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Kurs:Maß- und Integrationstheorie (Osnabrück 2022-2023)/Vorlesung 21

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Zu einem - endlichen Maßraum und einer reellen Zahl    sind die Lebesgueräume nach dem Satz von Fischer-Riesz vollständige normierte Vektorräume. Wir haben schon erwähnt, dass dabei eine besondere Rolle spielt. Dies beruht darauf, dass man zu integrierbaren Funktionen

das Integral betrachten kann, das ein Skalarprodukt definiert, dessen zugehörige Norm gerade die -Norm ist (siehe auch Beispiel 32.9 (Analysis (Osnabrück 2021-2023))). Diese zusätzliche Struktur erlaubt es, über Winkel, Orthogonalität, orthogonale Projektion etc. auch im Kontext von Funktionen zu sprechen. Der theoretische Rahmen wird durch das Konzept eines Hilbertraumes abgesteckt.



Hilberträume

Ein - Vektorraum mit Skalarprodukt, der mit der zugehörigen Metrik ein vollständiger metrischer Raum ist, heißt Hilbertraum.

Endlichdimensionale -Vektorräume mit einem Skalarprodukt sind vollständig nach Aufgabe 36.9 (Analysis (Osnabrück 2021-2023)), also Hilberträume. Der Begriff ist insbesondere für unendlichdimensionale Vektorräume relevant.



Ein Untervektorraum    eines - Hilbertraumes

ist genau dann ein Hilbertraum, wenn er abgeschlossen in ist.

Beweis

Siehe Aufgabe 21.9.

Wir halten die folgende Aussage über den Raum der quadratintegrierbaren Funktionen fest.


Es sei ein - endlicher Maßraum.

Dann ist der Lebesgueraum der quadratintegrierbaren Funktionen, versehen mit dem Skalarprodukt

ein Hilbertraum.

Wir argumentieren zuerst auf der Ebene von . Zu quadratintegrierbaren Funktionen zeigt die Höldersche Abschätzung

dass das angegebene Integral endlich ist. Mit Lemma 16.6 folgt, dass sein Wert unabhängig von den gewählten Repräsentanten sind und eine Funktion auf definiert. Eigenschaften des Integrals wie Satz 10.6 sichern, dass ein Skalarprodukt vorliegt. Die Vollständigkeit ergibt sich aus dem Satz von Fischer-Riesz.



Wir betrachten die natürlichen Zahlen als Maßraum mit dem Zählmaß, siehe Beispiel 16.2 und Beispiel 16.11. Der zugehörige Raum der quadratsummierbaren Folgen besitzt das Skalarprodukt

die Norm eines Elementes ist

Dieser Hilbertraum wird mit oder mit bezeichnet, man spricht vom Hilbertschen Folgenraum.




Minimaler Abstand

Eine Teilmenge    in einem reellen Vektorraum heißt konvex, wenn mit je zwei Punkten    auch jeder Punkt der Verbindungsstrecke, also jeder Punkt der Form

ebenfalls zu gehört.



Es sei ein - Vektorraum mit Skalarprodukt und sei    eine nichtleere konvexe vollständige Teilmenge.

Dann enthält einen eindeutigen Punkt  ,  indem die Norm (unter allen Punkten aus ) das Minimum annimmt.

Es sei das Infimum von

Mit Hilfe von Aufgabe 32.25 (Analysis (Osnabrück 2021-2023)) erhält man für Punkte    die Identität

Wegen der Konvexität gilt    und daher ist

Es seien nun Punkte, in denen das Infimum angenommen wird. Dann folgt aus

sofort    und damit  ,  was die Eindeutigkeit bedeutet.

Da das Infimum einer nichtleeren Teilmenge von durch eine Folge beliebig nah angenähert weden kann, gibt es eine Folge    derart, dass gegen konvergiert. Die obige Abschätzung ergibt für Folgenglieder die Abschätzung

Da gegen konvergiert, folgt daraus, dass die Differenz links beliebig klein wird. Dies bedeutet, dass eine Cauchy-Folge ist. Wegen der Vollständigkeit von konvergiert die Folge gegen ein  



Es sei ein - Vektorraum mit Skalarprodukt und sei    ein vollständiger Untervektorraum.

Dann gibt es zu jedem Punkt    einen eindeutigen Punkt  ,  für den der Abstand von zu Punkten aus minimal wird.

Wir verschieben die Situation um und haben dann einen vollständigen (da die Verschiebung stetig ist) affinen Unterraum und betrachten den Abstand zum Nullpunkt. Der Untervektorraum ist konvex und dies überträgt sich auf den verschobenen Untervektorraum. Daher folgt die Aussage aus Lemma 21.6.



Es sei ein - Vektorraum mit Skalarprodukt und sei    ein vollständiger Untervektorraum.

Dann gibt es zu jedem    eine eindeutige Darstellung

mit    und  

Aus zwei solchen Darstellungen

mit den geforderten Eigenschaften folgt

wobei die beiden Summanden und orthogonal zueinander sind, woraus folgt, dass sie sind.

