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Kurs:Lineare Algebra (Osnabrück 2017-2018)/Teil I/Vorlesung 14

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„... der Vorwurf, das moderne Gedicht sei „unverständlich“. An ihm ist bemerkenswert, daß er nicht spezifisch, im Hinblick auf den einen oder anderen Text, sondern stets pauschal erhoben wird. Das legt den Verdacht nahe, daß er nicht in wirklichen Leseerfahrungen, sondern im Ressentiment gründet.“
Hans Magnus Enzensberger



Linearformen

Es sei K ein Körper und sei V ein K-Vektorraum. Eine lineare Abbildung

VK

heißt eine Linearform auf V.


Eine Linearform auf dem Kn ist von der Form

KnK,(x1,,xn)i=1naixi,

zu einem Tupel (a1,,an). Besonders einfache Linearformen sind die Projektionen

pj:KnK,(x1,,xn)xj.

Die Nullabbildung nach K ist ebenfalls eine Linearform, die man auch die Nullform nennt.


Wir haben schon eine Vielzahl von Linearformen kennengelernt, beispielsweise die Preisfunktion bei einem Einkauf verschiedener Produkte oder der Vitamingehalt von Obstsalaten aus verschiedenen Obstsorten. Bezüglich einer Basis v1,,vn von V und einer Basis w von K (dabei ist w einfach ein von 0 verschiedenes Element aus K) besteht die beschreibende Matrix zu einer Linearform einfach aus einer Zeile mit n Einträgen.


Eine Reihe von prominenten Bespielen von Linearformen auf unendlichdimensionalen Vektorräumen finden sich in der Analysis. Zu einem reellen Intervall [a,b] sind die Menge der Funktionen Abb([a,b],) bzw. die Menge der stetigen Funktionen C([a,b],) bzw. die Menge der stetig differenzierbaren Funktionen C1([a,b],) reelle (ineinander enthaltene) Vektorräume. Zu einem Punkt  P[a,b]  ist jeweils die Auswertung ff(P) eine Linearform (wegen der punktweise definierten Addition und Skalarmultiplikation auf diesen Räumen). Ebenso ist die Auswertung der Ableitung

C1([a,b],),ff(P),

eine Linearform. Für C([a,b],) ist ferner das Integral, also die Abbildung

C([a,b],),fabf(t)dt,

eine Linearform. Dies beruht auf der Linearität des Integrals.


Es sei K ein Körper und seien V und W Vektorräume über K. Zu einer Linearform

f:VK

und einem Vektor  wW  ist die Abbildung

fw:VW,vf(v)w,

linear. Es handelt sich einfach um die Hintereinanderschaltung

VfKιwW,

wobei ιw die Abbildung ssw bezeichnet.

Der Kern der Nullform ist der gesamte Raum, ansonsten besitzt der Kern einer jeden Linearform  fHomK(V,K)  mit  f0  die Dimension dimK(V)1. Dies folgt aus der Dimensionsformel. Abgesehen von der Nullform ist eine Linearform stets surjektiv.



Es sei V ein n-dimensionaler K-Vektorraum und es sei  UV  ein n1-dimensionaler Untervektorraum.

Dann gibt es eine Linearform f:VK mit  U=kernf

Beweis

Siehe Aufgabe 14.5.



Lemma  

Es sei V ein K-Vektorraum und es sei  vV  ein von 0 verschiedener Vektor.

Dann gibt es eine Linearform f:VK mit  f(v)0

Beweis  

Der eindimensionale K-Untervektorraum  KvV  besitzt ein direktes Komplement, also

V=KvU

mit einem Untervektorraum  UV.  Die Projektion auf Kv zu dieser Zerlegung bildet v auf 1 ab.



Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum, und seien  v1,,vnV.  Zu jedem k gebe es eine Linearform

φk:VK

mit

φk(vk)0 und φk(vi)=0 für ik.

Dann sind die v1,,vn linear unabhängig.

Beweis

Siehe Aufgabe 14.7.




Der Dualraum

Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum. Dann heißt der Homomorphismenraum

V=HomK(V,K)

der Dualraum zu V.

Die Addition und die Skalarmultiplikation sind wie allgemein im Fall von Homomorphismenräumen definiert, also  (f+g)(v):=f(v)+g(v)  und  (sf)(v):=sf(v).  Bei endlichdimensionalem V ist nach Korollar 13.12 die Dimension des Dualraumes V gleich der Dimension von V.


Es sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum mit einer Basis v1,,vn. Dann nennt man die Linearformen

v1,,vnV,

die durch[1]

vi(vj)=δij={1, falls i=j,0, falls ij,

festgelegt sind, die Dualbasis zur gegebenen Basis.

Wegen Satz 10.10 ist durch die Vorschrift in der Tat jeweils eine Linearform festgelegt. Die Linearform vi ordnet einem beliebigen Vektor  vV  die i-te Koordinate von v bezüglich der gegebenen Basis zu. Zu  v=j=1nsjvj  ist ja

vi(v)=vi(j=1nsjvj)=j=1nsjvi(vj)=si.

