen elliptischen Kurven, siehe Aufgabe 12.7. Isomorphe elliptische Kurven sind auch als komplexe Lie-Gruppen isomorph. Ferner kann man zeigen, dass jede elliptische Kurve über zu einem komplexen Torus biholomorph ist.


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