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Kurs:Körper- und Galoistheorie (Osnabrück 2011)/Vorlesung 12

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Wir interessieren uns für die Frage, wann eine endliche Körpererweiterung  KL  einfach ist, also in der Form  L=K(x)  mit einem Element xL geschrieben werden kann. Antwort gibt der Satz vom primitiven Element (d.h. erzeugenden Element), der besagt, dass dies unter der recht schwachen Voraussetzung der Separabilität der Fall ist.



Separable Körpererweiterungen

Es sei K ein Körper. Ein Polynom PK[X] heißt separabel, wenn es über keinem Erweiterungskörper  KL  mehrfache Nullstellen besitzt.



Lemma  

Es sei K ein Körper und sei  PK[X]  ein Polynom. Dann sind die folgenden Aussagen äquivalent:

  1. P ist separabel.
  2. Es gibt eine Körpererweiterung  KL  derart, dass P über L in einfache Linearfaktoren zerfällt.
  3. P und die Ableitung P sind teilerfremd.
  4. P und die Ableitung P erzeugen das Einheitsideal.

Beweis  

(1)(2). Dies folgt aus Lemma 11.1.
(2)(3). Nehmen wir an, dass P und P einen gemeinsamen nichttrivialen Teiler in K[X] besitzen. Dies ist dann auch in L[X] der Fall. Dies bedeutet wiederum, dass ein Linearfaktor von P auch ein Teiler von P ist. Daher besitzen P und P eine gemeinsame Nullstelle und somit besitzt P eine mehrfache Nullstelle im Widerspruch zur Voraussetzung.
(3)(4). Dies folgt aus Lemma 3.16.
(4)(1). Es sei  KL  eine Körpererweiterung derart, dass  PL[X]  in Linearfaktoren zerfällt. Nach Voraussetzung kann man 1 in K[X] als Linearkombination von P und P darstellen. Diese Eigenschaft überträgt sich direkt auf L[X]. Wenn P in L eine mehrfache Nullstelle hätte, so wäre diese Nullstelle auch eine Nullstelle der Ableitung. Das kann aber wegen der Darstellbarkeit der 1 nicht sein.



Eine endliche Körpererweiterung  KL  heißt separabel, wenn für jedes Element xL das Minimalpolynom separabel ist.




Es sei  KL  eine endliche separable Körpererweiterung und M, KML, ein Zwischenkörper.

Dann ist auch  ML  eine separable Körpererweiterung.

Beweis

Siehe Aufgabe 12.5.


Unser erstes wichtiges Ziel ist es, zu zeigen, dass eine endliche Körpererweiterung bereits dann separabel ist, wenn die Minimalpolynome zu einem Erzeugendensystem separabel sind.



Lemma  

Es sei  KL=K[x]=K(x)  eine endliche einfache Körpererweiterung vom Grad  d=gradKL.  Es sei  KM  eine Körpererweiterung, unter der das Minimalpolynom F von x in Linearfaktoren zerfällt.

Dann ist F genau dann ein separables Polynom, wenn es d verschiedene K-Einbettungen von L in M gibt.

Beweis  

Es sei also  KL=K[x]=K[X]/(F)  vom Grad d mit dem Minimalpolynom F gegeben. Dieses Polynom F ist genau dann separabel, wenn es in M genau d Nullstellen besitzt. Diese Nullstellen stehen gemäß Satz 6.4 in Bijektion zu den K-Algebrahomomorphismen von  L=K[X]/(F)  nach M.



Lemma  

Es sei  KL=K[x1,,xn]  eine endliche Körpererweiterung vom Grad  d=gradKL  mit der Eigenschaft, dass die Minimalpolynome FiK[X] zu den xi separabel sind. Es sei  KM  eine Körpererweiterung, unter der die Fi in Linearfaktoren zerfallen.

Dann gibt es d verschiedene K-Einbettungen von L in M.

