Zum Inhalt springen

Kurs:Lineare Algebra (Osnabrück 2017-2018)/Teil I/Vorlesung 11

Aus Wikiversity



Untervektorräume unter linearen Abbildungen

Eine typische und wohl auch namensgebende Eigenschaft einer linearen Abbildung ist, dass sie Geraden wieder auf Geraden (oder Punkte) abbildet. Allgemeiner ist folgende Aussage.


Es sei K ein Körper, V und W seien K-Vektorräume und

φ:VW

sei eine K-lineare Abbildung. Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Für einen Untervektorraum  SV  ist auch das Bild φ(S)={φ(v)vS} ein Untervektorraum von W.
  2. Insbesondere ist das Bild  bildφ=φ(V)  der Abbildung ein Untervektorraum von W.
  3. Für einen Untervektorraum  TW  ist das Urbild φ1(T)={vVφ(v)T} ein Untervektorraum von V.
  4. Insbesondere ist φ1(0) ein Untervektorraum von V.

Beweis

Siehe Aufgabe 11.2.



Es sei K ein Körper, V und W seien K-Vektorräume und

φ:VW

sei eine K-lineare Abbildung. Dann nennt man

kernφ:=φ1(0)={vVφ(v)=0}

den Kern von φ.

Der Kern ist also nach der obigen Aussage ein Untervektorraum von V.

Zu einer m×n-Matrix M ist der Kern der durch M gegebenen linearen Abbildung

KnKm,xMx,

einfach der Lösungsraum des homogenen linearen Gleichungssystems

Mx=0.


Wichtig ist das folgende Injektivitätskriterium.


Lemma  

Es sei K ein Körper, V und W seien K-Vektorräume und

φ:VW

sei eine K-lineare Abbildung.

Dann ist φ genau dann injektiv, wenn  kernφ=0  ist.

Beweis  

Wenn die Abbildung injektiv ist, so kann es neben  0V  keinen weiteren Vektor  vV  mit  φ(v)=0  geben. Also ist  φ1(0)={0}
Es sei umgekehrt  kernφ=0  und seien  v1,v2V  gegeben mit  φ(v1)=φ(v2).  Dann ist wegen der Linearität

φ(v1v2)=φ(v1)φ(v2)=0.

Daher ist  v1v2kernφ  und damit  v1=v2



Die Dimensionsformel

Die folgende Aussage heißt Dimensionsformel.


Satz  

Es sei K ein Körper, V und W seien K-Vektorräume und

φ:VW

sei eine K-lineare Abbildung und V sei endlichdimensional.

Dann gilt

dimK(V)=dimK(kernφ)+dimK(bildφ).

Beweis  

Es sei  n=dimK(V).  Es sei  U=kernφV  der Kern der Abbildung und  k=dimK(U)  seine Dimension (kn). Es sei

u1,,uk

eine Basis von U. Aufgrund des Basisergänzungssatzes gibt es Vektoren

v1,,vnk

derart, dass

u1,,uk,v1,,vnk

eine Basis von V ist. Wir behaupten, dass

wj=φ(vj),j=1,,nk,

eine Basis des Bildes ist. Es sei  wW  ein Element des Bildes φ(V). Dann gibt es ein  vV  mit  φ(v)=w.  Dieses v lässt sich mit der Basis als

v=i=1ksiui+j=1nktjvj

schreiben. Dann ist

w=φ(v)=φ(i=1ksiui+j=1nktjvj)=i=1ksiφ(ui)+j=1nktjφ(vj)=j=1nktjwj,

sodass sich w als Linearkombination der wj schreiben lässt. Zum Beweis der linearen Unabhängigkeit der wj, j=1,,nk, sei eine Darstellung der Null gegeben,

0=j=1nktjwj.

Dann ist

φ(j=1nktjvj)=j=1nktjφ(vj)=0.

Also gehört j=1nktjvj zum Kern der Abbildung und daher kann man

j=1nktjvj=i=1ksiui

schreiben. Da insgesamt eine Basis von V vorliegt, folgt, dass alle Koeffizienten 0 sein müssen, also sind insbesondere  tj=0



Es sei K ein Körper, V und W seien K-Vektorräume und

φ:VW

sei eine K-lineare Abbildung und V sei endlichdimensional. Dann nennt man

rangφ:=dimK(bildφ)

den Rang von φ.

Die Dimensionsformel kann man auch als

dimK(V)=dimK(kernφ)+rangφ

ausdrücken.

Es sei φ:VW eine lineare Abbildung mit V endlichdimensional. Die Dimensionsformel besitzt die folgenden Spezialfälle. Wenn φ die Nullabbildung ist, so ist  kernφ=V  und

rangφ=0.

Wenn φ injektiv ist, so ist  kernφ=0  und

rangφ=dimK(V).

Der Rang liegt stets zwischen 0 und der Dimension des Ausgangsraumes V. Wenn φ surjektiv ist, so ist

rangφ=dimK(W)

und

dimK(V)=dimK(kernφ)+dimK(W).



Wir betrachten die durch die Matrix

M=(011022134246)

gegebene lineare Abbildung

φ:34,(xyz)M(xyz)=(y+z2y+2zx+3y+4z2x+4y+6z).

Zur Bestimmung des Kerns müssen wir das homogene lineare Gleichungssystem

(y+z2y+2zx+3y+4z2x+4y+6z)=(0000)

lösen. Der Lösungsraum ist

L={s(111)s}

und dies ist der Kern von φ. Der Kern ist also eindimensional und daher ist die Dimension des Bildes nach der Dimensionsformel gleich 2.




