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Kurs:Algebraische Kurven (Osnabrück 2008)/Vorlesung 26

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Die Schnittmultiplizität

Es seien zwei ebene algebraische Kurven  C,D𝔸K2  gegeben, die keine Komponente gemeinsam haben. Dann besteht der Durchschnitt CD nach Satz 4.8 nur aus endlich vielen Punkten. Wir wollen das Schnittverhalten der beiden Kurven in einem Punkt PCD quantitativ erfassen. Dabei empfiehlt es sich, eine etwas allgemeinere Situation zu betrachten, und zwar schreiben wir C=V(F) und D=V(G) und berücksichtigen, dass in F und in G Primfaktoren (jeweils) mehrfach vorkommen können. D.h. wir unterscheiden von nun an zwischen den Kurven V(F) und V(Fn), obwohl es sich geometrisch um das gleiche Objekt handelt.



Lemma  

Es sei K ein Körper und seien  F,GK[X,Y]  Polynome ohne gemeinsamen Primteiler. Es sei  PV(F,G)  und  R=K[X,Y]𝔪P  die zugehörige Lokalisierung.

Dann besitzt der Restklassenring R/(F,G) eine endliche K-Dimension.

Beweis  

Es sei 𝔪 das maximale Ideal in R. Da F und G keinen gemeinsamen Teiler haben, gibt es in R zwischen (F,G) und 𝔪 kein weiteres Primideal. Daher ist in R/(F,G) jede Nichteinheit nilpotent. Daher gilt in R die Beziehung  𝔪s(F,G)𝔪  für ein s. Es liegt daher eine Surjektion

R/𝔪sR/(F,G)

vor. Nach Lemma 23.3 besitzt der Restklassenring links eine endliche K-Dimension, sodass dies auch für den Restklassenring rechts gilt.


Aufgrund von diesem Lemma ist die folgende Definition sinnvoll.


Es sei K ein Körper und seien  F,GK[X,Y]  zwei nichtkonstante Polynome ohne gemeinsame Komponente und sei

PV(F)V(G)=V(F,G).

Dann nennt man die Dimension

dimK(K[X,Y]P/(F,G))

die Schnittmultiplizität der beiden Kurven V(F) und V(G) im Punkt P. Sie wird mit

multP(F,G) oder mit multP(V(F),V(G))

bezeichnet.


Es sei  C=V(F)  und eine Gerade  G=V(cX+dY)  in der affinen Ebene 𝔸K2 gegeben, die keine Komponente von C sei. Es sei  P=(a,b)CG  ein Punkt des Durchschnitts. Den Restklassenring

K[X,Y]P/(F,cX+dY)

berechnet man, indem man mittels des linearen Terms nach einer der Variablen X oder Y auflöst. Damit kann man eine Variable eliminieren und der Restklassenring ist isomorph zu K[X]P/(F~), wobei man F~ erhält, indem man in F die Variable Y durch cdX ersetzt. Dies kann man auch so sehen, dass man zuerst K[X]/(F~) berechnet und dann an dem Punkt lokalisiert. Das Polynom F~ hat in K[X] eine Faktorisierung in Linearfaktoren (der Körper sei algebraisch abgeschlossen)

F~=(Xλ1)ν1(Xλk)νk.

Da der Punkt P eine Nullstelle ist, muss  a=λi  für ein i sein. Bei der Lokalisierung werden die anderen Linearfaktoren zu Einheiten gemacht und „übrig“ bleibt

K[X]/(Xλi)νi.

Dieser Ring hat die Dimension νi.




Lemma  

Es sei K ein algebraisch abgeschlossener Körper, sei F=Fm++FdK[X,Y], md, ein Polynom in homogener Zerlegung und  L=V(aX+bY)  eine Gerade durch den Nullpunkt P, die keine Komponente von V(F) sei.

Dann ist

multP(L,V(F))mP(F)=m,

d.h. die Schnittmultiplizität einer Kurve mit einer Geraden ist mindestens so groß wie die Multiplizität der Kurve im Schnittpunkt.

Wenn L keine Tangente der Kurve ist, so gilt hierbei Gleichheit.

Beweis  

Wir setzen  R=K[X,Y](X,Y)  und  H=aX+bY,  und wir nehmen  b0  an, sodass wir  Y=cX  schreiben können. Es sei zunächst die Gerade L keine Tangente von V(F) in P, also keine Komponente von V(Fm). Es ist dann

R/(F,H)K[X](X)/(Fm(X,cX)++Fd(X,cX)).

