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Kurs:Körper- und Galoistheorie (Osnabrück 2011)/Vorlesung 14

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Normale Körpererweiterungen

Eine Körpererweiterung  KL  heißt normal, wenn es zu jedem xL ein Polynom FK[X], F0, mit  F(x)=0  gibt, das über L zerfällt.

Eine normale Körpererweiterung ist insbesondere algebraisch. Wir werden gleich noch dazu äquivalente Eigenschaften kennenlernen. Einfache Eigenschaften von normalen Erweiterungen werden im folgenden Lemma zusammengefasst.


Lemma  

  1. Die Identität ist eine normale Körpererweiterung.
  2. Jede quadratische Körpererweiterung ist normal.
  3. Wenn  KL  eine normale Körpererweiterung ist und  KML  ein Zwischenkörper, so ist auch  ML  normal.
  4. Eine Erweiterung von endlichen Körpern ist normal.

Beweis  

(1) ist trivial.
(2). Sei  xL  mit dem Minimalpolynom F, das den Grad 1 oder 2 besitzt. In L[X] besitzt F einen Linearfaktor, der andere Faktor ist wegen der Gradbedingung konstant oder auch ein Linearfaktor.
(3). Zu jedem  xL  gibt es ein Polynom FK[X], F0, mit  F(x)=0,  das über L[X] zerfällt. Wegen  K[X]M[X]  gilt diese Eigenschaft auch für  ML
(4). Nach (3) können wir sofort eine Körpererweiterung  /(p)𝔽q  mit einer Primzahl p und einer Primzahlpotenz  q=pe  betrachten. Jedes Element  x𝔽q  ist nach dem Satz von Lagrange eine Nullstelle des Polynoms XqX, sodass dieses Polynom über 𝔽q zerfällt.



Satz  

Es sei  KL  eine endliche Körpererweiterung. Dann sind folgende Aussagen äquivalent.

  1. Die Körpererweiterung ist normal.
  2. Wenn ein irreduzibles Polynom  PK[X]  eine Nullstelle in L besitzt, so zerfällt es in L[X].
  3. Es gibt ein K-Algebraerzeugendensystem xiL, iI, von L und über L zerfallende Polynome FiK[X], Fi0 , iI, mit  Fi(xi)=0
  4. Für jede Körpererweiterung  LM  und jeden K-Algebrahomomorphismus
    φ:LM

    ist  φ(L)L

Beweis  

(1)(2). Es sei  PK[X]  irreduzibel und  P(x)=0.  Dann ist P nach Lemma 7.12 das Minimalpolynom zu x. Nach (1) gibt es ein über L zerfallendes Polynom F mit  F(x)=0.  Da F ein Vielfaches von P ist, muss auch P über L zerfallen.
(2)(1). Zu  xL  gehört das Minimalpolynom P, das nach Lemma 7.12 irreduzibel ist und nach Voraussetzung (2) über L in Linearfaktoren zerfällt.
(2)(3). Die Familie aller Elemente mit ihren Minimalpolynomen besitzt diese Eigenschaft.
(3)(4). Seien  LM  und φ:LM gegeben. Es sei  xiL  ein Element aus der erzeugenden Familie und sei  Fi0  das zugehörige zerfallende Polynom mit  Fi(x)=0,  das wir als irreduzibel annehmen dürfen. Es ist

Fi(φ(xi))=φ(Fi(xi))=φ(0)=0,

daher ist  φ(xi)M  eine Nullstelle des über L zerfallenden Polynoms Fi. Das heißt aber, dass  φ(xi)L  ist. Diese Zugehörigkeit gilt dann für alle  xL,  da sie für ein Algebraerzeugendensystem gilt.
(4)(2). Es sei  PK[X]  irreduzibel und sei  xL  mit  P(x)=0.  Wir können nach Lemma 7.12 annehmen, dass P das Minimalpolynom von x ist. Wir setzen  x1=x  und ergänzen dies zu einem endlichen K-Algebraerzeugendensystem von L, sagen wir

L=K[x1,,xn].

Es seien P1=P,P2,,Pn die Minimalpolynome von xi über K. Wir betrachten das Produkt  F=P1Pn  und den Zerfällungskörper M von F über L, der zugleich der Zerfällungskörper über K ist. Es sei  yM  eine Nullstelle von P. Wir müssen  yL  zeigen. Es gibt einen K-Isomorphismus

φ:K[x]K[X]/(P)K[y]

mit  φ(x)=y.  Der Körper M ist der Zerfällungskörper von F über K[x] als auch über K[y]. Daher gibt es nach Satz 11.5 ein kommutatives Diagramm

K[x]φK[y]Mφ~M

mit einem K-Isomorphismus φ~. Nach Voraussetzung ist dabei  φ~(L)L,  also ist  y=φ(x)L


Insbesondere die zweite Eigenschaft von Satz 14.3 zeigt, dass es sich hierbei um eine recht starke Eigenschaft handelt. Wenn man mit einem Primpolynom PK[X] startet und sich den Restklassenkörper  L=K[X]/(P)  anschaut, so besitzt P in L eine Nullstelle, nämlich die Restklasse x von X. Daher gilt in L[X] die Beziehung  P=(Xx)Q  mit einem Polynom QL[X]. Es gibt aber keinen allgemeinen Grund, warum Q über L in Linearfaktoren zerfallen sollte.

