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Kurs:Körper- und Galoistheorie (Osnabrück 2011)/Vorlesung 9/kontrolle

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Graduierte Körpererweiterungen

Es sei K ein Körper und D eine kommutative Gruppe.[1] Eine K-Algebra A heißt D-graduiert, wenn es eine direkte Summenzerlegung

A=dDAd

mit K-Untervektorräumen Ad derart gibt, dass  KA0  ist und für die Multiplikation auf A die Beziehung

AdAeAd+e

gilt.

In einer D-graduierten K-Algebra besitzt jedes Element  aA  eine eindeutige Darstellung

a=dDad mit adAd,

wobei nur endlich viele der ad ungleich 0 sein können. Die ad heißen dabei die homogenen Komponenten von a, die Ad heißen ebenfalls die homogenen Komponenten von A (oder d-te Stufe) und Elemente  aAd  heißen homogen vom Grad d. Die Gruppe D heißt die graduierende Gruppe. Der Fall  Ad=0  ist erlaubt.

Durch eine Graduierung wird die Multiplikation auf einer Algebra A übersichtlicher strukturiert. Man muss lediglich für homogene Elemente aAd und bAe die Produkte abAd+e kennen, dadurch ist schon die gesamte Multiplikation distributiv festgelegt.



Die Körpererweiterung    ist durch die Gruppe  D=/(2)  graduiert. Die 0-te homogene Komponente ist und die 1-te Komponente ist i (das i gehört da dazu, während man unter dem Imaginärteil einer komplexen Zahl die reelle Zahl vor dem i versteht). Die übliche Schreibweise  z=a+bi  ist also die Zerlegung in die homogenen Komponenten.



Es sei K ein Körper und K[X1,,Xn] der Polynomring in n Variablen über K. Dieser ist in naheliegender Weise -graduiert. Man definiert für ein Monom X1k1X2k2Xnkn den Grad durch k1+k2++kn und setzt Ad als den Vektorraum aller Polynome an, die Linearkombinationen von Monomen vom Grad d sind. Bei der Multiplikation von zwei Monomen verhält sich der Grad offensichtlich additiv, sodass dadurch eine graduierte K-Algebra entsteht. Es ist  A0=K  und  An=0  für negativen Grad n. Diese Graduierung heißt auch die Standardgraduierung auf dem Polynomring.



Es sei K ein Körper,  aK  und  n.  Dann besitzt die Restklassenalgebra  A=K[X]/(Xna)  eine Graduierung mit der graduierenden Gruppe  D=/(n),  und zwar setzt man (wobei x die Restklasse von X sei)

Ad={λxdλK}.

Jedes Element  fA  kann man durch ein Polynom repräsentieren, das maximal den Grad n1 besitzt. Daher besitzt jedes f eine Summendarstellung mit Summanden aus den Ad. Diese Summenzerlegung ist direkt, da man mit der einzigen gegebenen Gleichung  Xn=a  nicht weiter reduzieren kann. Die Multiplikationseigenschaft folgt aus  λxdμxe=λμxd+e,  und dies ist gleich λμaxd+en, falls  d+en  ist, und andernfalls gleich λμxd+e. So oder so ist es ein Element aus Ad+e.


Im vorstehenden Beispiel ist es eine nicht-triviale Frage, unter welchen Bedingungen die Algebra A wieder ein Körper ist. Falls ja, so liegt eine graduierte Körpererweiterung im Sinne der folgenden Definition vor.


Es sei K ein Körper und D eine endliche kommutative Gruppe. Unter einer D-graduierten Körpererweiterung versteht man eine Körpererweiterung  KL,  bei der auf L eine D-Graduierung  L=dDLd  mit  L0=K  und  Ld0  für alle dD gegeben ist.