Hierbei ist  Fm(X,cX)0  und es wird Xmu mit einer Einheit u rausdividiert, sodass der Restklassenring die K-Dimension m besitzt. Im allgemeinen Fall gibt es ein minimales i, mid, mit  Fi(X,cX)0  (sonst wäre L eine Komponente von V(F)). Dann ist mit dem gleichen Argument die Dimension des Restklassenringes gleich  im



Es sei K ein algebraisch abgeschlossener Körper und seien  F,GK[X,Y]  Polynome ohne gemeinsame Komponente und sei  P𝔸K2  ein Punkt. Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Es ist  multP(F,G)=0  genau dann, wenn  PV(F,G)  ist.
  2. Es ist  multP(F,G)=multP(G,F)
  3. Die Schnittmultiplizität ändert sich nicht bei einer affinen Variablentransformation.
  4. Wenn  F=F1F2  mit  F2(P)0  ist, so ist  multP(F,G)=multP(F1,G)
  5. Es ist  multP(F,G)=multP(F,G+HF)  für jedes  HK[X,Y]

Beweis

Das ist trivial.


Teil (4) der letzten Aussage kann man auch so formulieren, dass die Schnittmultiplizität nur von den Komponenten von F und G abhängen, die durch P gehen.

Ein transversaler und ein nichttransversaler Schnitt.



Es seien  F,GK[X,Y]  und  PV(F,G).  Dann sagt man, dass sich V(F) und V(G) im Punkt P transversal schneiden, wenn P sowohl auf V(F) als auch auf V(G) ein glatter Punkt ist und wenn die Tangenten der beiden Kurven im Punkt P verschieden sind.



Lemma  

Es sei K ein Körper und seien  F,GK[X,Y]  Polynome ohne gemeinsame Komponente. Es sei

PV(F,G)𝔸K2

ein Schnittpunkt.

Dann schneiden sich V(F) und V(G) in P genau dann transversal, wenn die Schnittmultiplizität  multP(V(F),V(G))=1  ist.

Beweis  

Es sei  R=K[X,Y]𝔪  der lokale Ring zum (Null-)Punkt P in der Ebene. Es sei zunächst der Schnitt als transversal vorausgesetzt. Dann sind insbesondere beide Kurven in P glatt, und  B=R/(F)  ist nach Lemma 23.2 ein diskreter Bewertungsring. Da die Tangenten verschieden sind, können wir annehmen, dass die Tangente an V(F) durch V(Y) und die Tangente an V(G) durch V(X) gegeben ist. Nach dem Beweis zu Lemma 23.2 ist dann X eine Ortsuniformisierende von B. Da G die Form G=X+H mit H𝔪2 hat, ist G ebenfalls eine Ortsuniformisierende in B und daher ist  B/(G)=K.  Daher ist die Schnittmultiplizität eins.

Für die Rückrichtung folgt aus Lemma 26.4, dass die Multiplizität der beiden Kurven in P eins sein muss und daher beide Kurven in P glatt sind. Nehmen wir an, dass die Tangenten übereinstimmen. Dann können wir annehmen, dass sowohl F als auch G die Form Y+ Terme von größerem Grad besitzen. Man kann die Idealerzeuger (F,G) durch (F,FG) ersetzen, und dabei ist  FG𝔪2.  Dann erzeugt aber FG in  B=R/(F)  nicht das maximale Ideal, und die Schnittmultiplizität kann nicht eins sein.



Satz  

Es seien  F,GK[X,Y]  Polynome ohne gemeinsamen Primteiler mit Faktorzerlegungen

F=i=1mFiνi und G=j=1nGjμj

Dann ist

multP(F,G)=i,jνiμjmultP(Fi,Gj).

Beweis  

Diese Aussage folgt durch Induktion aus dem Spezialfall  F=F1F2  (und G=G). Es sei  R=K[X,Y]𝔪P.  Wegen  (F1F2,G)(F2,G)  hat man eine surjektive Abbildung R/(F1F2,G)R/(F2,G). Andererseits induziert die Multiplikation mit F2 einen R-Modulhomomorphismus R/(F1,G)R/(F1F2,G). Wir behaupten, dass eine kurze exakte Sequenz

0R/(F1,G)F2R/(F1F2,G)R/(F2,G)0

vorliegt. Dabei ist die Surjektivität klar und ebenso, dass die hintereinander geschalteten Abbildungen die Nullabbildung sind. Es sei  zR/(F1F2,G)  ein Element, das rechts auf 0 abgebildet wird. Dann kann man in R schreiben:  z=AF2+BG.  Dann repräsentiert AF2 ebenfalls diese Klasse in R/(F1F2,G), und dieses kommt von links. Es sei nun  wR/(F1,G)  ein Element, das durch Multiplikation mit F2 auf 0 abgebildet wird, also  wF2=CF1F2+DG  in R. Wir schreiben dies als

(wCF1)F2=DG.

