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Kurs:Lineare Algebra (Osnabrück 2017-2018)/Teil II/Vorlesung 57

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Lineare Abbildungen bei Körperwechsel

Zu einer linearen Abbildung

φ:VW

zwischen K-Vektorräumen V und W und einer Körpererweiterung  KL  heißt die L-lineare Abbildung

φL:VL=LKVWL=LKW,bvbφ(v),

die durch Körperwechsel gewonnene lineare Abbildung.

Diese Abbildung ist nicht nur K-linear, sondern, wie in Proposition 56.13  (3) gezeigt wurde, auch L-linear.



Lemma  

Es sei K ein Körper und sei V ein n-dimensionaler K-Vektorraum mit einer Basis  𝔳=v1,,vn  und sei W ein m-dimensionaler K-Vektorraum mit einer Basis  𝔴=w1,,wm.  Es sei

φ:VW

eine lineare Abbildung mit der beschreibenden Matrix  M=M𝔴𝔳(φ)=(aij).  Es sei  KL  eine Körpererweiterung.

Dann wird die durch den Körperwechsel gewonnene lineare Abbildung

φL:VLWL

bezüglich der Basen 1v1,,1vn von VL und 1w1,,1wm von WL ebenfalls durch die Matrix M, aufgefasst über L, beschrieben.

Beweis  

Wegen Lemma 56.14 liegen in der Tat Basen vor. Das Basiselement vj von V wird unter φ auf

φ(vj)=i=1maijwi

abgebildet. Somit wird das Basiselement 1vj von VL unter φL auf

φL(1vj)=1φ(vj)=1(i=1maijwi)=i=1maij(1wi).

Die Koeffizienten aij konstituieren also die beschreibende Matrix von φL.



Das Dachprodukt

Unter den multilinearen Abbildungen spielen die alternierenden Abbildungen eine besondere Rolle, das wichtigste Beispiel ist die Determinante. Wir führen hier eine Konstruktion für das sogenannte Dachprodukt durch, dass für die alternierenden Abbildungen eine ähnliche Rolle spielt wie das Tensorprodukt für die multilinearen Abbildungen.

Wir erinnern an alternierende Abbildungen.


Es sei K ein Körper, V und W seien K-Vektorräume und sei  n.  Eine multilineare Abbildung

Φ:Vn=V××Vn-malW

heißt alternierend, wenn Folgendes gilt: Falls in  v=(v1,,vn)  zwei Einträge übereinstimmen, also  vi=vj  für ein Paar  ij,  so ist

Φ(v)=0.



Es sei K ein Körper, V ein K-Vektorraum und  n.  Wir konstruieren das sogenannte n-te Dachprodukt von V mit sich selbst, geschrieben nV. Dazu betrachten wir die Menge S aller Symbole der Form

(v1,,vn) mit viV

und die zugehörige Menge der e(v1,,vn). Wir betrachten den Vektorraum

H=K(S),

das ist die Menge aller (endlichen) Summen

a1es1++akesk mit aiK und siS,

die es bilden eine Basis. Dies ist mit der natürlichen Addition und der natürlichen Skalarmultiplikation ein Vektorraum, und zwar ein Untervektorraum des Abbildungsraumes Abb(S,K) (es handelt sich bei H um die Menge derjenigen Vektoren, die für fast alle Elemente  sS  den Wert 0 haben). In H betrachten wir den Untervektorraum U, der von den folgenden Elementen erzeugt wird (die man die Standardrelationen des Dachprodukts nennt).

e(v1,,vi1,v+w,vi+1,,vn)e(v1,,vi1,v,vi+1,,vn)e(v1,,vi1,w,vi+1,,vn)

für beliebige  v1,,vi1,vi+1,,vn,v,wV

e(v1,,vi1,av,vi+1,,vn)ae(v1,,vi1,v,vi+1,,vn)

für beliebige  v1,,vi1,vi+1,,vn,vV  und  aK

e(v1,,vi1,v,vi+1,,vj1,v,vj+1,,vn)

für  i<j  und beliebige  v1,,vi1,vi+1,,,vj1,vj+1,,vn,vV

Dabei ist der Leitgedanke, die Regeln, die für eine alternierende multilineare Abbildung gelten müssen, dadurch zu erzwingen, dass man die obigen Terme zu 0 macht. Der erste Typ repräsentiert die Additivität in jedem Argument, die zweite die Verträglichkeit mit der skalaren Multiplikation, die dritte die alternierende Eigenschaft.

