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Kurs:Lineare Algebra (Osnabrück 2017-2018)/Teil II/Vorlesung 46

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Eine Äquivalenzrelation auf einer Menge M definiert die Quotientenmenge M/ und die kanonische Projektion MM/. Wenn es auf M zusätzliche Strukturen gibt und die Äquivalenzrelation diese respektiert, so kann man häufig auf M/ wieder die gleiche Struktur erhalten. Als Hauptbeispiel für diesen Prozess betrachten wir Äquivalenzrelationen auf Gruppen, die durch eine Untergruppe definiert werden.



Nebenklassen

Es sei G eine Gruppe und  HG  eine Untergruppe. Wir setzen  xHy  (und sagen, dass x und y äquivalent sind), wenn  x1yH

Dies ist in der Tat eine Äquivalenzrelation: Aus  x1x=eGH  folgt, dass diese Relation reflexiv ist. Aus  x1yH  folgt sofort  y1x=(x1y)1H  und aus  x1yH  und  y1zH  folgt  x1zH

Zwei Gruppenelemente x und y sind genau dann äquivalent, wenn es ein Element  hH  der Untergruppe mit  y=xh  gibt. In Anschluss an Beispiel 45.12 kann man die Situation so interpretieren, dass die Untergruppe H eine Menge an Bewegungsmöglichkeiten festlegt, und zwei Elemente genau dann äquivalent sind, wenn sie durch eine solche durch H gegebene Bewegung ineinander überführt werden können.


In einer (additiv geschriebenen) kommutativen Gruppe wie oder einem Vektorraum V und einer Untergruppe H bedeutet  xHy,  dass  yxH  ist bzw. dass es ein  hH  mit

y=x+h

gibt. Die Äquivalenzklassen sind von der Form  x+H={x+hhH}.  Bei  H=d  mit einem festen d besitzen die Äquivalenzklassen die Form

H=d,1+H={,1d,1,1+d,1+2d,},2+H={,2d,2,2+d,2+2d,},.

Die Klassen vereinigen diejenigen ganzen Zahlen, die bei Division durch d den Rest 0 oder 1 oder 2 usw. haben. Diese Klassen bilden eine vollständige Zerlegung von .

Die Äquivalenzklassen zu einem Untervektorraum.

Wenn  H=UV  ein Untervektorraum ist, so haben die Äquivalenzklassen die Form  v+U={v+uuU}  für einen Vektor  vV.  Dies ist der affine Raum mit dem Aufpunkt v und dem Verschiebungsraum U (im Sinne von Definition 29.1). Die Äquivalenzklassen bilden eine Familie von zueinander parallelen affinen Unterräumen.



Es sei G eine Gruppe und  HG  eine Untergruppe. Dann heißt zu jedem  xG  die Teilmenge

xH={xhhH}

die Linksnebenklasse von x in G bezüglich H. Jede Teilmenge von dieser Form heißt Linksnebenklasse. Entsprechend heißt eine Menge der Form

Hx={hxhH}

Rechtsnebenklasse (zu x).

Die Äquivalenzklassen zu der oben definierten Äquivalenzrelation sind wegen

[x]={yGxy}={yGx1yH}={yGes gibt hH mit x1y=h}={yGes gibt hH mit y=xh}=xH

genau die Linksnebenklassen. Die Nebenklasse zum neutralen Element ist die Untergruppe H selbst. Die Linksnebenklassen bilden somit eine disjunkte Zerlegung (eine Partition) von G. Dies gilt ebenso für die Rechtsnebenklassen. Im kommutativen Fall muss man nicht zwischen Links- und Rechtsnebenklassen unterscheiden.


Lemma  

Es sei G eine Gruppe und  HG  eine Untergruppe. Es seien  x,yG  Elemente.

Dann sind folgende Aussagen äquivalent.

  1.  xyH
  2.  yxH
  3.  y1xH
  4.  x1yH
  5.  xHyH
  6.  xHy
  7.  xH=yH

Beweis  

Die Äquivalenz von (1) und (3) (und die von (2) und (4)) folgt aus Multiplikation mit y1 bzw. mit y. Die Äquivalenz von (3) und (4) folgt durch Übergang zum Inversen. Aus (1) folgt (5) wegen  1H.  Wenn (5) erfüllt ist, so bedeutet das  xh1=yh2  mit gewissen  h1,h2H.  Damit ist  x=yh2h11  und (1) ist erfüllt. (4) und (6) sind nach Definition 46.1 äquivalent. Da die Linksnebenklassen die Äquivalenzklassen sind, ergibt sich die Äquivalenz von (5) und (7).