Lemma  Lemma 9.7 ändern

Es sei K ein Körper, D eine endliche kommutative Gruppe und  KL  eine D-graduierte Körpererweiterung. Dann gelten folgende Eigenschaften

  1. Jede homogene Stufe Ld besitzt die K-Dimension 1.
  2. Es ist  gradKL=#(D)
  3. Es sei  D=(d1,,dm)  ein Erzeugendensystem von D und es sei xiLdi, xi0, fixiert. Dann ist  L=K[x1,,xm].  Insbesondere wird L von homogenen Elementen erzeugt.
  4. Jedes homogene Element xLd, x0, besitzt ein Minimalpolynom der Form Xna mit  aK
  5. Die Körpererweiterung  KL  ist eine Radikalerweiterung.

Beweis  

(1). Nach Voraussetzung ist  Ld0.  Es seien a,bLd von 0 verschieden und sei cLd ebenfalls 0. Dann sind ca und cb Elemente 0 in  L0=K  und daher besteht die Beziehung  ca=λcb  mit λK, die sich durch Multiplikation mit c1 (dieses Element gibt es, da wir in einem Körper sind) zurückübersetzt zu  a=λb
(2) folgt direkt aus (1).
(3) ist klar wegen (1).
(4). Es sei n die Ordnung von dD. Für ein homogenes Element xLd, x0, ist daher

a=xnLnd=L0=K.

Also ist XnaK[X] ein annullierendes Polynom. Die Potenzen xi, 0in1, liegen alle in verschiedenen homogenen Stufen. Daher sind sie linear unabhängig und es kann kein annullierendes Polynom von kleinerem Grad geben.
(5) folgt aus (3) und (4).



Charaktergruppe und Automorphismengruppe bei einer graduierten Körpererweiterung

Wir wollen nun die Automorphismen auf einer graduierten Körpererweiterung kennenlernen. Die Graduierung erlaubt es, die Automorphismen übersichtlich zu beschreiben, was für eine beliebige Körpererweiterung keineswegs selbstverständlich ist. Die Automorphismen hängen eng mit den sogenannten Charakteren der graduierenden Gruppe zusammen, so dass wir zuerst über Charaktere sprechen.


Es sei G ein Monoid und K ein Körper. Dann heißt ein Monoidhomomorphismus

χ:G(K×,1,)

ein Charakter von G in K.

Die Menge der Charaktere von G nach K bezeichnen wir mit Char(G,K). Mit dem trivialen Charakter (also der konstanten Abbildung nach 1) und der Verknüpfung

(χ1χ2)(g):=χ1(g)χ2(g)

ist Char(G,K) selbst ein Monoid, und zwar ein Untermonoid des Abbildungsmonoid von G nach K×. Da es zu jedem Charakter den inversen Charakter χ1 gibt, der durch

χ1(g)=(χ(g))1

definiert ist, bildet Char(G,K) sogar eine kommutative Gruppe(siehe unten).


Es sei G ein Gruppe und K ein Körper. Dann nennt man die Menge der Charaktere

G:=Char(G,K)={χ:GK×χ Charakter}

die Charaktergruppe von G (in K).




Lemma Lemma 9.10 ändern

Es sei G eine Gruppe, K ein Körper und  G=Char(G,K)  die Charaktergruppe zu G. Dann gelten folgende Aussagen.

  1. G ist eine kommutative Gruppe.
  2. Bei einer direkten Gruppenzerlegung  G=G1×G2  ist  (G1×G2)=G1×G2

Beweis

Siehe Aufgabe 9.4.



Lemma  Lemma 9.11 ändern

Es sei K ein Körper, D eine kommutative Gruppe und A eine D-graduierte kommutative K-Algebra.

Dann gibt es einen Gruppenhomomorphismus

D=Char(D,K)AutK(A),χ(adχ(d)ad),

der Charaktergruppe von D in die (homogene) K-Automorphismengruppe von A.

Wenn alle  Ad0  sind, so ist diese Zuordnung injektiv.

