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Kurs:Lineare Algebra (Osnabrück 2017-2018)/Teil I/Vorlesung 22

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Beziehung zwischen Eigenräumen

Wir haben in Lemma 21.7 gesehen, dass der Eigenraum zu 0 der Kern des Endomorphismus ist. Wesentlich allgemeiner als in Lemma 21.7 gilt die folgende Charakterisierung.


Lemma  

Es sei K ein Körper, V ein K-Vektorraum und

φ:VV

eine lineare Abbildung. Es sei  λK

Dann ist[1]

Eigλ(φ)=kern(φλIdV).

Beweis  

Es sei  vV.  Dann ist  vEigλ(φ)  genau dann, wenn  φ(v)=λv  ist, und dies ist genau bei  φ(v)λv=0  der Fall, was man als  (φλIdV)(v)=0  schreiben kann.

Insbesondere ist ein  λK  genau dann ein Eigenwert von φ, wenn φλIdV nicht injektiv ist. Für ein gegebenes λ lässt sich diese Eigenschaft einfach mit Hilfe eines linearen Gleichungssystems (oder der Determinante) überprüfen und ebenso der Eigenraum berechnen. Dagegen ist es kein lineares Problem, zu entscheiden, ob φ überhaupt Eigenwerte besitzt und diese zu bestimmen. Wir werden weiterhin eine lineare Abbildung φ:VV dadurch untersuchen, dass wir die Differenzen zu den Streckungen φλIdV für verschiedene λ betrachten.

Bei einer n×n-Matrix M muss man den Kern der Matrix MλEn bestimmen. Wenn man beispielsweise wissen möchte, ob die Matrix (4725) den Eigenwert 3 besitzt, so sieht man anhand von

(4725)3E2=(4725)3(1001)=(1722)

sofort, dass dies nicht der Fall ist.



Lemma  

Es sei K ein Körper, V ein K-Vektorraum und

φ:VV

eine lineare Abbildung. Es seien  λ1λ2  Elemente in K.

Dann ist

Eigλ1(φ)Eigλ2(φ)=0.

Beweis  

Es sei  vEigλ1(φ)Eigλ2(φ).  Dann ist

λ1v=φ(v)=λ2v.

Also ist

(λ1λ2)v=0,

woraus wegen  λ1λ2  direkt  v=0  folgt.



Lemma  

Es sei K ein Körper, V ein K-Vektorraum und

φ:VV

eine lineare Abbildung. Es seien v1,,vn Eigenvektoren zu (paarweise) verschiedenen Eigenwerten  λ1,,λnK

Dann sind v1,,vn linear unabhängig.

Beweis  

Wir beweisen die Aussage durch Induktion nach n. Für  n=0  ist die Aussage richtig. Es sei die Aussage also für weniger als n Vektoren bewiesen. Betrachten wir eine Darstellung der 0, also

a1v1++anvn=0.

Wir wenden darauf φ an und erhalten einerseits

a1φ(v1)++anφ(vn)=λ1a1v1++λnanvn=0.

Andererseits multiplizieren wir die obige Gleichung mit λn und erhalten

λna1v1++λnanvn=0.

Die so entstandenen Gleichungen zieht man voneinander ab und erhält

(λnλ1)a1v1++(λnλn1)an1vn1=0.

Aus der Induktionsvoraussetzung folgt, dass alle Koeffizienten (λnλi)ai=0, i=1,,n1, sein müssen. Wegen  λnλi0  folgt ai=0 für i=1,,n1 und wegen  vn0  ist dann auch  an=0



Es sei K ein Körper und es sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum. Es sei

φ:VV

eine lineare Abbildung.

Dann gibt es maximal dimK(V) viele Eigenwerte zu φ.

Beweis

Siehe Aufgabe 22.3.

Insbesondere besitzt ein Endomorphismus auf einem endlichdimensionalen Vektorraum nur endlich viele Eigenwerte.