Der Satz von Lagrange

Zu einer endlichen Gruppe G bezeichnet man die Anzahl ihrer Elemente als Gruppenordnung oder als die Ordnung der Gruppe, geschrieben

ord(G)=#(G).

Mit diesem Begriff kann man sagen, dass die Ordnung einer Untergruppe die Ordnung der Gruppe teilt.



Es sei G eine endliche Gruppe.

Dann besitzt jedes Element  gG  eine endliche Ordnung.

Die Potenzen

g0=eG,g1=g,g2,,gord(g)1

sind alle verschieden.

Beweis

Siehe Aufgabe 46.6.

Satz  

Es sei G eine endliche Gruppe und  HG  eine Untergruppe von G.

Dann ist ihre Kardinalität #(H) ein Teiler von #(G).

Beweis  

Betrachte die Linksnebenklassen  gH:={ghhH}  für sämtliche  gG.  Es ist

HgH,hgh,

eine Bijektion zwischen H und gH, sodass alle Nebenklassen gleich groß sind (und zwar #(H) Elemente haben). Die Nebenklassen bilden (als Äquivalenzklassen) zusammen eine Zerlegung von G, sodass #(G) ein Vielfaches von #(H) sein muss.



Korollar  

Es sei G eine endliche Gruppe und sei  gG  ein Element.

Dann teilt die Ordnung von g die Gruppenordnung.

Beweis  

Es sei H die von g erzeugte Untergruppe. Nach Lemma 46.6 ist

ord(g)=ord(H).

Daher teilt diese Zahl nach Satz 46.7 die Gruppenordnung von G.



Zu einer Untergruppe  HG  heißt die Anzahl der (Links- oder Rechts--)Nebenklassen der Index von H in G, geschrieben

indGH.

In der vorstehenden Definition ist Anzahl im allgemeinen als die Mächtigkeit einer Menge zu verstehen. Der Index wird aber hauptsächlich dann verwendet, wenn er endlich ist, wenn es also nur endlich viele Nebenklassen gibt. Das ist bei endlichem G automatisch der Fall, kann aber auch bei unendlichem G der Fall sein, wie schon die Beispiele n, n1, zeigen. Wenn G eine endliche Gruppe ist und  HG  eine Untergruppe, so gilt aufgrund des Satzes von Lagrange die einfache Indexformel

#(G)=#(H)indGH.

Auch wenn G nicht endlich ist, so sind die verschiedenen Äquivalenzklassen untereinander insofern „ähnlich“, dass es stets eine natürliche bijektive Abbildung

HgH,hgh,

gibt. Damit gibt es auch eine natürliche bijektive Abbildung zwischen je zwei Äquivalenzklassen.



Normalteiler

Es sei G eine Gruppe und  HG  eine Untergruppe. Man nennt H einen Normalteiler, wenn

xH=Hx

für alle  xG  ist, wenn also die Linksnebenklasse zu x mit der Rechtsnebenklasse zu x übereinstimmt.

Bei einem Normalteiler braucht man nicht zwischen Links- und Rechtsnebenklassen zu unterscheiden und spricht einfach von Nebenklassen. Statt xH oder Hx schreiben wir meistens [x]. Die Gleichheit  xH=Hx  bedeutet nicht, dass  xh=hx  für alle  hH  ist, sondern lediglich, dass es zu jedem  hH  ein  h~H  mit  xh=h~x  gibt.



Lemma  

Es sei G eine Gruppe und  HG  eine Untergruppe.

Dann sind folgende Aussagen äquivalent.

  1. H ist ein Normalteiler von G.
  2. Es ist  xhx1H  für alle xG und hH.
  3. H ist invariant unter jedem inneren Automorphismus von G.

Beweis  

(1) bedeutet bei gegebenem  hH,  dass man  xh=h~x  mit einem  h~H  schreiben kann. Durch Multiplikation mit x1 von rechts ergibt sich  xhx1=h~H,  also (2). Dieses Argument rückwärts ergibt die Implikation (2)(1). Ferner ist (2) eine explizite Umformulierung von (3).