Man setzt nun

nV:=H/U,

d.h. man bildet den Restklassenraum von H modulo dem Unterraum U.

Die Elemente e(v1,,vn) bilden dabei ein Erzeugendensystem von H. Die Restklasse von e(v1,,vn) modulo U bezeichnen wir mit[1]

v1vn.

Die Erzeuger von U werden dann zu den Rechenregeln[2]

v1vi1(v+w)vi+1vn=v1vi1vvi+1vn+v1vi1wvi+1vn,
v1vi1avvi+1vn=av1vi1vvi+1vn

und

v1vi1vvi+1vj1vvj+1vn=0.

Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum. Man nennt den (in Konstruktion 57.3 konstruierten) K-Vektorraum nV die n-te äußere Potenz (oder das n-te Dachprodukt) von V. Die Abbildung

VnnV,(v1,,vn)v1vn,

nennt man die universelle alternierende Abbildung.



Rechenregeln für das Dachprodukt



Lemma  

Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum. Dann gelten für die äußeren Potenzen folgende Aussagen.

  1. Die Elemente der Form v1vn mit  viV  bilden ein Erzeugendensystem von nV.
  2. Die Abbildung
    VnnV,(v1,,vn)v1vn,

    ist multilinear und alternierend.

  3. Es ist
    v1vi1vwvi+2vn=v1vi1wvvi+2vn.
  4. Es seien  u1,,umV  gegeben und seien
    vj=i=1maijui

    für  j=1,,n.  Dann ist

    v1vn=(i1,,in){1,,m}n(j=1naijj)ui1uin=1i1<<inm(πSnsgn(π)j=1naiπ(j)j)ui1uin.

Beweis  

(1) folgt direkt aus der Konstruktion.
(2). Es liegt die zusammengesetzte Abbildung

VnHK(Vn)H/U
vor, wobei (v1,,vn) auf e(v1,,vn) und dies auf die Restklasse v1vnabgebildet wird. Dabei sichert die Definition des Unterraums U, dass jeweils die Eigenschaften einer multilinearen alternierenden Abbildung erfüllt sind.

(3) gilt nach Lemma 16.8 für jede alternierende Abbildung.
(4). Die erste Gleichung gilt nach Lemma 16.6 für jede multilineare Abbildung. Wenn sich in dem Indextupel (i1,,in) ein Eintrag wiederholt, so ist  ui1uin=0  wegen alternierend. Wir müssen also nur noch Tupel betrachten, wo alle Einträge verschieden sind. Diese können nach Umordnen auf die Form  1i1<<inm  gebracht werden. Bei einem fixierten aufsteigenden Indextupel ist die Summe über alle dazu permutierten Indextupel gleich

πSnj=1naiπ(j)juiπ(1)uiπ(n)=πSnsgn(π)j=1naiπ(j)jui1uin.



Korollar  

Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum und seien v1,,vn und w1,,wn Vektoren in V, die miteinander in der Beziehung

(v1vn)=M(w1wn)

stehen, wobei M eine n×n-Matrix bezeichnet.

Dann gilt in nV die Beziehung

v1vn=(detM)w1wn.

Beweis  

Mit  M=(bjk)  ist  vj=k=1nbjkwk  und mit der transponierten Matrix  Mtr=(aij)  ist  vj=i=1naijwi.  Damit sind wir in der Notation von Lemma 57.5  (4) und es gilt

v1vn=1i1<<inn(πSnsgn(π)j=1naiπ(j)j)wi1win=πSnsgn(π)j=1naπ(j)jw1wn,

da dann  ij=j  sein muss. Daher folgt die Aussage aus der Leibniz-Formel für die Determinante.




