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Kurs:Lineare Algebra (Osnabrück 2017-2018)/Teil I/Vorlesung 27

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„Who on earth d'you think you are, A super star, Well, right you are.“
John Lennon

In der letzten Vorlesung haben wir die Haupträume zu einem Eigenwert λ zu einem Endomorphismus φ als Kern von (φλId)k für einen hinreichend großen Exponenten k eingeführt. Dies bedeutet insbesondere, dass wenn man φλId auf den zugehörigen Hauptraum einschränkt, dann eine gewisse Potenz davon die Nullabbildung ist. Hier untersuchen wir generell Endomorphismen mit der Eigenschaft, dass eine gewisse Potenz davon die Nullabbildung ist.



Nilpotente Abbildungen

Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum. Eine lineare Abbildung

φ:VV

heißt nilpotent, wenn es eine natürliche Zahl n derart gibt, dass die n-te Hintereinanderschaltung

φn=0

ist.


Eine quadratische Matrix M heißt nilpotent, wenn es eine natürliche Zahl  n  derart gibt, dass das n-te Matrixprodukt

Mn=MMn-mal=0

ist.


Es sei M eine obere Dreiecksmatrix, bei der alle Diagonalelemente 0 seien. M hat also die Gestalt

(000000000).

Dann ist M nilpotent, und zwar bewegt sich mit jedem Potenzieren die 0-Hauptdiagonale nach rechts oben. Wenn man nämlich beispielsweise das Produkt für die i-te Zeile und die j-te Spalte mit

ij1

ausrechnet, so kommt in den Teilprodukten stets eine 0 vor und das Ergebnis ist 0.



Ein Spezialfall zu Beispiel 27.3 ist die Matrix

(010000100000100001000).

Eine wichtige Beobachtung dabei ist, dass unter dieser Abbildung en auf en1 abgebildet wird, en1 auf en2 und schließlich e2 auf e1, welches auf 0 abgebildet wird. Die (n1)-te Potenz der Matrix bildet en auf e1 ab und ist nicht die Nullmatrix, die n-te Potenz der Matrix ist die Nullmatrix.



Es sei K ein Körper und es sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum. Es sei

φ:VV

eine lineare Abbildung. Zu  λK  besitzt der Hauptraum  H=Hauptλ(φ)  die Eigenschaft, dass die Einschränkung von φλIdV auf H nilpotent ist.




Lemma  

Es sei K ein Körper und V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum. Es sei

φ:VV

eine lineare Abbildung. Dann sind folgende Aussagen äquivalent.

  1. φ ist nilpotent.
  2. Für jeden Vektor  vV  gibt es ein  k  mit
    φk(v)=0.
  3. Es gibt eine Basis v1,,vn von V und ein  k  mit
    φk(vi)=0

    für  i=1,,n

  4. Es gibt ein Erzeugendensystem v1,,vm von V und ein  k  mit
    φk(vi)=0

    für  i=1,,n

Beweis  

Von (1) nach (2) ist klar. Von (2) nach (3). Es sei v1,,vn eine Basis (oder ein endliches Erzeugendensystem) und es sei  kj  mit

φkj(vj)=0

gegeben. Dann erfüllt

k:=max(kj,j=1,,m)

die Eigenschaft für jeden Erzeuger. Von (3) nach (4) ist klar. Von (4) nach (1). Zu  vV  ist

v=i=1maivi.

Aufgrund der Linearität von φk ist

φk(v)=φk(i=1maivi)=i=1maiφk(vi)=0,

also ist

φk=0.



Lemma  

Es sei K ein Körper und es sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum. Es sei

φ:VV

eine lineare Abbildung. Dann sind folgende Aussagen äquivalent.

  1. φ ist nilpotent.
  2. Das Minimalpolynom zu φ ist eine Potenz von X.
  3. Das charakteristische Polynom zu φ ist eine Potenz von X.

Beweis  

Die Äquivalenz von (1) und (2) ergibt sich unmittelbar aus den Definitionen, die Äquivalenz von (2) und (3) ergibt sich aus Lemma 24.5.



Korollar  

Es sei K ein Körper und es sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum. Es sei

φ:VV

eine nilpotente lineare Abbildung.

Dann ist φ trigonalisierbar,

und zwar gibt es eine Basis, bezüglich der φ durch eine obere Dreiecksmatrix beschrieben wird, in der alle Diagonaleinträge 0 sind.

Beweis  

Dies folgt direkt aus Lemma 27.7 und Satz 25.10.



Die Jordanzerlegung zu einem nilpotenten Endomorphismen

Für einen nilpotenten Endomorphismus φ auf einem Vektorraum V ist

V=Haupt0(φ),

es gibt also nur einen Hauptraum, und dieser ist der Gesamtraum. Wir werden jetzt zeigen, dass man eine beschreibende Matrix weiter (über die Dreiecksgestalt hinaus) verbessern kann.


Eine Matrix der Form

M=(0a00)

mit  a0  hat bezüglich der Basis ae1 und e2 die Gestalt

(0100).



Lemma  

Es sei K ein Körper und es sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum. Es sei

φ:VV

eine nilpotente lineare Abbildung. Es sei

φs=0

und s minimal mit dieser Eigenschaft.

Dann besteht zwischen den Untervektorräumen

Vi:=kernφi

die Beziehung

φ1(Vi)=Vi+1

und die Inklusionen

ViVi+1

sind echt für  i<s

Beweis  

Es sei  vV.  Dann ist  vVi+1=kernφi+1  äquivalent zu  φ(v)Vi=kernφi,  was die erste Behauptung bedeutet. Für die zweite Behauptung sei

Vi=Vi+1

für ein  i<s  angenommen. Durch Anwendung von φ1 ergibt sich

Vi+1=φ1(Vi)=φ1(Vi+1)=Vi+2.