Da F und G keinen gemeinsamen Primteiler besitzen, gilt dies erst recht für F2 und G. Also muss F2 ein Teiler von D sein und es ergibt sich eine Beziehung  (wCF1)=D~G,  woraus folgt, dass bereits  w=0  ist.

Aus der Additivitätseigenschaft von kurzen exakten Sequenzen folgt die gewünschte Identität

multP(F1F2,G)=dimK(R/(F1F2,G))=dimK(R/(F1,G))+dimK(R/(F2,G))=multP(F1,G)+multP(F2,G).



Satz  

Es sei R ein noetherscher kommutativer Ring mit nur endlich vielen Primidealen 𝔪1,,𝔪n, die alle maximal seien.

Dann gibt es eine kanonische Isomorphie

RR𝔪1××R𝔪n.

Beweis  

Die maximalen Ideale sind zugleich die minimalen Primideale. Daher besteht der Durchschnitt  𝔞=i𝔪i  aller maximalen Ideale nur aus nilpotenten Elementen. Da der Ring noethersch ist, gibt es dann auch ein s mit  𝔞s=0.  Zu jedem maximalen Ideal 𝔪i betrachten wir die Lokalisierung RR𝔪i. Wir behaupten, dass diese Lokalisierung isomorph zum Restklassenring

R/𝔞i mit 𝔞i:=𝔪is

ist. Wegen  i𝔪ii𝔪i  ist  (i𝔪i)s(i𝔪i)s  und daher ist auch  𝔞1𝔞n=0.  Es sei  i=1.  Zu jedem  j1  gibt es ein gj𝔪j mit gj𝔪1. Daher gilt für jedes Element  f𝔞1  die Beziehung

fg2sgns=0.

Wegen  g2sgns𝔪1  bedeutet dies, dass f unter der Lokalisierungsabbildung auf 0 geht. Wir erhalten also einen Ringhomomorphismus

R/𝔞1R𝔪1.

Damit ist die Lokalisierung rechts auch eine Lokalisierung des Restklassenringes links. Die maximalen Ideale erzeugen paarweise das Einheitsideal. Dies gilt dann auch für beliebige Potenzen davon. Daraus folgt zunächst, dass das Ideal 𝔞1 nur in 𝔪1 enthalten ist. Daher ist der Restklassenring links selbst ein lokaler nulldimensionaler Ring. Also muss die Abbildung ein Isomorphismus sein.

Die gegebene Abbildung kann man also auch schreiben als

Ri=1nR/𝔞i.

Hierbei erzeugen die 𝔞i paarweise das Einheitsideal, sodass nach dem Chinesischen Restsatz eine Isomorphie vorliegt.



Korollar  

Es sei K ein algebraisch abgeschlossener Körper und seien  F,GK[X,Y]  Polynome ohne gemeinsamen Primteiler. Es seien  P1,,Pn𝔸K2  die endlich vielen Punkte aus V(F,G) mit den zugehörigen maximalen Idealen 𝔪1,,𝔪n in K[X,Y].

Dann gibt es eine kanonische Isomorphie

K[X,Y]/(F,G)(K[X,Y]𝔪1)/(F,G)××(K[X,Y]𝔪n)/(F,G).

Beweis  

Da F und G keinen gemeinsamen Primteiler haben, umfasst das Ideal (F,G) nur endlich viele Primideale, die alle maximal sind. Daher erfüllt der Restklassenring R/(F,G) die Bedingungen aus Satz 26.9. Da der Körper algebraisch abgeschlossen ist, entsprechen die maximalen Ideale eindeutig den Punkten im Schnitt der beiden zugehörigen Kurven V(F) und V(G), sodass sich die Aussage ergibt.



Satz  

Es sei K ein algebraisch abgeschlossener Körper und seien  F,GK[X,Y]  Polynome ohne gemeinsamen Primteiler.

Dann ist

dimK(K[X,Y]/(F,G))=PmultP(F,G).

Beweis  

Dies folgt direkt aus der in Korollar 26.10 bewiesenen Isomorphie.

Wir erwähnen noch abschließend ohne Beweis folgenden Satz, der eine Abschätzung zwischen der Schnittmultiplizität und den Multiplizitäten der beiden Kurven angibt.


Es seien  F,GK[X,Y]  und  PV(F,G)

Dann gilt die Abschätzung

multP(F,G)mP(F)mP(G).
Siehe Fulton, Algebraic Curves, Chapter III.3.




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