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Kurs:Lineare Algebra (Osnabrück 2015-2016)/Teil II/Vorlesung 33

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Das Kreuzprodukt

Eine Besonderheit im 3 ist das sogenannte Kreuzprodukt, das zu zwei gegebenen Vektoren einen dazu senkrechten Vektor berechnet.


Zu einem Körper K ist auf dem K3 durch

x×y=(x1x2x3)×(y1y2y3):=(x2y3x3y2x1y3+x3y1x1y2x2y1)

eine Verknüpfung erklärt, die das Kreuzprodukt heißt.

Statt Kreuzprodukt sagt man auch Vektorprodukt. Als Merkregel kann man

x×y=det(e1x1y1e2x2y2e3x3y3)

verwenden, wobei e1,e2,e3 die Standardvektoren sind und formal nach der ersten Spalte zu entwickeln ist. So wie es dasteht, ist das Kreuzprodukt unter Bezug auf die Standardbasis definiert.


Das Kreuzprodukt der beiden Vektoren  (582),(341)3  ist

(582)×(341)=(814(2)51235483)=(16114).



Lemma  

Das Kreuzprodukt auf dem K3 erfüllt die folgenden Eigenschaften (dabei sind x,y,zK3 und a,bK).

  1. Es ist
    x×y=(y×x).
  2. Es ist
    (ax+by)×z=a(x×z)+b(y×z)

    und

    z×(ax+by)=a(z×x)+b(z×y).
  3. Es ist
    x×y=0

    genau dann, wenn x und y linear abhängig sind.

  4. Es ist
    x×(y×z)+y×(z×x)+z×(x×y)=0.
  5. Es ist
    x×y,z=det(x,y,z),

    wobei hier mit , die formale Auswertung im Sinne des Standardskalarproduktes gemeint ist.

  6. Es ist
    x,x×y=0=y,x×y,

    wobei hier mit , die formale Auswertung im Sinne des Standardskalarproduktes gemeint ist.

Beweis  

(1) ist klar von der Definition her.

(2). Es ist

(a(x1x2x3)+b(y1y2y3))×(z1z2z3)=(ax1+by1ax2+by2ax3+by3)×(z1z2z3)=((ax2+by2)z3(ax3+by3)z2(ax1+by1)z3+(ax3+by3)z1(ax1+by1)z2(ax2+by2)z1)=(ax2z3ax3z2ax1z3+ax3z1ax1z2ax2z1)+(by2z3by3z2by1z3+by1z3by1z2by2z1)=a(x2z3x3z2x1z3+x3z1x1z2x2z1)+b(y2z3y3z2y1z3+y1z3y1z2y2z1)=a(x×z)+b(y×z).

Die zweite Gleichung folgt daraus und aus (1).

(3). Wenn x und y linear abhängig sind, so kann man  x=cy  (oder umgekehrt) schreiben. Dann ist

(cy1cy2cy3)×(y1y2y3)=(cy2y3cy2y3cy1y3+cy3y1cy1y2cy2y1)=0.

Wenn umgekehrt das Kreuzprodukt 0 ist, so sind alle Einträge des Vektors (x2y3x3y2x1y3+x3y1x1y2x2y1) gleich 0. Es sei beispielsweise  y10.  Wenn  x1=0,  so folgt direkt

x2=x3=0

und x wäre der Nullvektor. Es sei also  x10.  Dann ist  y2=y1x1x2  und  y3=y1x1x3  und somit ist

y=y1x1x.

(4). Siehe Aufgabe 33.6.

(5). Es ist

x×y,z=(x2y3x3y2x1y3+x3y1x1y2x2y1),(z1z2z3)=z1x2y3z1x3y2z2x1y3+z2x3y1+z3x1y2z3x2y1,

was mit der Determinante wegen der Regel von Sarrus übereinstimmt.

(6) folgt aus (5).


Der uns in (5) begegnende Ausdruck x×y,z, also die Determinante der drei Vektoren, wenn man diese als Spaltenvektoren auffasst, heißt auch Spatprodukt.



Lemma  

Es sei u1,u2,u3 eine Orthonormalbasis des 3 mit

det(u1,u2,u3)=1.