Die universelle Eigenschaft des Dachproduktes

Die folgende Aussage beschreibt die universelle Eigenschaft des Dachproduktes.


Satz  

Es sei K ein Körper, V ein K-Vektorraum und  n.  Es sei

ψ:VnW

eine alternierende multilineare Abbildung in einen weiteren K-Vektorraum W.

Dann gibt es eine eindeutig bestimmte lineare Abbildung

ψ~:nVW

derart, dass das Diagramm

VnnVW

kommutiert.

Beweis  

Wir verwenden die Notation aus Konstruktion 57.3. Durch die Zuordnung

e(v1,,vn)ψ(v1,,vn)

wird nach Satz 10.10 eine K-lineare Abbildung

ψ¯:HW

definiert. Da ψ multilinear und alternierend ist, wird unter ψ¯ der Untervektorraum  UH  auf 0 abgebildet. Nach Satz 48.7 gibt es daher eine K-lineare Abbildung

ψ~:H/UW,

die mit ψ¯ verträglich ist.
Die Eindeutigkeit ergibt sich daraus, dass die v1vn ein Erzeugendensystem von nV bilden und diese auf ψ(v1,,vn) abgebildet werden müssen.


Es bezeichne Altn(V,W) die Menge aller alternierenden Abbildungen von Vn nach W. Diese Menge kann man mit einer natürlichen K-Vektorraumstruktur versehen, siehe Aufgabe 16.28.



Korollar  

Es sei K ein Körper, V und W seien K-Vektorräume und  n

Dann gibt es eine natürliche Isomorphie

HomK(nV,W)Altn(V,W),ψ((v1,,vn)ψ(v1vn)).

Beweis  

Die Abbildung ist einfach die Verknüpfung ψψδ, wobei δ:V××VnV die kanonische Abbildung bezeichnet. Die Linearität der Zuordnung ergibt sich aus den linearen Strukturen des Homomorphismenraumes und des Raumes der alternierenden Abbildungen. Die Bijektivität der Abbildung folgt aus Satz 57.7.



Korollar  

Es sei K ein Körper, V ein K-Vektorraum und  n

Dann gibt es eine natürliche Isomorphie

(nV)Altn(V,K),ψ((v1,,vn)ψ(v1vn)).

Beweis  

Dies ist ein Spezialfall von Korollar 57.8.



Satz  

Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum und  k+

Dann gibt es eine kanonische surjektive lineare Abbildung

VVVV,v1vkv1vk.

Beweis  

Dies ergibt sich aus der alternierenden Abbildung

VkkV,(v1,,vk)v1vk,

gemäß Satz 55.4  (2). Die Surjektivität beruht darauf, dass das Erzeugendensystem v1vk im Bild liegt.

Wenn V endlichdimensional ist, so ergibt sich aus der vorstehenden Aussage und Korollar 55.13, dass das Dachprodukt endliche Dimension besitzt. Diese werden wir in der letzten Vorlesung bestimmen.



Fußnoten
  1. Es ist nicht einfach, sich unter den Ausdrücken v1vn bzw. etwas vorzustellen. Wichtiger als die „Bedeutung“ dieser Symbole ist ihr Transformationsverhalten und die Rechenregeln, die dafür gelten. Erst der operative Umgang mit diesen Symbolen lässt die Bedeutung entstehen. Wenn man aber eine ungefähre Vorstellung haben möchte, so kann man sagen, dass v1vn das von den Vektoren v1,,vn erzeugte „orientierte“ Parallelotop in V repräsentiert. Das Dachprodukt nV besteht dann aus Linearkombinationen von solchen Parallelotopen.
  2. Es gilt die Klammerungskonvention „Dachprodukt vor Punktrechnung“, d.h. der Ausdruck av1vn ist als a(v1vn) zu lesen. Es gelten aber ohnehin die Gleichheiten
    a(v1vn)=(av1)vn=v1(avn).


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