Zum Inhalt springen

Kurs:Lineare Algebra (Osnabrück 2024-2025)/Teil I/Vorlesung 30

Aus Wikiversity



Affine Erzeugendensysteme



Lemma  

Es sei E ein affiner Raum über dem K-Vektorraum V.

Dann ist der Durchschnitt von einer Familie FiE, iI, von affinen Unterräumen wieder affin.

Beweis  

Wenn der Durchschnitt leer ist, so gilt die Aussage nach Definition. Es sei  PiIFi.  Wir können die affinen Unterräume als

Fi=P+Ui

mit Untervektorräumen  UiV  schreiben. Sei

U=iIUi,

was nach Lemma 6.16  (1) ein Untervektorraum ist. Wir behaupten

iIFi=P+U.

Aus  QiIFi  folgt

Q=P+u

mit  uiIUi,  sodass  QP+U  liegt. Umgekehrt folgt aus  QP+U  direkt  QP+Ui=Fi

Insbesondere gibt es zu jeder Teilmenge  TE  in einem affinen Raum E einen kleinsten affinen Unterraum, der T umfasst.


Lemma  

Es sei E ein affiner Raum über dem K-Vektorraum V und  TE  eine Teilmenge.

Dann besteht der kleinste affine Unterraum  FE  von E, der T umfasst, aus allen baryzentrischen Kombinationen

i=1naiPi mit PiT und i=1nai=1.

Beweis  

Die angegebene Menge enthält die einzelnen Punkte aus T, da man als baryzentrisches Koordinatentupel insbesondere ein Standardtupel nehmen kann. Daher ergibt sich die Behauptung aus Lemma 29.14 und Aufgabe 29.20.



Es sei E ein affiner Raum über dem K-Vektorraum V und sei  FE  ein affiner Unterraum. Eine Familie von Punkten PiF, iI, heißt affines Erzeugendensystem von F, wenn F der kleinste affine Unterraum von E ist, der alle Punkte Pi umfasst.

Ein Punkt erzeugt als affinen Raum den Punkt selbst, zwei Punkte erzeugen die Verbindungsgerade.



Affine Unabhängigkeit

Es sei E ein affiner Raum über einem K-Vektorraum V und es sei

P1,,Pn

eine endliche Familie von Punkten aus E. Man nennt die Punktfamilie affin-unabhängig, wenn eine Gleichheit

i=1naiPi=i=1nbiPi

mit

i=1nai=i=1nbi=1

nur bei

ai=bi

für alle  i=1,,n  möglich ist.



Es sei E ein affiner Raum über einem K-Vektorraum V und es sei

P1,,Pn

eine endliche Familie von Punkten aus E. Dann sind die folgenden Aussagen äquivalent:

  1. Die Punkte P1,,Pn sind affin unabhängig.
  2. Für jedes  i{1,,n}  ist die Vektorfamilie
    PiP1,,PiPi1,PiPi+1,,PiPn

    linear unabhängig.

  3. Es gibt ein  i{1,,n}  derart, dass die Vektorfamilie
    PiP1,,PiPi1,PiPi+1,,PiPn

    linear unabhängig ist.

  4. Die Punkte P1,,Pn bilden in dem von ihnen erzeugten affinen Unterraum eine affine Basis.

Beweis

Siehe Aufgabe 30.3.



Affine Abbildungen

Es sei K ein Körper und seien E und F affine Räume über den Vektorräumen V bzw. W. Eine Abbildung

ψ:EF

heißt affin (oder affin-lineare Abbildung), wenn es eine lineare Abbildung

φ:VW

mit

ψ(P+v)=ψ(P)+φ(v)

für alle  PE  und  vV  gibt.

Es genügt, diese Bedingung für einen einzigen Punkt und alle Vektoren zu überprüfen, siehe Aufgabe 30.7.

Eine Abbildung

ψ:EF

ist genau dann affin-linear mit linearem Anteil φ, wenn das Diagramm

V×E+Eφ×ψψW×F+F

kommutiert. Zu einer affin-linearen Abbildung

ψ:EF

ist der lineare Anteil (bei E)

φ:VW

eindeutig bestimmt. Es ist nämlich notwendigerweise

φ(v)=ψ(P)ψ(P+v)

für einen beliebigen Punkt  PE.  Daher bezeichnen wir den linearen Anteil mit ψ0. Für zwei Punkte  P,QE  gilt insbesondere

ψ0(PQ)=ψ(P)ψ(Q).



Wenn man Vektorräume V und W über K als affine Räume auffasst, so besitzen die affin-linearen Abbildungen von V nach W die Form

ψ:VW,vφ(v)+w,

mit einer linearen Abbildung φ:VW und einem fixierten Verschiebungsvektor  wW.  Insbesondere haben die affin-linearen Abbildungen von K nach K die Form

ψ:KK,xax+b,

mit  a,bK




Lemma  

Es sei K ein Körper und seien E,F und G affine Räume über den Vektorräumen U,V bzw. W. Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Die Identität
    IdE:EE

    ist affin-linear.

  2. Die Verknüpfung von affin-linearen Abbildungen
    EF

    und

    FG

    ist wieder affin-linear.

  3. Zu einer bijektiven affin-linearen Abbildung
    ψ:EF

    ist auch die Umkehrabbildung affin-linear.

  4. Zu  vV  ist die Verschiebung
    EE,PP+v,

    affin-linear.

  5. Eine lineare Abbildung ist affin-linear.

Beweis  

Diese Eigenschaften folgen unmittelbar aus der Definition.



Lemma  

Es seien E und F affine Räume über einem Körper K und sei

ψ:EF

eine Abbildung.