Wir betrachten die Permutationsgruppe  G=S3  zu einer dreielementigen Menge, d.h. S3 besteht aus den bijektiven Abbildungen der Menge {1,2,3} in sich. Die triviale Gruppe {id} und die ganze Gruppe sind Normalteiler. Die Teilmenge  H={id,φ},  wobei φ die Elemente 1 und 2 vertauscht und 3 unverändert lässt, ist eine Untergruppe. Sie ist aber kein Normalteiler. Um dies zu zeigen, sei ψ die Bijektion, die 1 fest lässt und 2 und 3 vertauscht. Dieses ψ ist zu sich selbst invers. Die Konjugation  ψφψ1=ψφψ  ist dann die Abbildung, die 1 auf 3, 2 auf 2 und 3 auf 1 schickt, und diese Bijektion gehört nicht zu H.




Lemma  

Es seien G und H Gruppen und sei

φ:GH

ein Gruppenhomomorphismus.

Dann ist der Kern kernφ ein Normalteiler in G.

Beweis  

Eine Untergruppe liegt aufgrund von Lemma 44.21 vor. Wir verwenden Lemma 46.11. Es sei also  xG  beliebig und  hkernφ.  Dann ist

φ(xhx1)=φ(x)φ(h)φ(x1)=φ(x)eHφ(x1)=φ(x)φ(x)1=eH,

also gehört xhx1 ebenfalls zum Kern.



Restklassenbildung
Das Bild zeigt die Äquivalenzklassen zu einem Untervektorraum mit der wohldefinierten Addition auf den Klassen.

Wir zeigen nun umgekehrt, dass jeder Normalteiler sich als Kern eines geeigneten, surjektiven Gruppenhomomorphismus realisieren lässt. Statt G/H schreibt man einfach G/H.

Die Multiplikation der Nebenklassen zu einem Normalteiler  NG



Satz  

Es sei G eine Gruppe und  HG  ein Normalteiler. Es sei G/H die Menge der Nebenklassen (die Quotientenmenge) und

q:GG/H,g[g],

die kanonische Projektion.

Dann gibt es eine eindeutig bestimmte Gruppenstruktur auf G/H derart, dass q ein Gruppenhomomorphismus ist.

Beweis  

Da die kanonische Projektion zu einem Gruppenhomomorphismus werden soll, muss die Verknüpfung durch

[x][y]=[xy]

gegeben sein. Wir müssen also zeigen, dass durch diese Vorschrift eine wohldefinierte Verknüpfung auf G/H definiert ist, die unabhängig von der Wahl der Repräsentanten ist. D.h. wir haben für [x]=[x] und [y]=[y] zu zeigen, dass  [xy]=[xy]  ist. Nach Voraussetzung können wir x=xh und hy=h~y=yh mit  h,h~,hH  schreiben. Damit ist

xy=(xh)y=x(hy)=x(yh)=xyh.

Somit ist  [xy]=[xy].  Aus der Wohldefiniertheit der Verknüpfung auf G/H folgen die Gruppeneigenschaften, die Homomorphieeigenschaft der Projektion und die Eindeutigkeit.



Es sei G eine Gruppe und  HG  ein Normalteiler. Die Quotientenmenge

G/H

mit der aufgrund von Satz 46.14 eindeutig bestimmten Gruppenstruktur heißt Restklassengruppe von G modulo H. Die Elemente  [g]G/H  heißen Restklassen. Für eine Restklasse [g] heißt jedes Element gG mit [g]=[g] ein Repräsentant von [g].


Die Untergruppen der ganzen Zahlen sind nach Satz 44.3 von der Form n mit n0. Die Restklassengruppen werden mit

/(n)

bezeichnet (sprich „ modulo n “). Bei  n=0  ist das einfach selbst, bei  n=1  ist das die triviale Gruppe. Im Allgemeinen ist die durch die Untergruppe n definierte Äquivalenzrelation auf dadurch gegeben, dass zwei ganze Zahlen a und b genau dann äquivalent sind, wenn ihre Differenz ab zu n gehört, also ein Vielfaches von n ist. Daher ist (bei n1) jede ganze Zahl zu genau einer der n Zahlen

0,1,2,,n1

äquivalent (oder, wie man auch sagt, kongruent modulo n ), nämlich zum Rest, der sich bei Division durch n ergibt. Diese Reste bilden also ein Repräsentantensystem für die Restklassengruppe, und diese besitzt n Elemente. Die Tatsache, dass die Restklassenabbildung

/(n),a[a]=amodn,

ein Homomorphismus ist, kann man auch so ausdrücken, dass der Rest einer Summe von zwei ganzen Zahlen nur von den beiden Resten, nicht aber von den Zahlen selbst, abhängt. Als Bild der zyklischen Gruppe ist auch /(n) zyklisch, und zwar ist 1 (aber auch 1) stets ein Erzeuger.



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