Geometrische Vielfachheit

Die Einschränkung einer linearen Abbildung auf einen Eigenraum ist die Streckung um den zugehörigen Eigenwert, also eine besonders einfache lineare Abbildung. Bezüglich einer Diagonalmatrix

(d1000d20000dn1000dn)

besitzt die Standardbasis die Eigenschaft, dass jeder Basisvektor ein Eigenvektor zu der durch die Matrix gegebenen Abbildung ist. Bei einer Diagonalmatrix kann man sofort die Eigenräume angeben, siehe Beispiel 21.4, und zwar besteht der Eigenraum zu d aus allen Linearkombinationen der Standardvektoren ei, für die di gleich d ist. Insbesondere ist die Dimension des Eigenraums gleich der Anzahl, wie oft d als Diagonalelement auftritt. Generell sind die Dimensionen der Eigenräume wichtige Invarianten zu einem Endomorphismus.


Es sei K ein Körper, V ein K-Vektorraum und

φ:VV

eine lineare Abbildung. Zu  λK  nennt man

dimK(Eigλ(φ))

die geometrische Vielfachheit von λ.

Ein  λK  ist insbesondere genau dann ein Eigenwert von φ, wenn seine geometrische Vielfachheit mindestens 1 ist. Es ist einfach, Beispiele anzugeben, wo die geometrische Vielfachheit eines Eigenwertes jeden Wert zwischen 1 und der Dimension des Raumes annimmt.



Lemma  

Es sei K ein Körper und es sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum. Es sei

φ:VV

eine lineare Abbildung.

Dann ist die Summe der Eigenräume Eigλ(φ) direkt und es ist

λKdimK(Eigλ(φ))dimK(V).

Beweis  

Die Direktheit bedeutet

Eigλk(φ)(ikEigλi(φ))=0

für jedes k. Wenn dies nicht der Fall wäre, so würde es  viEigλi(φ)  geben mit

0vk=ikvi.

Doch dies widerspricht Lemma 22.3.



Diagonalisierbarkeit

Es sei K ein Körper, V ein K-Vektorraum und

φ:VV

eine lineare Abbildung. Dann heißt φ diagonalisierbar, wenn V eine Basis aus Eigenvektoren zu φ besitzt.



Satz  

Es sei K ein Körper und es sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum. Es sei

φ:VV

eine lineare Abbildung. Dann sind folgende Aussagen äquivalent.

  1. φ ist diagonalisierbar.
  2. Es gibt eine Basis 𝔳 von V derart, dass die beschreibende Matrix M𝔳𝔳(φ) eine Diagonalmatrix ist.
  3. Für jede beschreibende Matrix  M=M𝔴𝔴(φ)  bezüglich einer Basis 𝔴 gibt es eine invertierbare Matrix B derart, dass
    BMB1

    eine Diagonalmatrix ist.

Beweis  

Die Äquivalenz von (1) und (2) folgt aus der Definition, aus Beispiel 21.4 und der Korrespondenz zwischen linearen Abbildungen und Matrizen. Die Äquivalenz von (2) und (3) folgt aus Korollar 11.12.

Wenn φ diagonalisierbar ist und die Eigenwerte mit ihren geometrischen Vielfachheiten bekannt sind, so kann man einfach eine zugehörige Diagonalmatrix aufstellen: Man erstellt die Diagonalmatrix, in deren Diagonalen die Eigenwerte so oft auftreten, wie die geometrischen Vielfachheiten angeben. Insbesondere ist die zugehörige Diagonalmatrix einer diagonalisierbaren Abbildung bis auf die Reihenfolge der Diagonalelemente eindeutig bestimmt.


Wir schließen an Beispiel 21.5 an. Es gibt die beiden Eigenvektoren (51) und (51) zu den verschiedenen Eigenwerten 5 und 5, sodass die Abbildung nach Korollar 22.10 diagonalisierbar ist. Bezüglich der Basis 𝔲 aus diesen Eigenvektoren wird die lineare Abbildung durch die Diagonalmatrix

(5005).

beschrieben.

