Zum Inhalt springen

Kurs:Lineare Algebra (Osnabrück 2017-2018)/Teil I/Vorlesung 12

Aus Wikiversity
„Wege entstehen dadurch, dass man sie geht“
Franz Kafka



Invertierbare Matrizen

Es sei K ein Körper und sei M eine n×n-Matrix über K. Dann heißt M invertierbar, wenn es eine weitere Matrix  AMatn(K)  mit

AM=En=MA

gibt.


Es sei K ein Körper. Zu einer invertierbaren Matrix  MMatn(K)  heißt die Matrix  AMatn(K)  mit

AM=En=MA

die inverse Matrix von M. Man schreibt dafür

M1.

Das Produkt von invertierbaren Matrizen ist wieder invertierbar. Gemäß Lemma 9.5 ist die Matrix zu einem Basiswechsel invertierbar, und die Matrix zum umgekehrten Basiswechsel ist die inverse Matrix.


Zu einem Körper K und  n+  nennt man die Menge aller invertierbaren n×n-Matrizen mit Einträgen in K die allgemeine lineare Gruppe über K. Sie wird mit GLn(K) bezeichnet.


Zwei quadratische Matrizen  M,NMatn(K)  heißen ähnlich, wenn es eine invertierbare Matrix B mit  M=BNB1  gibt.

Nach Korollar 11.12 sind zu einer linearen Abbildung φ:VV die beschreibenden Matrizen bezüglich zweier Basen ähnlich zueinander.



Eigenschaften von linearen Abbildungen



Lemma  

Es sei K ein Körper und es seien V und W Vektorräume über K der Dimension n bzw. m. Es sei

φ:VW

eine lineare Abbildung, die bezüglich zweier Basen durch die Matrix  MMatm×n(K)  beschrieben werde. Dann gelten folgende Eigenschaften.

  1. φ ist genau dann injektiv, wenn die Spalten der Matrix linear unabhängig sind.
  2. φ ist genau dann surjektiv, wenn die Spalten der Matrix ein Erzeugendensystem von Km bilden.
  3. Bei  m=n  ist φ genau dann bijektiv, wenn die Spalten der Matrix eine Basis von Km bilden, und dies ist genau dann der Fall, wenn M invertierbar ist.

Beweis  

Es seien  𝔳=v1,,vn  und  𝔴=w1,,wm  Basen von V bzw. W und es seien s1,,sn die Spaltenvektoren von M. (1). Die Abbildung φ hat die Eigenschaft

φ(vj)=i=1msijwi,

wobei sij der i-te Eintrag des j-ten Spaltenvektors sj ist. Daher ist

φ(j=1najvj)=j=1naj(i=1msijwi)=i=1m(j=1najsij)wi.

Dies ist genau dann 0, wenn  j=1najsij=0  für alle i ist, und dies ist äquivalent zu

j=1najsj=0.

Dafür gibt es ein nichttriviales (Lösungs-)Tupel (a1,,an) genau dann, wenn die Spalten linear abhängig sind und genau dann, wenn der Kern von φ nicht trivial ist. Dies ist gemäß Lemma 11.4 äquivalent dazu, dass φ nicht injektiv ist.
(2). Siehe Aufgabe 12.5.
(3). Sei  n=m.  Die erste Äquivalenz folgt aus (1) und (2). Wenn φ bijektiv ist, so gibt es die (lineare) Umkehrabbildung φ1 mit

φφ1=IdW und φ1φ=IdV.

Es sei M die Matrix zu φ und N die Matrix zu φ1. Die Matrix zur Identität ist die Einheitsmatrix. Nach Lemma 11.10 ist daher

MN=En=NM

und somit ist M invertierbar. Die Umkehrung wird ähnlich bewiesen.




Elementarmatrizen

Es sei K ein Körper und sei M eine m×n-Matrix über K. Dann nennt man die folgenden Manipulationen an M elementare Zeilenumformungen.

  1. Vertauschung von zwei Zeilen.
  2. Multiplikation einer Zeile mit  s0
  3. Addition des a-fachen einer Zeile zu einer anderen Zeile.