Beweis  

Wir führen Induktion über n, bei  n=0  ist der Grad der Körpererweiterung gleich 1 und es gibt auch nur die K-Einbettung  KM.  Es sei die Aussage für n bewiesen. Wir betrachten die Körperkette

KK=K[x1,,xn]K[xn+1]=L.

Wir wissen also, dass es gradKK verschiedene K-Einbettungen von K nach M gibt. Aufgrund der Gradformel genügt es zu zeigen, dass es für  KK[xn+1]=L  so viele K-Einbettungen von L in M gibt, wie es der Körpergrad gradKL vorgibt. Es genügt also, den Fall  n=1  zu beweisen, und dieser folgt aus Lemma 12.5.




Satz  

Es sei  KL=K[x1,,xn]  eine endliche Körpererweiterung. Es sei vorausgesetzt, dass die Minimalpolynome Fi der xi separabel sind.

Dann ist die Erweiterung  KL 

separabel.

Beweis  

Wir führen Induktion über den Grad der Körpererweiterung, wobei der Grad 1 trivial ist. Es sei xL, x∉K, mit Minimalpolynom  FK[X].  Wir betrachten den zugehörigen Zwischenkörper

KK[x]K[X]/(F)L,

wobei die Grade mit  d1=gradKK[x],   d2=gradK[x]L  und mit  d=d1d2=gradKL  bezeichnet seien. Es sei  KM  ein Körper, über dem F und die Fi in Linearfaktoren zerfallen. Wir betrachten die Abbildung

Ψ:HomK(L,M)HomK(K[x],M),

wobei einfach der Definitionsbereich eingeschränkt wird. Nach Lemma 12.6 gibt es d verschiedene K-Algebrahomomorphismen von L nach M. Nach Induktionsvoraussetzung ist  K[x]L  eine separable Körpererweiterung vom Grad d2 und daher gibt es nach Lemma 12.5 zu jedem fixierten K-Algebrahomomorphismus von K[x] nach M genau d2 K-Algebrahomomorphismen von L nach M, die diesen Homomorphismus fortsetzen. Die Anzahl der Elemente in den Fasern von Ψ ist also stets gleich d2 und somit besitzt das Bild HomK(K[x],M) genau d1 Elemente. Also gibt es d1 K-Algebrahomomorphismen von  K[x]K[X]/(F)  nach M und somit ist F, wiederum nach Lemma 12.5, ein separables Polynom.



Der Satz vom primitiven Element



Lemma  

Es sei  KL=K(x)  eine endliche einfache Körpererweiterung und  KML  ein Zwischenkörper. Es sei  G=j=0kbjXjM[X]  das Minimalpolynom von x über M.

Dann ist  M=K(b0,,bk)

Beweis  

Wir gehen von der Inklusion  K=K(b0,,bk)M  aus. Die Körpererweiterung  KL  ist ebenfalls einfach mit dem Erzeuger x, und  GK[X]  ist irreduzibel, da es ja irreduzibel in M[X] ist. Somit ist G nach Lemma 7.12 auch das Minimalpolynom von x über K. Daher ist  L=M[X]/(G)  und  L=K[X]/(G)  und insbesondere

gradML=grad(G)=gradKL.

Nach der Gradformel, angewendet auf  KML,  folgt  K=M



Satz  

Es sei  KL  eine endliche Körpererweiterung.

Dann ist  KL  genau dann eine einfache Körpererweiterung, wenn es nur endlich viele Zwischenkörper  KML  gibt.

