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Kurs:Körper- und Galoistheorie (Osnabrück 2011)/Vorlesung 21

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Es sei  KL  eine algebraische Körpererweiterung. Man nennt einen Körper N mit  LN  eine normale Hülle von L über K, wenn N der gemeinsame Zerfällungskörper aller Minimalpolynome von Elementen aus L ist.



Lemma  

Es sei  KL  eine endliche Körpererweiterung.

Dann existiert die normale Hülle  LN

Beweis  

Es sei  L=K(x1,,xn)  und seien P1,,Pn die zugehörigen Minimalpolynome. Wir setzen  P=P1Pn,  und es sei N der Zerfällungskörper von P über L. Nach Satz 14.5 ist die Körpererweiterung  KN  normal.



Auflösbare Körpererweiterungen

Wir kommen nun zu einer Ausgangsfrage zurück, nämlich zur Frage, ob man für jedes gegebene Polynom P[X] eine Kette von einfachen Radikalerweiterungen  K1Kn=K  finden kann, so dass K die Nullstellen von P enthält. Dies ist die körpertheoretische Variante der Frage, ob es entsprechend zur Lösungsformel von Cardano auch für höhere Grade eine Lösung mit Radikalen gibt. Diese Fragestellung führt zu den folgenden Begriffen.


Eine Körpererweiterung  KL  heißt auflösbar, wenn es eine Radikalerweiterung  KM  mit  LM  gibt.


Es sei K ein Körper und FK[X] ein Polynom. Man sagt, dass das Polynom F auflösbar ist (bzw., dass die Gleichung F(x)=0 auflösbar ist), wenn die Körpererweiterung  KZ(F)  auflösbar ist.

Wir erinnern daran, dass eine Radikalerweiterung aus einer Kette von einfachen Radikalerweiterungen besteht, wobei eine einfache Radikalerweiterung durch die Adjunktion einer gewissen Wurzel eines Elements gegeben ist.[1] Eine Radikalerweiterung

KL

nennt man eine m-Radikalerweiterung, wenn es eine Körperkette aus einfachen Radikalerweiterungen  Li+1=Li(xi)  gibt, wobei die Beziehung ximLi gilt. Jede Radikalerweiterung ist eine m-Radikalerweiterung für viele m, beispielsweise kann man jedes gemeinsame Vielfache der Einzelexponenten der beteiligten einfachen Radikalerweiterungen nehmen. Ein solches m hat (ähnlich wie der Exponent bei Kummererweiterungen) lediglich die Funktion, gewisse numerische Daten durch eine „gemeinsame Schranke“ zu kontrollieren.



Lemma  

Es sei  KL  eine m-Radikalerweiterung.

Dann ist auch die normale Hülle N von L eine m-Radikalerweiterung von K.

Beweis  

Es sei eine Körperkette aus einfachen Radikalerweiterungen gegeben, also

K=L0L1Ln=L

mit  Li+1=Li(xi)  und  ximLi.  Wir zeigen durch Induktion über n, dass die normale Hülle von L über K ebenfalls eine m-Radikalerweiterung ist. Bei  n=0  ist nichts zu zeigen. Wir nehmen also an, dass die Aussage schon für kleinere Zahlen  n<n  bewiesen sei. Es sei  LN  die normale Hülle, die die normale Hülle Nn1 von Ln1 enthält. Nach Induktionsvoraussetzung ist  KNn1  eine m-Radikalerweiterung. In Nn1 zerfallen die Minimalpolynome der xi, in2, und in N zerfallen die Minimalpolynome der xi, in1. Daher ist  N=Nn1(α1,,αk),  wobei die αj die Nullstellen des Minimalpolynoms von xn1 sind. Wegen  xn1m=an1Ln1  sind diese αj auch Nullstellen des Polynoms Xman1.


Wir kommen nun zur gruppentheoretischen Charakterisierung von auflösbaren Körpererweiterungen. Dabei beschränken wir uns auf Charakteristik null. Dies sichert, dass es zu jeder Zahl n primitive n-te Einheitswurzeln in einem Erweiterungskörper gibt. Durch die Hinzunahme von Einheitswurzeln können wir auf eine Situation hin transformieren, in der wir mittels Kummertheorie aus der Kommutativität von gewissen Galoisgruppen auf die Existenz von Wurzeln schließen können.


Satz  

Es sei K ein Körper der Charakteristik 0 und sei  KL  eine Galoiserweiterung.

Dann ist die Körpererweiterung  KL  genau dann auflösbar, wenn ihre Galoisgruppe Gal(L/K) auflösbar ist.

Beweis  

Es sei zuerst die Körpererweiterung  KL  auflösbar, und zwar sei  LM  eine Körpererweiterung derart, dass  KM  eine Radikalerweiterung ist. Es sei m dabei ein gemeinsamer „Radikalexponent“ der beteiligten einfachen Radikalerweiterungen. Da wir in Charakteristik 0 sind, können wir zu M eine m-te primitive Einheitswurzel ζ adjungieren und erhalten eine m-Radikalerweiterung  KM=M(ζ).  Wir ersetzen M durch seine normale Hülle M, die nach Lemma 21.5 ebenfalls eine m-Radikalerweiterung von K ist. Da wir in Charakteristik 0 sind, ist  KM  eine Galoiserweiterung. Wir können also davon ausgehen, dass eine Kette

K=L0K(ζ)=L1L2Lk=M

vorliegt, wobei  KM  galoissch ist und wo die sukzessiven Körpererweiterungen  LiLi+1  einfache Radikalerweiterungen sind. Es sei  G=Gal(M/K)  und wir setzen

Gi=Gal(M/Li).