Es sei K ein Körper. Mit Bij bezeichnen wir diejenige n×n-Matrix, die an der Stelle (i,j) den Wert 1 und sonst überall den Wert 0 hat. Dann nennt man die folgenden Matrizen Elementarmatrizen.

  1. Vij:=EnBiiBjj+Bij+Bji.
  2. Sk(s):=En+(s1)Bkk für s0.
  3. Aij(a):=En+aBij für ij und aK.

Ausgeschrieben sehen diese Elementarmatrizen folgendermaßen aus.

Vij=(100001010100001).
Sk(s)=(100010000s000010001).
Aij(a)=(10001a0010001)

Elementarmatrizen sind invertierbar, siehe Aufgabe 12.1.



Es sei K ein Körper und M eine m×n-Matrix mit Einträgen in K. Dann hat die Multiplikation mit den m×m-Elementarmatrizen von links mit M folgende Wirkung.

  1. VijM= Vertauschen der i-ten und der j-ten Zeile von M.
  2. (Sk(s))M= Multiplikation der k-ten Zeile von M mit s.
  3. (Aij(a))M= Addition des a-fachen der j-ten Zeile von M zur i-ten Zeile (ij).

Beweis

Siehe Aufgabe 12.6.


Elementare Zeilenumformungen ändern nicht den Lösungsraum von homogenen linearen Gleichungssystemen, wie in Lemma 5.3 gezeigt wurde.


Satz  

Es sei K ein Körper und sei M eine m×n-Matrix über K.

Dann gibt es elementare Zeilenumformungen und eine (Neu-)Nummerierung der Spalten

j1,j2,,jn

und ein  rn  derart, dass in der entstandenen Matrix die Spalten die Gestalt

sjk=(b1,jkbk,jk00) mit bk,jk0 für kr

und

sjk=(b1,jkbr,jk00) für k>r

besitzen. Durch elementare Zeilenumformungen und zusätzliche Spaltenvertauschungen kann man also eine Matrix auf die Gestalt

(d110d2200drr0000000000)

mit  dii0  bringen.

Beweis

Dies beruht auf den entsprechenden Manipulationen wie beim Eliminationsverfahren, siehe Vorlesung 5.



Korollar  

Es sei K ein Körper und sei M eine invertierbare n×n-Matrix über K.

Dann gibt es elementare Zeilenumformungen derart, dass nach diesen Umformungen eine Matrix der Gestalt

(d10d200dn100dn)

mit  di0  entsteht. Durch weitere elementare Zeilenumformungen kann die Einheitsmatrix erreicht werden.

Beweis  

Dies beruht auf den Manipulationen des Eliminationsverfahrens und darauf, dass elementare Zeilenumformungen nach Lemma 12.8 durch Multiplikationen mit Elementarmatrizen von links ausgedrückt werden können. Dabei können in einer Spalte bzw. in einer Zeile nicht nur Nullen entstehen, da die Elementarmatrizen invertierbar sind und so in jedem Schritt die Invertierbarkeit erhalten bleibt. Eine Matrix mit einer Nullspalte oder einer Nullzeile ist aber nicht invertierbar. Wenn eine invertierbare obere Dreiecksmatrix vorliegt, so sind nach Aufgabe ***** die Diagonaleinträge nicht 0 und man kann mit skalarer Multiplikation die Diagonaleinträge zu 1 machen und damit die in jeder Spalte darüberliegenden Einträge zu 0.


Insbesondere gibt es zu einer invertierbaren Matrix M Elementarmatrizen E1,,Ek derart, dass

EkE1M

die Einheitsmatrix ist.



Auffinden der inversen Matrix

Es sei M eine quadratische Matrix. Wie kann man entscheiden, ob die Matrix invertierbar ist, und wie kann man die inverse Matrix M1 finden?