In dieser Weise erhält man

Vi=Vi+1=Vi+2==Vs=V

im Widerspruch zur Minimalität von s.



Lemma  

Es sei K ein Körper und es sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum. Es sei

φ:VV

eine nilpotente lineare Abbildung.

Dann gibt es eine Basis v1,,vn von V mit

φ(vj)=vj1

oder

φ(vj)=0.

Beweis  

Es sei

φs=0

und s minimal mit dieser Eigenschaft. Wir betrachten die Untervektorräume

Vi:=kernφi.

Es sei Us ein direktes Komplement zu Vs1, also

V=Vs1Us.

Es ist

φ(Us)Vs2=0,

da die Elemente 0 aus Us unter φs1 nicht auf 0 abgebildet werden. Daher gibt es einen Untervektorraum Us1 von Vs1 mit

Vs1=Vs2Us1

und mit

φ(Us)Us1.

In dieser Weise erhält man Untervektorräume  UiVi  mit

Vi=Vi1Ui

und mit

φ(Ui)Ui1.

Ferner ist

V=U1Us,

da ja jeweils die vorhergehende direkte Summenzerlegung zunehmend verfeinert wird. Des weiteren ist φ eingeschränkt[1] auf Ui mit  i2  injektiv. Zu  vUikernφ=UiV1UiVi1  ist ja wegen der Direktheit

v=0.

Wir konstruieren nun eine Basis wie gewünscht. Dazu wählen wir zuerst eine Basis 𝔲s von Us. Das (linear unabhängige) Bild φ(𝔲s) ergänzen wir zu einer Basis 𝔲s1 von Us1 und so weiter. Die Vereinigung dieser Basen ist dann eine Basis von V. Die Basiselemente aus 𝔲i für  i2  werden nach Konstruktion auf andere Basiselemente abgebildet und die Basiselemente aus 𝔲1 auf 0. Um eine Reihenfolge der Basis festzulegen, wählen wir ein Basiselement aus 𝔲s, gefolgt von all seinen sukzessiven Bildern, sodann ein weiteres Basiselement aus 𝔲s, gefolgt von all seinen sukzessiven Bildern, bis 𝔲s aufgebraucht ist. Dann arbeitet man 𝔲s1 in der gleichen Weise ab. In einem letzten Schritt vertauscht man die Reihenfolge der soeben konstruierten Basiselemente.



Korollar  

Es sei K ein Körper und es sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum. Es sei

φ:VV

eine nilpotente lineare Abbildung.

Dann gibt es eine Basis von V, bezüglich der die beschreibende Matrix die Gestalt

(0c10000c200000cn20000cn1000)

besitzt, wobei die ci gleich 0 oder gleich 1 sind.

D.h., dass φ auf jordansche Normalform gebracht werden kann.

Beweis  

Dies folgt direkt aus Lemma 27.11.


Bei einer nilpotenten Abbildung auf einem zweidimensionalen Vektorraum V handelt es sich um die Nullabbildung oder um eine nilpotente Abbildung mit einem eindimensionalen Kern. Im letzteren Fall erhält man für jedes Element  vVkernφ  eine Basis φ(v),v (in dieser Reihenfolge), bezüglich der die beschreibende Matrix die Gestalt (0100) besitzt. Bei zunehmender Dimension werden die Möglichkeiten zunehmend zahlreicher und komplexer, wir besprechen abschließend typische Beispiele in der Dimension drei.


Wir wollen Lemma 27.11 auf

M=(023005000)

anwenden. Es ist

M2=(023005000)(023005000)=(0010000000)

und

M3=0.

Somit ist

V1=kernM=e1,V2=kernM2=e1,e2 und V3=K3.

Es ist

V3=V2e3,

sodass wir

U3=e3

wählen können. Es ist

Me3=(350)V2.

Somit ist

V2=V1U2

mit

U2=(350).

Schließlich ist

M2e3=M(350)=(023005000)(350)=(1000).

Daher ist

(1000),(350),(001)

eine Basis wie gewünscht.

Die inverse Matrix zu

B=(1030050001)

ist

(11035000150001)

und es ist

B1MB=(11035000150001)(023005000)(1030050001)=(11035000150001)(0103005000)=(010001000).


Wir wollen Lemma 27.11 auf

M=(003007000)

anwenden. Es ist

M2=0.

Somit ist

V1=kernM=e1,e2 und V2=K3.

Es ist

V2=V1e3,

sodass wir

U2=e3

wählen können. Es ist

Me3=(370)V1.

Somit ist

V1=(370),e1=U1.

Daher ist

(100),(370),(001)

eine Basis wie gewünscht. In dieser Basis wird die lineare Abbildung durch die Matrix

(000001000)

beschrieben.



Wir wollen Lemma 27.11 auf

M=(037000000)

anwenden. Es ist

M2=0.

Somit ist

V1=kernM=e1,7e23e3 und V2=K3.

Es ist

V2=V1e3,

sodass wir

U2=e3

wählen können. Es ist

Me3=(700)V1.

Somit ist

V1=(700),7e23e3=U1.

Daher ist

(073),(700),(001)

eine Basis wie gewünscht. In dieser Basis wird die lineare Abbildung durch die Matrix

(000001000)

beschrieben.




Fußnoten
  1. Die Einschränkung als Abbildung nach V. Die Ui sind im Allgemeinen nicht φ-invariant.


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