Dabei gelten nach Lemma 15.3  (2) die natürlichen Inklusionen

Gk={Id}Gk1Gk2G1G0=G.

Da die Zwischenerweiterungen  LiLi+1  für  i1  einfache Radikalerweiterungen und in L1 die benötigten Einheitswurzeln vorhanden sind, folgt aus Satz 17.5, dass es sich um Galoiserweiterungen mit abelscher Galoisgruppe handelt. Aufgrund von Satz 16.4  (2) sind daher die Gi+1 Normalteiler in Gi und die Restklassengruppen Gi/Gi+1 sind kommutativ. Die Erweiterung  KK(ζ)=L1  besitzt nach Aufgabe 19.11 ebenfalls eine abelsche Galoisgruppe. Daher liegt insgesamt eine Filtrierung vor, die G als auflösbar erweist. Da  KL  eine Galoiserweiterung ist, gilt wieder nach Satz 16.4 die Beziehung

Gal(L/K)=G/Gal(M/L),

sodass auch Gal(L/K) wegen Lemma 20.3 eine auflösbare Gruppe ist.

Es sei nun vorausgesetzt, dass die Galoisgruppe  G=Gal(L/K)  auflösbar ist, und sei

{Id}=GkGk1Gk2G1G0=G

eine Filtrierung mit Untergruppen derart, dass jeweils  Gi+1Gi  ein Normalteiler ist mit abelscher Restklassengruppe Gi/Gi+1. Wir setzen  Li=Fix(Gi),  sodass nach Lemma 15.3  (1) und Satz 15.6 die Körperkette

K=L0L1Lk=L

vorliegt. Dabei sind nach Korollar 15.7 die Körpererweiterungen  LiL  galoissch, und ihre Galoisgruppen sind Gi gemäß Satz 16.1. Da die Gi+1 Normalteiler in Gi sind, sind aufgrund von Satz 16.4 die Körpererweiterungen  LiLi+1  galoissch mit Galoisgruppe  Gal(Li+1/Li)=Gi/Gi+1.  Diese sukzessiven Erweiterungen sind also Galoiserweiterungen mit abelscher Galoisgruppe. Es sei m der Exponent von G. Es sei  LM  ein m-ter Kreisteilungskörper, also ein Zerfällungskörper von Xm1 über L, und sei ζM eine m-te primitive Einheitswurzel. Es ist somit  M=L(ζ).  Wir setzen  Mi=Li(ζ)  (innerhalb von M) und haben dann die Körperkette

KM0=K(ζ)M1Mk=M.

Hierbei gilt  Mi+1=MiLi+1.  Nach Satz 19.7 ist  MiMi+1  ebenfalls galoissch, und es gilt die Untergruppenbeziehung

Gal(Mi+1/Mi)=Gal(Li+1/Li+1Mi)Gal(Li+1/Li),

sodass diese Galoisgruppen auch abelsch sind. Da die m-te primitive Einheitswurzel ζ zu M0 gehört, sind die Erweiterungen  MiMi+1  allesamt Kummererweiterungen und damit nach Korollar 17.4 auch Radikalerweiterungen. Da auch  KM0=K(ζ)  eine (einfache) Radikalerweiterung ist, ist insgesamt  KM  eine Radikalerweiterung, die L umfasst. Somit ist  KL  auflösbar.



Korollar  

Es sei K ein Körper der Charakteristik 0 und sei  FK[X]  ein Polynom.

Dann ist F genau dann auflösbar, wenn die Galoisgruppe Gal(Z(F)/K) des Zerfällungskörpers von F auflösbar ist.

Beweis  

Wegen Satz 15.6 ist  KZ(F)  eine Galoiserweiterung, sodass die Aussage direkt aus Satz 21.6 folgt.


Ein wichtiges unmittelbares Korollar aus der vorstehenden Charakterisierung ist die Auflösbarkeit mit Radikalen von polynomialen Gleichungen vom Grad vier, wobei man dieses Ergebnis auch direkt über die (recht komplizierten, aber) expliziten Cardanoschen Lösungsformeln zum vierten Grad erhalten kann.



Korollar  

Es sei K ein Körper der Charakteristik 0 und sei  FK[X]  ein Polynom vom Grad 4.

Dann ist F auflösbar.

D.h. es gibt eine Radikalerweiterung  KM  derart, dass F über M in Linearfaktoren zerfällt.

Beweis  

Es sei L der Zerfällungskörper von F über K, der aufgrund der Voraussetzung über die Charakteristik nach Satz 15.6 eine Galoiserweiterung ist. Sei  G=Gal(L/K).  Über L besitzt F maximal  d=grad(F)  Nullstellen. Nach Lemma 13.1 ist G eine Untergruppe der Permutationsgruppe der Nullstellen, also ist jedenfalls  GS4.  Wegen Lemma 20.8 und Lemma 20.2 ist somit G eine auflösbare Gruppe. Aus Satz 21.6 folgt daher die Auflösbarkeit des Zerfällungskörpers über K.


Das entscheidende Schlussfolgerung aus der obigen Charakterisierung ist aber, dass nicht alle Gleichungen auflösbar sind. Das ist Gegenstand der nächsten Vorlesung.



Fußnoten
  1. Man beachte, dass eine einfache Radikalerweiterung nicht das gleiche ist wie eine Radikalerweiterung, die zugleich eine einfache Körpererweiterung ist.


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Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)