Beweis  

Wenn K ein endlicher Körper ist, so ist auch L endlich und die Voraussetzung über die endlich vielen Zwischenkörper ist automatisch erfüllt. In diesem Fall ist aber auch nach Satz 10.5 die Körpererweiterung einfach. Wir können also annehmen, dass K unendlich ist. Es sei zunächst vorausgesetzt, dass es in  KL  nur endlich viele Zwischenkörper gibt. Sei  gradKL=n.  Jeder von L verschiedene Zwischenkörper Mi, i=1,,k, ist ein maximal (n1)-dimensionaler K-Untervektorraum von L und daher gibt es eine von 0 verschiedene K-lineare Abbildung

φi:LK

mit  φi(Mi)=0.  Zu φi gehört ein lineares Polynom Pi (in n Variablen)[1] mit der entsprechenden Eigenschaft. Das Polynom  P=i=1kPi  ist dann auf der Vereinigung aller Zwischenkörper  MiL  gleich 0. Da K unendlich ist, gibt es aber nach Aufgabe 12.11 auch Elemente  a=(a1,,an)L  mit  P(a)0.  Der von einem solchen Element a über K erzeugte Körper muss gleich L sein, da er nach Konstruktion in keinem anderen Zwischenkörper liegt.

Es sei nun

L=K(x)=K[x]=K[X]/(F)

eine einfache Körpererweiterung mit dem Minimalpolynom FK[X]. Für jeden Zwischenkörper M, KML, ist  L=M(x)  und das Minimalpolynom G von x über M ist in M[X] und insbesondere in L[X] ein Teiler von F. Nach Lemma 12.8 besteht die Beziehung  M=K(b0,,bk),  wobei die bj die Koeffizienten von G sind. Da F in L[X] nur endlich viele (normierte) Teiler besitzt, gibt es nur endlich viele Zwischenkörper.



Korollar  

Es sei  KL  eine endliche einfache Körpererweiterung und  KML  ein Zwischenkörper.

Dann ist auch  KM  eine einfache Körpererweiterung.

Beweis  

Dies folgt unmittelbar aus Satz 12.9, da ja  KM  unter der Voraussetzung auch nur endlich viele Zwischenkörper besitzt.


Der folgende Satz heißt Satz vom primitiven Element.


Satz  

Es sei  KL  eine endliche separable Körpererweiterung.

Dann wird L von einem Element erzeugt, d.h. es gibt ein  fL  mit

L=K(f)K[X]/(P)

mit einem irreduziblen (Minimal-)Polynom  PK[X]

Beweis  

Bei K endlich folgt die Aussage sofort aus Satz 10.5, wir können also K als unendlich annehmen. Es sei  KL=K[x1,,xn].  Es genügt zu zeigen, dass man sukzessive zwei Erzeuger davon durch einen Erzeuger ersetzen kann. Dabei ist  KK[x1,x2]  ebenfalls separabel. Es sei also  L=K[x,y]  gegeben und  n=gradKL.  Es sei  KM  eine Körpererweiterung, unter der die Minimalpolynome von x und von y in Linearfaktoren zerfallen. Es gibt gemäß Lemma 12.6 n K-Einbettungen

σ1,,σn:LM.

Wir betrachten das Polynom

P=ij((σi(y)σj(y))X+σi(x)σj(x)),

das zu M[X] gehört. Dies ist nicht das Nullpolynom, da keiner der Linearfaktoren gleich 0 ist. Daher besitzt P nur endlich viele Nullstellen und somit gibt es, da K unendlich ist, ein  cK  mit  P(c)0.  Die Elemente  σi(x+cy)=σi(x)+cσi(y)  sind alle verschieden. Aus  σi(x)+cσi(y)=σj(x)+cσj(y)  für  ij  folgt nämlich  (σi(y)σj(y))c+σi(x)σj(x)=0,  und c wäre doch eine Nullstelle von P. Es gibt also n verschiedene Einbettungen von K(x+cy) nach M und insbesondere ist  gradKK(x+cy)n,  also ist  K(x+cy)=L



Fußnoten
  1. Man fixiert hierzu eine K-Basis von L, die zugehörige Dualbasis entspricht dann den n Variablen. Die folgende Tupelschreibweise bezieht sich ebenfalls auf die Basis.


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