Dann ist ψ genau dann affin-linear, wenn für jede baryzentrische Kombination iIaiPi mit  PiE  die Gleichheit

ψ(iIaiPi)=iIaiψ(Pi)

gilt.

Beweis  

Es seien V und W die Vektorräume zu E bzw. zu F. Es sei zunächst ψ affin-linear mit linearem Anteil

ψ0:VW

und eine baryzentrische Kombination iIaiPi mit  PiE  und  iIai=1  gegeben. Dann ist (mit einem beliebigen Punkt QE)

ψ(iIaiPi)=ψ(Q+iIaiQPi)=ψ(Q)+ψ0(iIaiQPi)=ψ(Q)+iIaiψ0(QPi)=ψ(Q)+iIaiψ(Q)ψ(Pi)=iIaiψ(Pi).

Es sei nun umgekehrt die Abbildung ψ mit den baryzentrischen Kombinationen verträglich. Wir setzen

φ(v):=ψ(P)ψ(P+v)

für  vV,  mit einem  PE.  Wir zeigen zunächst, dass dies unabhängig von dem gewählten Punkt P ist. Für einen weiteren Punkt  QE  ist

(P+v)(Q+v)+Q

eine baryzentrische Kombination für den Punkt P, siehe Aufgabe 29.15. Daher ist in F

ψ(P+v)ψ(Q+v)+ψ(Q)=ψ(P).

Somit ist in V

ψ(P)ψ(P+v)ψ(P)ψ(Q+v)+ψ(P)ψ(Q)=0

und daher

ψ(P)ψ(P+v)=ψ(P)ψ(Q+v)ψ(P)ψ(Q)=ψ(P)ψ(Q+v)+ψ(Q)ψ(P)=ψ(Q)ψ(Q+v).

Es bleibt zu zeigen, dass φ linear ist. Für  u=PQ  und  v=PR  ist

ψ(P)+φ(au+bv)=ψ(P+au+bv)=ψ(P+aPQ+bPR)=ψ((1ab)P+aQ+bR)=(1ab)ψ(P)+aψ(Q)+bψ(R)=ψ(P)+aψ(P)ψ(Q)+bψ(P)ψ(R)=ψ(P)+aφ(PQ)+bφ(PR)=ψ(P)+aφ(u)+bφ(v).

Also ist

φ(au+bv)=aφ(u)+bφ(v).



Es sei K ein Körper und seien E und F affine Räume über den K-Vektorräumen V bzw. W. Eine bijektive affine Abbildung

ψ:EF

heißt affiner Isomorphismus.

In einem gewissen Sinne setzen sich affin-lineare Abbildungen aus Verschiebungen und aus linearen Abbildungen zusammen.



Lemma  

Es sei K ein Körper und sei E ein affiner Raum über dem Vektorraum V. Es sei  PE

Dann entsprechen sich die affin-linearen Abbildungen

ψ:EE

mit P als Fixpunkt und die linearen Abbildungen

φ:VV.

Beweis  

Die Zuordnung ist durch ψψ0 gegeben. Wir müssen zeigen, dass es zu jeder linearen Abbildung φ:VV eine eindeutige affin-lineare Abbildung

ψ:EE

mit diesem linearen Anteil gibt. Wegen

ψ(Q)=ψ(P)+φ(PQ)=P+φ(PQ)

kann es nur eine affin-lineare Abbildung geben, und durch diese Vorschrift kann man die Abbildung auch definieren.


Der folgende Satz heißt Festlegungssatz für affine Abbildungen und ist analog zu Satz 10.10.


Satz  

Es sei K ein Körper und seien E und F affine Räume über den Vektorräumen V bzw. W. Es sei Pi, iI, eine affine Basis von E und Qi, iI, eine Familie von Punkten in F.

Dann gibt es eine eindeutig bestimmte affin-lineare Abbildung

ψ:EF

mit

ψ(Pi)=Qi

für alle  iI

Beweis  

Es sei  i0I.  Es gibt nach Satz 10.10 eine eindeutig bestimmte lineare Abbildung

φ:VW

mit

φ(Pi0Pi)=Qi0Qi,

für alle  iI{i0}.  Dann ist

ψ(R)=Qi0+φ(Pi0R)

eine affin-lineare Abbildung mit der gewünschten Eigenschaft. Es ist ja

ψ(Pi0)=Qi0+φ(Pi0Pi0)=Qi0

und

ψ(Pi)=Qi0+φ(Pi0Pi)=Qi0+Qi0Qi=Qi.

Umgekehrt ist eine solche affine Abbildung ψ durch den linearen Anteil und durch den Wert an einem einzigen Punkt eindeutig festgelegt, sodass

ψ0=φ

sein muss.



Korollar  

Es sei K ein Körper und sei E ein affiner Raum mit einer affinen Basis P1,,Pn,Pn+1.

Dann ist die Abbildung

EKn+1,P(a1,,an,an+1),

wobei ai die baryzentrischen Koordinaten von P sind, eine affin-lineare Abbildung, die eine affine Isomorphie zwischen E und dem affinen Unterraum  FKn+1  stiftet, der durch

F={xKn+1i=1n+1xi=1}

gegeben ist. Der Vektorraum zu F ist

W={xKn+1i=1n+1xi=0}.

Beweis  

Nach Satz 30.13 gibt es eine eindeutig bestimmte affin-lineare Abbildung

EKn+1,

die Pi auf den i-ten Standardvektor ei abbildet. Dabei wird nach Lemma 30.10

P=i=1n+1aiPi

auf

1=1n+1aiei

abgebildet. Wegen

i=1n+1ai=1

gehört dieser Punkt zu F. Die Bijektivität ist klar.


<< | Kurs:Lineare Algebra (Osnabrück 2024-2025)/Teil I | >>
PDF-Version dieser Vorlesung
Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)