Wir setzen weiterhin voraus, dass eine endliche Körpererweiterung vorliegt. Dann sind die normalen Körpererweiterungen genau die Zerfällungskörper von Polynomen.


Satz  

Es sei  KL  eine endliche Körpererweiterung.

Dann ist  KL  genau dann eine normale Körpererweiterung, wenn L Zerfällungskörper eines Polynoms  FK[X]  ist.

Beweis  

Es sei  KL  normal. Wegen der vorausgesetzten Endlichkeit ist  L=K[x1,,xn].  Zu xi sei  FiK[X]  das Minimalpolynom. Wegen der Normalität zerfällt jedes Fi in L[X] in Linearfaktoren. Daher ist L der Zerfällungskörper des Produktes  F=F1Fn
Es sei nun  L=Z(F)  ein Zerfällungskörper, und sei  F=(Xα1)(Xαn)  die Faktorzerlegung zu den Nullstellen  αiL,  die den Körper L erzeugen. Wir werden das Kriterium Satz 14.3  (4) anwenden. Es sei also  LM  eine Körpererweiterung und sei

φ:LM

ein K-Algebrahomomorphismus. Es ist dann

F(φ(αi))=φ(F(αi))=0,

da sich die Koeffizienten von F nicht ändern (vergleiche Lemma 8.15), und somit gehört φ(αi) zur Nullstellenmenge {α1,,αn} und damit insbesondere zu L. Daher gilt generell  φ(L)L



Korollar  

Es sei  KL  eine endliche normale Körpererweiterung und M, KML, ein Zwischenkörper. Es sei φ:ML ein K-Algebrahomomorphismus.

Dann besitzt φ eine Fortsetzung zu einem Automorphismus auf L.

Beweis  

Aufgrund von Satz 14.5 wissen wir, dass L der Zerfällungskörper eines Polynoms  FK[X]  ist. L ist auch der Zerfällungskörper von  FM[X].  Es sei  M=φ(M)  das isomorphe Bild von M in L unter φ. Somit ist L auch der Zerfällungskörper von  FM[X].  Daher gibt es nach Satz 11.5 einen Isomorphismus φ~:LL, der mit den Abbildungen ML und MφML verträglich ist.



Korollar  

Es sei  KL  eine endliche normale Körpererweiterung und es seien α,βL.

Dann sind α und β genau dann konjugiert, wenn es einen K-Automorphismus φ:LL mit  φ(α)=β  gibt.

Beweis  

Wenn es einen K-Automorphismus φ mit  φ(α)=β  gibt, so induziert dieser einen Isomorphismus K[α]K[β]. Da diese erzeugten Unterkörper jeweils durch die Minimalpolynome von α bzw. β festgelegt sind, müssen die Minimalpolynome übereinstimmen. Also sind α und β konjugiert.
Wenn umgekehrt[1] die beiden Elemente konjugiert sind, so gibt es einen K-Isomorphismus K[α]K[β]. Mit der Inklusion  K[β]L  führt dies zu einem K-Homomorphismus

K[α]L,

den man nach Korollar 14.6 zu einem Automorphismus auf L fortsetzen kann.



Korollar  

Es sei  KL  eine endliche normale Körpererweiterung und sei M, KML, ein Zwischenkörper.

Dann ist  KM  genau dann normal, wenn für jeden K-Algebraautomorphismus

φ:LL

die Beziehung  φ(M)M  gilt.

Beweis  

Wenn  KM  normal ist, so gilt die Homomorphismuseigenschaft aufgrund von Satz 14.3  (4).
Zur Umkehrung verwenden wir das Kriterium Satz 14.3  (2). Es sei also  PK[X]  ein irreduzibles (normiertes) Polynom, das in M eine Nullstelle, sagen wir α, besitzt. Dieses Polynom zerfällt über L in Linearfaktoren, und wir müssen zeigen, dass die zugehörigen Nullstellen zu M gehören. Es sei  βL  eine weitere Nullstelle von P. Wegen der Irreduzibilität und Lemma 7.12 ist P das Minimalpolynom von α und auch von β, d.h. die beiden Elemente sind konjugiert. Nach Korollar 14.7 gibt es daher einen K-Automorphismus φ:LL mit  φ(α)=β.  Nach Voraussetzung ist  βM



Wir betrachten die Körperkette  ML,  wobei  M=(3)  und  L=M(1+3)  ist. Das sind zwei quadratische Körpererweiterungen, die beide nach Lemma 14.2  (2) normal sind. Wir setzen  u=1+3,  und dieses Element erzeugt L über . Wir können L als einen Unterkörper von auffassen, indem wir für 3 und dann für 1+3 die positiven reellen Wurzeln wählen. Wir haben

u42u22=(u21)23=0,

d.h. das Polynom X42X22 wird von u annulliert. Dieses Polynom besitzt über L die Zerlegung

X42X22=(X21)23=(X213)(X21+3)=(X2u2)(X21+3)=(Xu)(X+u)(X21+3).

Wegen  L  und  31>0  ist das hintere quadratische Polynom über L unzerlegbar. Dieses Polynom zerfällt also über L nicht in Linearfaktoren und somit ist  L  nicht normal.




Fußnoten
  1. Die Umkehrung folgt auch aus Satz 13.3.


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