Es ist wichtig zu betonen, dass vi nicht nur von dem Vektor vi, sondern von der gesamten Basis abhängt. Es gibt keinen „dualen Vektor“ zu einem Vektor. Dies sieht beispielsweise anders aus, wenn auf V ein Skalarprodukt gegeben ist.



Zur Standardbasis e1,,en im Kn besteht die Dualbasis aus den Projektionen auf eine Komponente, also gleich  ei=pi  mit

pi:KnK,(x1,,xn)xi.

Sie heißt die Standarddualbasis.




Lemma  

Es sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum mit einer Basis v1,,vn.

Dann bildet die Dualbasis

v1,,vnV

eine Basis des Dualraums.

Beweis  

Es sei

j=1najvj=0

mit  ajK.  Wenn wir diese Linearform auf vi anwenden, so ergibt sich direkt

ai=0.

Die v1,,vn sind also linear unabhängig. Nach Korollar 13.12 besitzt der Dualraum die Dimension n, daher muss bereits eine Basis vorliegen.



Lemma  

Es sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum mit einer Basis v1,,vn und der Dualbasis

v1,,vnV.

Dann gilt für jeden Vektor  vV  die Gleichheit

v=i=1nvi(v)vi.

D.h. die Linearformen vi ergeben die Skalare (Koordinaten) eines Vektors bezüglich einer Basis.

Beweis  

Der Vektor v hat eine eindeutige Darstellung

v=j=1nsjvj

mit  sjK.  Die rechte Seite der behaupteten Gleichheit ist somit

i=1nvi(v)vi=i=1nvi(j=1nsjvj)vi=i=1nsivi=v.



Lemma  

Es sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum und sei v1,,vn eine Basis von V mit der Dualbasis v1,,vn. Es sei w1,,wn eine weitere Basis mit der Dualbasis w1,,wn und mit

wr=k=1nakrvk.

Dann ist

wj=i=1nbijvi,

wobei  (bij)ij=(A1)tr  die Transponierte der inversen Matrix von  A=(akr)kr  ist.

Beweis  

Es ist

(i=1nbijvi)(wr)=(i=1nbijvi)(k=1nakrvk)=1i,knbijakrvi(vk)=i=1nbijair.

Hier steht das „Produkt“ aus der j-ten Spalte von B und der r-ten Spalte von A, also das Produkt aus der j-ten Zeile von  Btr=A1  und der r-ten Spalte von A. Bei  r=j  ist dies 1 und bei  rj  ist dies 0. Daher stimmt die angegebene Linearform mit wj überein.

Mit Basiswechselmatrizen kann man dies auch als

M𝔳𝔴=((M𝔳𝔴)1)tr=(M𝔴𝔳)tr

ausdrücken.


Wir betrachten den 2 mit der Standardbasis e1,e2, seiner Dualbasis e1,e2 und die Basis bestehend aus  u1=(21)  und  u2=(13).  Wir wollen die Dualbasis u1 und u2 als Linearkombinationen der Standarddualbasis ausdrücken, also in

u1=ae1+be2

(bzw. in  u2=ce1+de2 ) die Koeffizienten a und b (bzw. c und d) bestimmen. Dabei ist a=u1(e1) und b=u1(e2). Um dies berechnen zu können, müssen wir e1 und e2 als Linearkombination der u1 und u2 ausdrücken. Dies ist

e1=37(21)17(13)

und

e2=17(21)+27(13).

Also ist

a=u1(e1)=u1(37u117u2)=37

und entsprechend

b=u1(e2)=u1(17u1+27u2)=17

und somit ist

u1=37e1+17e2.

Mit den gleichen Rechnungen ergibt sich

u2=17e1+27e2.

Die Übergangsmatrix von u zu e ist daher

M𝔢𝔲=(37171727).

Die transponierte Matrix davon ist

(M𝔢𝔲)tr=(37171727)=(2113)1=(M𝔢𝔲)1.

Die umgekehrte Aufgabe, die Standarddualbasis durch u1 und u2 auszudrücken, ist einfacher zu lösen, da man dies aus der Darstellung der ui bezüglich der Standardbasis direkt ablesen kann. Es ist

e1=2u1+u2

und

e2=u1+3u2,

wie man überprüft, wenn man beidseitig an u1,u2 auswertet.




Die Spur

Es sei K ein Körper und sei  M=(aij)ij  eine n×n-Matrix über K. Dann heißt

Spur(M):=i=1naii

die Spur von M.


Es sei K ein Körper und sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum. Es sei φ:VV eine lineare Abbildung, die bezüglich einer Basis durch die Matrix M beschrieben werde. Dann nennt man Spur(M) die Spur von φ, geschrieben Spur(φ).

Nach Aufgabe 14.15 ist dies unabhängig von der gewählten Basis. Die Spur ist eine Linearform auf dem Vektorraum der quadratischen Matrizen bzw. auf dem Vektorraum der Endomorphismen.



Fußnoten
  1. Das so definierte Symbol heißt Kronecker-Delta.


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