Dazu legt man eine Tabelle an, wo in der linken Seite zunächst die Matrix M steht und in der rechten Seite die Einheitsmatrix. Jetzt wendet man auf beide Matrizen schrittweise die gleichen elementaren Zeilenumformungen an. Dabei soll in der linken Seite die Ausgangsmatrix in die Einheitsmatrix umgewandelt werden. Dies ist genau dann möglich, wenn diese Matrix invertierbar ist. Wir behaupten, dass bei dieser Vorgehensweise in der rechten Seite die Matrix M1 als Endmatrix entsteht. Dies beruht auf folgendem Invarianzprinzip . Jede elementare Zeilenumformung kann nach Lemma 12.8 als eine Matrizenmultiplikation mit einer Elementarmatrix E von links realisiert werden. Wenn in der Tabelle

(M1,M2)

steht, so steht im nächsten Schritt

(EM1,EM2).

Wenn man das Inverse (das man noch nicht kennt, das es aber unter der Voraussetzung, dass die Matrix invertierbar ist, gibt.) der linken Seite mit der rechten Seite multipliziert, so ergibt sich

(EM1)1EM2=M11E1EM2=M11M2.

D.h., dass sich dieser Ausdruck bei den Einzelschritten nicht ändert. Zu Beginn ist dieser Ausdruck gleich M1En, daher muss zum Schluss für (En,N) gelten

N=En1N=M1En=M1.

Wir wollen zur Matrix (131412011) gemäß dem in Verfahren 12.11 beschriebenen Verfahren die inverse Matrix M1 bestimmen.

(131412011) (100010001)
(1310112011) (100410001)
(1310110112) (100001410)
(131011009) (1000014111)
(131011001) (1000014919119)
(102011001) (1030014919119)
(100010001) (1929594919294919119)



Rang von Matrizen

Es sei K ein Körper und sei M eine m×n-Matrix über K. Dann nennt man die Dimension des von den Spalten erzeugten Untervektorraums von Km den (Spalten-)Rang der Matrix, geschrieben

rangM.



Es sei K ein Körper und es seien V und W Vektorräume über K der Dimension n bzw. m. Es sei

φ:VW

eine lineare Abbildung, die bezüglich zweier Basen durch die Matrix  MMatm×n(K)  beschrieben werde.

Dann gilt

rangφ=rangM.

Beweis

Siehe Aufgabe 12.28.


Zur Formulierung der nächsten Aussage führen wir den Zeilenrang einer m×n-Matrix als die Dimension des von den Zeilen erzeugten Untervektorraumes von Kn ein.



Lemma  

Es sei K ein Körper und sei M eine m×n-Matrix über K.

Dann stimmt der Spaltenrang mit dem Zeilenrang überein.

Der Rang ist gleich der in Satz 12.9 verwendeten Zahl r.

Beweis  

Bei elementaren Zeilenumformungen ändert sich der von den Zeilen erzeugte Raum nicht, und damit ändert sich auch nicht der Zeilenrang. Der Zeilenrang stimmt also mit dem Zeilenrang der in Satz 12.9 angegebenen Matrix in Stufenform überein. Diese hat den Zeilenrang r, da die ersten r Zeilen linear unabhängig sind und ansonsten nur Nullzeilen auftauchen. Sie hat aber auch den Spaltenrang r, da wiederum die ersten r Spalten (wenn man auch noch die Spalten vertauscht hat) linear unabhängig sind und die weiteren Spalten Linearkombinationen dieser r Spalten sind. Die Aufgabe 12.18 zeigt, dass sich bei elementaren Zeilenumformungen auch der Spaltenrang nicht ändert.


Beide Ränge stimmen also überein, sodass wir im Folgenden nur noch vom Rang einer Matrix sprechen werden.



Korollar  

Es sei K ein Körper und sei M eine n×n-Matrix über K. Dann sind folgende Aussagen äquivalent.

  1. M ist invertierbar.
  2. Der Rang von M ist n.
  3. Die Zeilen von M sind linear unabhängig.
  4. Die Spalten von M sind linear unabhängig.

Beweis

Dies folgt aus Lemma 12.5 und aus Lemma 12.15.


<< | Kurs:Lineare Algebra (Osnabrück 2017-2018)/Teil I | >>

PDF-Version dieser Vorlesung

Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)