Korollar  

Es sei K ein Körper und es seien V und W Vektorräume über K der gleichen Dimension n. Es sei

φ:VW

eine lineare Abbildung.

Dann ist φ genau dann injektiv, wenn φ surjektiv ist.

Beweis  

Dies folgt aus der Dimensionsformel und Lemma 11.4.



Verknüpfung von linearen Abbildungen und Matrizen

In der letzten Vorlesung haben wir unter der Voraussetzung, dass Basen fixiert sind, die Korrespondenz zwischen linearen Abbildungen und Matrizen besprochen. Diese Korrespondenz berücksichtigt auch Hintereinanderschaltungen und Matrizenmultiplikation, wie das folgenden Lemma zeigt.


Lemma  

Bei der Korrespondenz zwischen linearen Abbildungen und Matrizen entsprechen sich die Hintereinanderschaltung von linearen Abbildungen und die Matrizenmultiplikation.

Damit ist folgendes gemeint: es seien U,V,W Vektorräume über einem Körper K mit Basen

𝔲=u1,,up,𝔳=v1,,vn und 𝔴=w1,,wm.

Es seien

ψ:UV und φ:VW

lineare Abbildungen. Dann gilt für die beschreibenden Matrizen von ψ,φ und der Hintereinanderschaltung φψ die Beziehung

M𝔴𝔲(φψ)=(M𝔴𝔳(φ))(M𝔳𝔲(ψ)).

Beweis  

Wir betrachten das kommutative Diagramm

KpM𝔳𝔲(ψ)KnM𝔴𝔳(φ)KmΨ𝔲Ψ𝔳Ψ𝔴UψVφW,

wobei die Kommutativität auf der Beziehung

φΨ𝔳=Ψ𝔴M𝔴𝔳(φ)

aus Lemma 10.14 beruht. Dabei sind die (inversen) Koordinatenabbildungen ψ𝔲,ψ𝔳,ψ𝔴 jeweils bijektiv, und somit ist

M𝔴𝔳(φ)=Ψ𝔴1φΨ𝔳.

Also ist insgesamt

M𝔴𝔲(φψ)=Ψ𝔴1(φψ)Ψ𝔲=(Ψ𝔴1φ)(Ψ𝔳Ψ𝔳1)(ψΨ𝔲)=(Ψ𝔴1φΨ𝔳)(Ψ𝔳1ψΨ𝔲)=M𝔴𝔳(φ)M𝔳𝔲(ψ),

wobei hier überall die Abbildungsverknüpfung steht. Nach Aufgabe 10.23 stimmt die letzte Verknüpfung mit dem Matrixprodukt überein.

Daraus folgt beispielsweise, dass das Produkt von Matrizen assoziativ ist.



Lineare Abbildungen und Basiswechsel



Lemma  

Es sei K ein Körper und es seien V und W endlichdimensionale K-Vektorräume. Es seien 𝔳 und 𝔲 Basen von V und 𝔴 und 𝔷 Basen von W. Es sei

φ:VW

eine lineare Abbildung, die bezüglich der Basen 𝔳 und 𝔴 durch die Matrix M𝔴𝔳(φ) beschrieben werde.

Dann wird φ bezüglich der Basen 𝔲 und 𝔷 durch die Matrix

M𝔷𝔴(M𝔴𝔳(φ))(M𝔲𝔳)1

beschrieben, wobei M𝔲𝔳 und M𝔷𝔴 die Übergangsmatrizen sind, die die Basiswechsel von 𝔳 nach 𝔲 und von 𝔴 nach 𝔷 beschreiben.

Beweis  

Die linearen Standardabbildungen KnV bzw. KmW zu den Basen seien mit Ψ𝔳,Ψ𝔲,Ψ𝔴,Ψ𝔷 bezeichnet. Wir betrachten das kommutative Diagramm

KnM𝔴𝔳(φ)KmΨ𝔳Ψ𝔴M𝔲𝔳VφWM𝔷𝔴Ψ𝔲Ψ𝔷KnM𝔷𝔲(φ)Km,

wobei die Kommutativität auf Lemma 9.1 und Lemma 10.14 beruht. In dieser Situation ergibt sich insgesamt

M𝔷𝔲(φ)=Ψ𝔷1φΨ𝔲=Ψ𝔷1(Ψ𝔴M𝔴𝔳(φ)Ψ𝔳1)Ψ𝔲=(Ψ𝔷1Ψ𝔴)M𝔴𝔳(φ)(Ψ𝔳1Ψ𝔲)=(Ψ𝔷1Ψ𝔴)M𝔴𝔳(φ)(Ψ𝔲1Ψ𝔳)1=M𝔷𝔴M𝔴𝔳(φ)(M𝔲𝔳)1.



Korollar  

Es sei K ein Körper und es sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum. Es sei

φ:VV

eine lineare Abbildung. Es seien 𝔲 und 𝔳 Basen von V.

Dann besteht zwischen den Matrizen, die die lineare Abbildung bezüglich 𝔲 bzw. 𝔳 (beidseitig) beschreiben, die Beziehung

M𝔲𝔲(φ)=M𝔲𝔳M𝔳𝔳(φ)(M𝔲𝔳)1.

Beweis  

Dies folgt direkt aus Lemma 11.11.


Es ist eine wichtige Zielsetzung der linearen Algebra, zu einer gegebenen linearen Abbildung φ:VV eine Basis  𝔳=v1,,vn  derart zu finden, dass die beschreibende Matrix M𝔳𝔳(φ) „möglichst einfach“ wird.


<< | Kurs:Lineare Algebra (Osnabrück 2017-2018)/Teil I | >>

PDF-Version dieser Vorlesung

Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)