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Kurs:Lineare Algebra (Osnabrück 2024-2025)/Teil I/Vorlesung 23

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Das charakteristische Polynom

Wir möchten zu einem Endomorphismus φ:VV die Eigenwerte und dann auch die Eigenräume bestimmen. Dazu ist das charakteristische Polynom entscheidend.


Zu einer n×n-Matrix M mit Einträgen in einem Körper K heißt das Polynom

χM:=det(XEnM)

das charakteristische Polynom[1] von M.

Für  M=(aij)ij  bedeutet dies

χM=det(Xa11a12a1na21Xa22a2nan1an2Xann).

In dieser Definition nehmen wir Bezug auf die Determinante von Matrizen, die wir nur für Matrizen mit Einträgen in einem Körper definiert haben. Die Einträge sind jetzt aber Elemente im Polynomring K[X]. Da wir sie aber als Elemente im Körper der rationalen Funktionen K(X) auffassen können,[2] ist dies eine sinnvolle Definition. Gemäß der Definition ist diese Determinante ein Element in K(X), da aber alle Einträge der Matrix Polynome sind und bei der rekursiven Definition der Determinante nur addiert und multipliziert wird, ist das charakteristische Polynom wirklich ein Polynom. Der Grad des charakteristischen Polynoms ist n und der Leitkoeffizient ist 1, d.h. die Gestalt ist

χM=Xn+cn1Xn1++c1X+c0.

Es gilt die wichtige Beziehung

χM(λ)=det(λEnM)

für jedes  λK,  siehe Aufgabe 23.3. Hier wird links die Zahl λ in das Polynom eingesetzt und rechts wird die Determinante von einer Matrix, die von λ abhängt, ausgerechnet.

Für eine lineare Abbildung

φ:VV

auf einem endlichdimensionalen Vektorraum definiert man das charakteristische Polynom

χφ:=χM,

wobei M eine beschreibende Matrix bezüglich einer beliebigen Basis sei. Der Determinantenmultiplikationssatz zeigt, dass diese Definition unabhängig von der Wahl der Basis ist, siehe Aufgabe 23.24. Das charakteristische Polynom der Identität auf einem n-dimensionalen Vektorraum ist

χId=det(XEnEn)=(X1)n=XnnXn1+(n2)Xn2(n3)Xn3+±(n2)X2nX±1.



Satz  

Es sei K ein Körper und es sei V ein n-dimensionaler Vektorraum. Es sei

φ:VV

eine lineare Abbildung.

Dann ist  λK  genau dann ein Eigenwert von φ, wenn λ eine Nullstelle des charakteristischen Polynoms χφ ist.

Beweis  

Es sei M eine beschreibende Matrix für φ, und sei  λK  vorgegeben. Es ist

χM(λ)=det(λEnM)=0

genau dann, wenn die lineare Abbildung

λIdVφ

nicht bijektiv (und nicht injektiv) ist (wegen Satz 16.11 und Lemma 12.5). Dies ist nach Lemma 22.1 und Lemma 11.4 äquivalent zu

Eigλ(φ)=kern(λIdVφ)0,

was bedeutet, dass der Eigenraum zu λ nicht der Nullraum ist, also λ ein Eigenwert zu φ ist.



Wir betrachten die reelle Matrix  M=(0510).  Das charakteristische Polynom ist

χM=det(xE2M)=det(x(1001)(0510))=det(x51x)=x25.

Die Eigenwerte sind also  x=±5  (diese Eigenwerte haben wir auch in Beispiel 21.5 ohne charakteristisches Polynom gefunden).



Zur Matrix

M=(2534)

ist das charakteristische Polynom gleich

χM=det(X253X4)=(X2)(X4)+15=X26X+23.

Die Nullstellenbestimmung dieses Polynoms führt zur Bedingung

(X3)2=23+9=14,

die über nicht erfüllbar ist, sodass die Matrix über keine Eigenwerte besitzt. Über hingegen gibt es die beiden Eigenwerte 3+14i und 314i. Für den Eigenraum zu 3+14i muss man

Eig3+14i(M)=kern((3+14i)E2M)=kern(1+14i531+14i)

bestimmen, ein Basisvektor (also ein Eigenvektor) davon ist (51+14i). Analog ist

Eig314i(M)=kern(114i53114i)=(5114i).


Für eine obere Dreiecksmatrix

M=(d10d200dn100dn)

ist das charakteristische Polynom nach Lemma 16.4 gleich

χM=(Xd1)(Xd2)(Xdn).

In diesem Fall liegt das charakteristische Polynom direkt in der Zerlegung in lineare Faktoren vor, sodass unmittelbar seine Nullstellen und damit die Eigenwerte von M ablesbar sind, nämlich die Diagonalelemente d1,d2,,dn (die nicht alle verschieden sein müssen).




Invariante Untervektorräume

Es sei K ein Körper, V ein K-Vektorraum und

φ:VV

eine lineare Abbildung. Dann heißt ein Untervektorraum  UV  φ-invariant, wenn

φ(U)U

gilt.

Der Nullraum und der Gesamtraum sind natürlich φ-invariant. Ferner sind die Eigenräume zu φ invariant.



Lemma  

Es sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum und

φ:VV

eine lineare Abbildung. Es sei

V=UW

eine direkte Summenzerlegung in φ-invariante Unterräume.

Dann gilt für das charakteristische Polynom die Beziehung

χφ=χφ|Uχφ|W.