Dann kann man das Kreuzprodukt x×y mit den Koordinaten von x und y zu dieser Basis (und den Formeln aus Definition 33.1) ausrechnen.

Beweis  

Es sei

x=c1u1+c2u2+c3u3

und

y=d1u1+d2u2+d3u3.

Nach Lemma 33.3  (2) ist

x×y=(c1u1+c2u2+c3u3)×(d1u1+d2u2+d3u3)=1i,j3cidj(ui×uj).

Nach Lemma 33.3  (3) ist

ui×ui=0

und nach Lemma 33.3  (1) ist

ui×uj=uj×ui.

Nach Lemma 33.3  (6) steht u1×u2 senkrecht auf u1 und u2, daher ist

u1×u2=λu3

mit einem  λ,  da diese Orthogonalitätsbedingung eine Gerade definiert. Wegen Lemma 33.3  (5) und der Voraussetzung ergibt sich

λ=λu3,u3=u1×u2,u3=det(u1,u2,u3)=1,

also ist

u1×u2=u3.

Ebenso ergibt sich, unter Verwendung von Lemma 17.2  (3),  u1×u3=u2  und  u2×u3=u1.  Somit ist insgesamt

x×y=1i,j3cidj(ui×uj)=i<j(cidjcjdi)(ui×uj)=(c1d2c2d1)u3(c1d3c3d1)u2+(c2d3c3d2)u1

und dies ist die Behauptung.




Isometrien

Es seien V,W Vektorräume über 𝕂 mit Skalarprodukten und

φ:VW

eine lineare Abbildung. Dann heißt φ eine Isometrie, wenn

φ(v),φ(w)=v,w

für alle  v,wV  gilt.

Eine Isometrie ist stets injektiv. Bei

𝕂=

spricht man auch von unitären Abbildungen. In Abgrenzung zu affinen Isometrien, die wir später behandeln werden, spricht man auch von linearen Isometrien.



Lemma  

Es seien V und W Vektorräume über 𝕂, die mit einem Skalarprodukt versehen seien, und sei φ:VW eine lineare Abbildung. Dann sind folgende Aussagen äquivalent.

  1. φ ist eine Isometrie.
  2. Für alle  u,vV  ist  d(φ(u),φ(v))=d(u,v)
  3. Für alle  vV  ist  φ(v)=v
  4. Für alle  vV  mit  v=1  ist auch  φ(v)=1

Beweis  

Die Richtungen (1)(2), (2)(3) und (3)(4) sind Einschränkungen. (4)(3). Für den Nullvektor ist die Aussage (3) klar, sei also  v0.  Dann besitzt vv die Norm 1 und wegen

φ(v)=φ(vvv)=vφ(vv)

ist

φ(v)=v.

(3)(1) folgt aus Lemma 31.10.



Es seien V und W euklidische Vektorräume und sei

φ:VW

eine lineare Abbildung. Dann sind die folgenden Aussagen äquivalent:

  1. φ ist eine Isometrie.
  2. Für jede Orthonormalbasis ui,i=1,,n, von V ist φ(ui),i=1,,n, Teil einer Orthonormalbasis von W.
  3. Es gibt eine Orthonormalbasis ui,i=1,,n, von V derart, dass φ(ui),i=1,,n, Teil einer Orthonormalbasis von W ist.

Beweis

Siehe Aufgabe 33.8.


Die Menge der Vektoren mit Norm 1 in einem euklidischen Vektorraum nennt man auch die Sphäre. Eine Isometrie lässt sich also dadurch charakterisieren, dass unter ihr die Sphäre in die Sphäre abgebildet wird.



Satz  

Zu jedem euklidischen Vektorraum V

gibt es eine bijektive Isometrie

φ:nV,

wobei n mit dem Standardskalarprodukt versehen sei.

Beweis  

Es sei u1,,un eine Orthonormalbasis von V und sei

φ:nV

die durch

φ(ei)=ui

festgelegte lineare Abbildung. Nach Lemma 33.7  (3) ist dies eine Isometrie.