Beweis  

Zu jedem Charakter

χ:DK×
ist die durch

 φχ(dDad)=dDχ(d)ad  definierte Abbildung φχ mit der Addition verträglich. Die Verträglichkeit mit der Multiplikation folgt für homogene Elemente adAd und aeAe aus

φχ(adae)=χ(d+e)adae=χ(d)χ(e)adae=φχ(ad)φχ(ae),

woraus sich aufgrund des Distributivgesetzes auch der allgemeine Fall ergibt. Für  aA0  (und insbesondere für aK) ist ferner  φχ(a)=χ(0)a=a,  sodass ein K-Algebrahomomorphismus vorliegt.
Der triviale (konstante) Charakter geht bei dieser Zuordnung auf die Identität. Es seien nun zwei Charaktere  χ1,χ2Char(D,K)  gegeben. Für ein homogenes Element  adAd  ist

φχ1χ2(ad)=(χ1χ2)(d)ad=χ1(d)χ2(d)ad=χ1(d)φχ2(ad)=φχ1(φχ2(ad))=(φχ1φχ2)(ad),

sodass die Gesamtzuordnung mit den Verknüpfungen verträglich ist. Daher gilt auch

φχφχ1=φχχ1=φ1=IdA,

sodass jedes φχ ein K-Algebraautomorphismus und die Gesamtzuordnung ein Gruppenhomomorphismus ist.
Die Injektivität ergibt sich unter Verwendung von Lemma 4.9 folgendermaßen. Bei  χ1  gibt es ein  dD  mit  χ(d)1.  Nach Voraussetzung ist

Ad0,

sei also aAd, a0. Damit ist  φχ(a)=χ(d)aa,  da χ(d)1 eine Einheit ist. Also ist  φχIdA



Es sei K ein Körper, aK und n derart, dass Xna irreduzibel ist. Dann ist  KK[X]/(Xna)  nach Korollar 7.7 und nach Beispiel 9.4 eine /(n)-graduierte Körpererweiterung.

Eine notwendige Voraussetzung für die Irreduzibilität von Xna ist, dass a in K keine n-te Wurzel besitzt, da sonst das Polynom sofort einen Linearfaktor besitzt. Bei  n=2  oder  n=3  ist diese Bedingung auch hinreichend. Bei  n=2  und wenn die Charakteristik von K nicht gleich 2 ist, so ist  11  und der nichttriviale Charakter

χ:D=/(2)K×

mit χ(0)=1 und χ(1)=1 definiert über Lemma 9.11 den nichttrivialen K-Körperautomorphismus mit xx (wobei x die Restklasse von X sei), also die Konjugation in der quadratischen Körpererweiterung  KK[X]/(X2a)



Die -Algebra [X]/(X4+4) ist eine /(4)-graduierte -Algebra. Das Polynom X4+4 besitzt keine Nullstelle in , es ist aber nicht irreduzibel, wie die Zerlegung

X4+4=(X22X+2)(X2+2X+2)

zeigt. Es liegt also keine graduierte Körpererweiterung vor.



Beispiel  Beispiel 9.14 ändern

Wir betrachten den von 2 und 3 erzeugten Unterkörper  L=(2,3)=[2,3]  von (oder von ). Die Elemente 1,2,3,6 bilden dabei unmittelbar ein -Erzeugendensystem und sogar eine Basis, da man andernfalls 3 als rationale Linearkombination von 1 und 2 ausdrücken könnte. Damit liegt insgesamt eine Körpererweiterung vom Grad vier vor. Sei  D=/(2)×/(2).  Wir setzen

L(0,0)=,L(1,0)=2,L(0,1)=3,L(1,1)=6,

und erhalten dadurch eine D-graduierte Körpererweiterung von .



Wir betrachten die Körpererweiterung

L:=[i,2]

in . Diese besitzt eine D=/(2)×/(2)-Graduierung, bei der 1,i,2,i2 eine homogene Basis bilden. Das (in dieser Graduierung nicht homogene) Element  ζ8=12(2+2i)  ist eine 8-te primitive Einheitswurzel und wegen  ζ2=i  ist  L=(ζ8)  der achte Kreisteilungskörper.[2] Das Minimalpolynom zu ζ8 ist X4+1, sodass man auch  L[X]/(X4+1)  schreiben kann. Dies zeigt, dass L auch eine /(4)-graduierte Körpererweiterung von ist, bei der ζ8 homogen ist.




Fußnoten
  1. Diese Gruppe wird fast immer additiv geschrieben.
  2. Mit Kreisteilungskörpern werden wir uns später ausführlich beschäftigen.


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