Zum Existenznachweis sei    der gemäß Korollar 21.7 eindeutig bestimmte Punkt, in dem der Abstand von zu minimal wird. Sei

Es ist

für jedes    zu zeigen. Wir können    annehmen. Nehmen wir an, dass es ein    mit

gibt, wobei wir , indem wir eventuell durch ersetzen, als negativ annehmen können. Es ist dann

was für positiv und hinreichend klein negativ ist. Dann ist aber

im Widerspruch dazu, dass der Abstand (und damit das Abstandsquadrat) von zu in minimal wird.



Es sei ein - Vektorraum mit Skalarprodukt und sei    ein vollständiger Untervektorraum. Die Abbildung , die jedem Element    das    aus der nach Korollar 21.8 eindeutigen Zerlegung    mit    und    zuordnet, heißt orthogonale Projektion auf .

Wir erwähnen die folgenden Spezialfälle für abgeschlossene Teilmengen in einem Hilbertraum.


Es sei ein - Hilbertraum und sei    eine nichtleere konvexe abgeschlossene Teilmenge.

Dann enthält einen eindeutigen Punkt  ,  in dem die Norm (unter allen Punkten aus ) das Minimum annimmt.

Dies ist ein Spezialfall von Lemma 21.6.



Es sei ein - Hilbertraum und sei    ein abgeschlossener Untervektorraum.

Dann gibt es zu jedem Punkt    einen eindeutigen Punkt  ,  für den der Abstand von zu Punkten aus minimal wird.

Dies ist ein Spezialfall von Korollar 21.7.



Es sei ein - Hilbertraum und sei    ein abgeschlossener Untervektorraum.

Dann gibt es zu jedem    eine eindeutige Darstellung

mit    und  

Dies ist ein Spezialfall von Korollar 21.8.


Insbesondere gibt es zu einem abgeschlossener Untervektorraum    in einem Hilbertraum die orthogonale Projektion .



Topologische Eigenschaften



Es sei ein - Hilbertraum und sei    ein abgeschlossener Untervektorraum mit dem orthogonalen Komplement . Dann gelten folgenden Aussagen.

  1. ist ebenfalls abgeschlossen.
  2. Es gilt
  3. ist linear und stetig.
  1. Siehe Aufgabe 21.10.
  2. Klar.
  3. Eine mehrfache Anwendung von (2) liefert
    Die Linearität folgt durch Vergleich der Summanden in und in . Wegen
    ist

    woraus die Stetigkeit mit Satz 15.12 folgt.


Die folgende Aussage besagt, dass eine stetige Linearform auf einem Hilbertraum einen Gradienten besitzt. Im endlichdimensionalen Fall, in dem die Stetigkeit automatische erfüllt ist, folgt dies auch aus Lemma 47.5 (Analysis (Osnabrück 2021-2023))  (3). Für eine andere Formulierung dieses Sachverhaltes, den man den Darstellungssatz von Riesz nennt, siehe Aufgabe 21.12.



Es sei ein - Hilbertraum und sei

eine stetige Linearform.

Dann gibt es einen eindeutig bestimmten Vektor    mit

für alle  

Bei der Nullabbildung ist    zu nehmen, sei also nicht die Nullabbildung. Es sei    mit    und sei  .  Durch Multiplikation mit einem Skalar können wir davon ausgehen, dass eine positive reelle Zahl ist. Wegen der Stetigkeit und der Linearität ist ein abgeschlossener Untervektorraum von . Das orthogonale Komplement ist eindimensional: Zu    gibt es    mit  ,  daher ist    und wegen der Orthogonalität ist  .  Wir schreiben

mit    und    im Sinne von Korollar 21.12. Es ist  .  Wir setzen

dies sichert

Für    mit der kanonischen Zerlegung

ist dann



Es sei ein - endlicher Maßraum und der zugehörige Lebesgueraum der quadratintegriebaren Funktionen. Es sei

eine stetige Linearform.

Dann gibt es eine quadratintegrierbare Funktion    mit

Dies folgt aus Lemma 21.3 und aus Lemma 21.14.



Es sei ein - Hilbertraum und    eine Teilmenge.

Dann erzeugt genau dann einen dichten Untervektorraum in , wenn die Eigenschaft

für alle    nur für    gilt.

Es erzeuge zuerst einen dichten Untervektorraum und sei    gegeben mit

für alle  .  Diese Eigenschaft überträgt sich auf alle  .  Wegen der Dichtheit von gibt es eine Folge  ,  die gegen konvergiert. Dann konvergiert wegen der Stetigkeit des Skalarproduktes die Folge    gegen  .  also ist  

Es erzeuge nun einen Untervektorraum , der nicht dicht sei, es sei

und sei  .  Es sei    die Zerlegung im Sinne von Korollar 21.12 mit    und  .  Dann ist

dieser Vektor steht aber senkrecht auf allen Vektoren aus .


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