Isometrien auf einem euklidischen Vektorraum

Wir besprechen nun Isometrien von einem euklidischen Vektorraum in sich selbst. Diese sind stets bijektiv. Bezüglich einer jeden Orthonormalbasis von V werden sie folgendermaßen beschrieben.


Lemma  

Es sei V ein euklidischer Vektorraum und u1,,un eine Orthonormalbasis von V. Es sei

φ:VV

eine lineare Abbildung und M die beschreibende Matrix zu φ bezüglich der gegebenen Basis.

Dann ist φ genau dann eine Isometrie, wenn

MtrM=En

ist.

Beweis  

Es sei zunächst φ eine Isometrie. Dann ist  vi=φ(ui)  eine Orthonormalbasis nach Lemma 33.7, und deren Koordinaten bezüglich ui bilden die Spalten der beschreibenden Matrix M. Daher ist unter Verwendung von Aufgabe 33.13

vitrvj=vi,vj=δij.

Als Matrixgleichung bedeutet dies

MtrM=(10001000010001).

Das Argument rückwärts gelesen ergibt die Umkehrung.


Die Menge der Isometrien auf einem euklidischen Vektorraum bildet eine Gruppe, und zwar eine Untergruppe der Gruppe aller bijektiven linearen Abbildungen. Wir erinnern kurz an die allgemeine und die spezielle lineare Gruppe.


Zu einem Körper K und  n+  nennt man die Menge aller invertierbaren n×n-Matrizen mit Einträgen in K die allgemeine lineare Gruppe über K. Sie wird mit GLn(K) bezeichnet.


Zu einem Körper K und  n+  nennt man die Menge aller invertierbaren n×n-Matrizen mit

detM=1

die spezielle lineare Gruppe über K. Sie wird mit SLn(K) bezeichnet.



Es sei K ein Körper und En die Einheitsmatrix der Länge n. Eine Matrix  MGLn(K)  mit

MtrM=En

heißt orthogonale Matrix. Die Menge aller orthogonalen Matrizen heißt orthogonale Gruppe, sie wird mit

On(K)={MGLn(K)MtrM=En}

bezeichnet.


Eine Matrix  MGLn()  mit

MtrM=En

heißt unitäre Matrix. Die Menge aller unitären Matrizen heißt unitäre Gruppe, sie wird mit

Un={MGLn()MtrM=En}

bezeichnet.



Eigenwerte bei Isometrien



Satz  

Es sei V ein endlichdimensionaler 𝕂-Vektorraum und sei

φ:VV

eine lineare Isometrie.

Dann besitzt jeder Eigenwert von φ den Betrag 1.

Bei  𝕂=  sind nur die Eigenwerte 1 und 1 möglich.

Beweis  

Es sei  φ(v)=λv  mit  v0,  d.h. v ist ein Eigenvektor zum Eigenwert  λ𝕂.  Wegen der Isometrieeigenschaft gilt

v=φ(v)=λv=|λ|v.

Wegen  v0  folgt daraus  |λ|=1.  Im Reellen bedeutet dies  λ=±1

Im Allgemeinen muss eine Isometrie keine Eigenwerte besitzen, bei ungerader Dimension allerdings schon, siehe dazu die nächste Vorlesung.



Lemma  

Die Determinante einer linearen Isometrie

φ:VV

auf einem euklidischen Vektorraum V

ist 1 oder 1.

Beweis  

Nach Lemma 33.9 ist

MtrM=(10001000010001).

Somit folgt die Aussage aus dem Determinantenmultiplikationssatz und aus Satz 17.5.




Eigentliche Isometrien

Eine Isometrie auf einem euklidischen Vektorraum heißt eigentlich, wenn ihre Determinante gleich 1 ist.


Es sei K ein Körper und  n+.  Eine orthogonale n×n-Matrix M mit

detM=1

heißt spezielle orthogonale Matrix. Die Menge aller speziellen orthogonalen Matrizen heißt spezielle orthogonale Gruppe, sie wird mit SOn(K) bezeichnet.


Eine unitäre n×n-Matrix  MGLn()  mit

detM=1

heißt spezielle unitäre Matrix. Die Menge aller speziellen unitären Matrizen heißt spezielle unitäre Gruppe, sie wird mit SUn bezeichnet.


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