Beweis  

Es sei u1,,uk eine Basis von U und w1,,wm eine Basis von W, die zusammen eine Basis von V ergeben. Bezüglich dieser Basis wird φ insgesamt durch die Blockmatrix  M=(A00B)  beschrieben, wobei A die Einschränkung φ|U und B die Einschränkung φ|W beschreibt. Dann ist unter Verwendung von Aufgabe 16.23

χφ=χM=det(tIdM)=det(tIdA)det(tIdB)=χφ|Uχφ|W.




Algebraische Vielfachheiten

Für eine genauere Untersuchung der Eigenräume ist die folgende Begrifflichkeit sinnvoll.


Es sei

φ:VV

eine lineare Abbildung auf einem endlichdimensionalen K-Vektorraum V und  λK.  Man nennt dann den Exponenten des linearen Polynoms Xλ im charakteristischen Polynom χφ die algebraische Vielfachheit von λ. Sie wird mit

μλ=μλ(φ)

bezeichnet.

Wie neulich eingeführt, nennt man

dimK(Eigλ(φ))

die geometrische Vielfachheit von λ. Aufgrund von Satz 23.2 wissen wir, dass die eine Vielfachheit genau dann positiv ist, wenn dies für die andere gilt, und dies ist genau dann der Fall, wenn λ ein Eigenwert ist.

Im Allgemeinen können die beiden Vielfachheiten aber verschieden sein, wobei eine Abschätzung immer gilt.


Lemma  

Es sei K ein Körper und es sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum. Es sei

φ:VV

eine lineare Abbildung und λK.

Dann besteht zwischen der geometrischen und der algebraischen Vielfachheit die Beziehung

dimK(Eigλ(φ))μλ(φ).

Beweis  

Es sei  m=dimK(Eigλ(φ))  und sei v1,,vm eine Basis von diesem Eigenraum, die wir durch w1,,wnm zu einer Basis von V ergänzen. Bezüglich dieser Basis hat die beschreibende Matrix die Gestalt

(λEmB0C).

Das charakteristische Polynom ist daher nach Aufgabe 16.23 gleich (Xλ)mχC, sodass die algebraische Vielfachheit mindestens m ist.



Wir betrachten 2×2-Scherungsmatrizen

M=(1a01)

mit  aK.  Das charakteristische Polynom ist

χM=(X1)(X1),

sodass 1 der einzige Eigenwert von M ist. Den zugehörigen Eigenraum berechnet man als

Eig1(M)=kern(0a00).

Aus

(0a00)(rs)=(as0)

folgt, dass (10) ein Eigenvektor ist, und dass bei  a0  der Eigenraum eindimensional ist (bei a=0 liegt die Identität vor und der Eigenraum ist zweidimensional). Bei  a0  ist die algebraische Vielfachheit des Eigenwerts 1 gleich 2, die geometrische Vielfachheit gleich 1.




Vielfachheiten und diagonalisierbare Abbildungen



Satz  

Es sei K ein Körper und es sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum. Es sei

φ:VV

eine lineare Abbildung.

Dann ist φ genau dann diagonalisierbar, wenn das charakteristische Polynom χφ in Linearfaktoren zerfällt und wenn für jede Nullstelle λ mit der algebraischen Vielfachheit μλ die Gleichheit

μλ=dimK(Eigλ(φ))

gilt.

Beweis  

Wenn φ diagonalisierbar ist, so kann man sofort annehmen, dass φ bezüglich einer Basis aus Eigenvektoren durch eine Diagonalmatrix beschrieben wird. Die Diagonaleinträge dieser Matrix sind nach Beispiel 21.4 die Eigenwerte, und diese wiederholen sich gemäß ihrer geometrischen Vielfachheit. Das charakteristische Polynom lässt sich nach Beispiel 23.5 auch direkt aus dieser Diagonalmatrix ablesen, jeder Diagonaleintrag λ trägt als Linearfaktor Xλ bei.

Für die Umkehrung seien λ1,,λk die verschiedenen Eigenwerte und

μi:=μλi(φ)=dimK(Eigλi(φ))

seien die (geometrischen und algebraischen) Vielfachheiten. Da nach Voraussetzung das charakteristische Polynom in Linearfaktoren zerfällt, muss die Summe dieser Zahlen gleich  n=dimK(V)  sein. Nach Lemma 22.6 ist die Summe der Eigenräume

Eigλ1(φ)Eigλk(φ)V

direkt. Nach Voraussetzung ist die Dimension links ebenfalls gleich n, sodass Gleichheit vorliegt. Nach Lemma 22.11 ist φ diagonalisierbar.



Es sei K ein Körper und es sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum. Es sei

φ:VV

eine lineare Abbildung. Das charakteristische Polynom χφ zerfalle in verschiedene Linearfaktoren.

Dann ist φ diagonalisierbar.

Beweis

Siehe Aufgabe 23.28.


Daraus ergibt sich auch ein neuer Beweis für Korollar 22.10.



Fußnoten
  1. Manche Autoren definieren das charakteristische Polynom als Determinante von MXEn anstatt von XEnM. Dies ändert aber - und zwar nur bei n ungerade - nur das Vorzeichen.
  2. K(X) heißt der Körper der rationalen Polynome; er besteht aus allen Brüchen P/Q zu Polynomen  P,QK[X]  mit  Q0.  Bei  K=  oder kann man diesen Körper mit der Menge der rationalen Funktionen identifizieren.


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