Die Übergangsmatrix von der Basis 𝔲 zur durch e1 und e2 gegebenen Standardbasis 𝔳 ist einfach

M𝔳𝔲=(5511).

Die inverse Matrix dazu ist

125(1515)=(1251212512).

Gemäß Korollar 11.12 besteht die Beziehung

(5005)=(12521252)(5511)=(1251212512)(0510)(5511).



Korollar  

Es sei K ein Körper und es sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum. Es sei

φ:VV

eine lineare Abbildung, die  n=dimK(V)  verschiedene Eigenwerte besitze.

Dann ist φ diagonalisierbar.

Beweis  

Aufgrund von Lemma 22.3 gibt es n linear unabhängige Eigenvektoren. Diese bilden nach Korollar 8.11 eine Basis.



Lemma  

Es sei K ein Körper und es sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum. Es sei

φ:VV

eine lineare Abbildung.

Dann ist φ genau dann diagonalisierbar, wenn V die direkte Summe der Eigenräume ist.

Beweis  

Wenn φ diagonalisierbar ist, so gibt es eine Basis v1,,vn von V aus Eigenvektoren. Es ist dann

Eigλ(φ)=vi,der Eigenwert zu vi ist λ.

Daher ist

V=Eigλ1(φ)Eigλk(φ),

wobei die Direktheit in Lemma 22.6 gezeigt wurde. Wenn umgekehrt

V=Eigλ1(φ)Eigλk(φ)

vorliegt, so kann man in jedem der Eigenräume eine Basis wählen. Diese Basen bestehen aus Eigenvektoren und ergeben zusammen eine Basis von V.



Wir betrachten 2×2-Scherungsmatrizen

(1a01)

mit  aK.  Die Eigenwertbedingung für ein  λK  bedeutet

(1a01)(xy)=λ(xy),

was zu den beiden Gleichungen

x+ay=λx und y=λy

führt. Bei  λ1  folgt  y=0  und dann auch  x=0,  d.h. es kann nur 1 ein Eigenwert sein. In diesem Fall ist die zweite Gleichung erfüllt und die erste Gleichung wird zu

x+ay=x bzw. ay=0.

Bei  a0  muss also  y=0  sein und dann ist (x0) der Eigenraum zum Eigenwert 1, und (10) ist ein Eigenvektor, der den Eigenraum aufspannt. Bei  a=0  liegt die Einheitsmatrix vor, und der Eigenraum zum Eigenwert 1 ist die gesamte Ebene. Bei  a0  gibt es also nur einen eindimensionalen Eigenraum und die Abbildung ist nicht diagonalisierbar.


Das Produkt von zwei Diagonalmatrizen ist natürlich wieder eine Diagonalmatrix. Das folgende Beispiel zeigt, dass das Produkt von diagonalisierbaren Matrizen nicht diagonalisierbar sein muss.


Es seien G1 und G2 zwei Geraden im 2 durch den Nullpunkt und es seien φ1 und φ2 die Achsenspiegelungen an diesen Achsen. Eine Achsenspiegelung ist stets diagonalisierbar, und zwar sind die Spiegelungsachse und die dazu senkrechte Gerade Eigengeraden (zu den Eigenwerten 1 und 1). Die Hintereinanderschaltung

ψ=φ2φ1

dieser Spiegelungen ist eine Drehung, und zwar ist der Drehwinkel das Doppelte des Winkels zwischen den beiden Achsen. Eine Drehung ist aber nur dann diagonalisierbar, wenn der Drehwinkel 0 oder 180 Grad beträgt. Wenn der Winkel zwischen den Achsen von 0,90 Grad verschieden ist, so besitzt ψ keinen Eigenvektor.



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Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)

  1. Man kann sich darüber streiten, ob man hier mit φλIdV oder mit λIdVφ arbeiten möchte. Das hat keine Auswirkung auf den Kern. Für die erste Wahl spricht, dass sich dieser Ausdruck ergibt, wenn man in das lineare Polynom Xλ die lineare Abbildung φ einsetzt.