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Kurs:Mathematik für Anwender (Osnabrück 2011-2012)/Teil I/Vorlesung 21

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Ableitung von Potenzreihen

Viele wichtige Funktionen wie die Exponentialfunktion oder die trigonometrischen Funktionen werden durch eine Potenzreihe dargestellt. Der folgende Satz zeigt, dass diese Funktionen differenzierbar sind und ihre Ableitung durch diejenige Potenzreihe dargestellt wird, die sich durch gliedweises Ableiten ergibt.


Es sei

g(x):=n=0anxn

eine Potenzreihe, die auf dem offenen Intervall ]r,r[ konvergiere und dort die Funktion f:]r,r[ darstellt.

Dann ist auch die formal abgeleitete Potenzreihe

g~(x):=n=1nanxn1

auf ]r,r[ konvergent. Die Funktion f ist in jedem Punkt dieses Intervalls differenzierbar mit

f(x)=g~(x).

Der Beweis erfordert ein genaues Studium von Potenzreihen.



Satz  

Die Exponentialfunktion

,xexpx,

ist differenzierbar mit

exp(x)=expx.

Beweis  

Aufgrund von Satz 21.1 ist

exp(x)=(n=0xnn!)=n=1(xnn!)=n=1nn!xn1=n=11(n1)!xn1=n=0xnn!=expx.



Die Ableitung des natürlichen Logarithmus

ln:+,xlnx,

ist

ln:+,x1x.

Beweis

Siehe Aufgabe 21.3.



Korollar  

Es sei  α

Dann ist die Funktion

f:++,xxα,

differenzierbar und ihre Ableitung ist

f(x)=αxα1.

Beweis  

Nach Definition 17.15 ist

xα=exp(αlnx).

Die Ableitung nach x ist aufgrund von Satz 21.2 und Korollar 21.3 unter Verwendung der Kettenregel gleich

(xα)=(exp(αlnx))=αxexp(αlnx)=αxxα=αxα1.



Die Sinusfunktion

,xsinx,

ist differenzierbar mit

sin(x)=cosx

und die

Kosinusfunktion
,xcosx,

ist differenzierbar mit

cos(x)=sinx.

Beweis

Siehe Aufgabe 21.4.




Die Zahl π

Die Zahl π ist der Flächeninhalt bzw. der halbe Kreisumfang eines Kreises mit Radius 1. Um darauf eine präzise Definition dieser Zahl aufzubauen, müsste man zuerst die Maßtheorie (bzw. die Länge von „krummen Kurven“) entwickeln. Auch die trigonometrischen Funktionen haben eine intuitive Interpretation am Einheitskreis, doch auch diese setzt das Konzept der Bogenlänge voraus. Ein alternativer Zugang ist es, die Zahl π über analytische Eigenschaften der durch ihre Potenzreihen definierten Funktionen Sinus und Kosinus zu definieren und dann erst nach und nach die Beziehung zum Kreis herzustellen (siehe Beispiel 25.10 und Beispiel 35.12).



Lemma  

Die Kosinusfunktion

besitzt im reellen Intervall [0,2] genau eine Nullstelle.

Beweis  

Wir betrachten die Kosinusreihe

cosx=n=0(1)nx2n(2n)!.

Für  x=0  ist  cos0=1.  Für  x=2  kann man geschickt klammern und erhält

cos2=1222!+244!266!+288!=1222!(1434)266!(1478)=12(2/3)1/3.

Nach dem Zwischenwertsatz gibt es also mindestens eine Nullstelle im angegebenen Intervall.
Zum Beweis der Eindeutigkeit betrachten wir die Ableitung des Kosinus, diese ist nach Satz 21.5

cosx=sinx.

Es genügt zu zeigen, dass der Sinus im Intervall ]0,2[ positiv ist, denn dann ist das Negative davon stets negativ und der Kosinus ist dann nach Satz 20.7 im angegebenen Intervall streng fallend, sodass es nur eine Nullstelle gibt. Für  x]0,2]  gilt

sinx=xx33!+x55!x77!+=x(1x23!)+x55!(1x267)+x(143!)+x55!(1467)+x/3>0.


Eine rationale Approximation der Zahl π auf einem π-Pie.



Es sei s die eindeutig bestimmte reelle Nullstelle der Kosinusfunktion aus dem Intervall [0,2]. Die Kreiszahl π ist durch

π:=2s

definiert.



Satz  

Die Sinusfunktion und die Kosinusfunktion erfüllen in folgende Periodizitätseigenschaften.

  1. Es ist  cos(x+2π)=cosx  und  sin(x+2π)=sinx  für alle  x
  2. Es ist  cos(x+π)=cosx  und  sin(x+π)=sinx  für alle  x
  3. Es ist  cos(x+π/2)=sinx  und  sin(x+π/2)=cosx  für alle  x
  4. Es ist  cos0=1,   cosπ/2=0,   cosπ=1,   cos3π/2=0  und  cos2π=1
  5. Es ist  sin0=0,   sinπ/2=1,   sinπ=0,   sin3π/2=1  und  sin2π=0

Beweis  

Aufgrund der Kreisgleichung

(cosx)2+(sinx)2=1

ist  (sinπ2)2=1,  also ist  sinπ2=1  wegen der Überlegung im Beweis zu Lemma 21.6. Daraus folgen mit den Additionstheoremen die in (3) angegebenen Beziehungen zwischen Sinus und Kosinus, beispielsweise ist

cos(z+π2)=cos(z)cos(π2)sin(z)sin(π2)=sin(z).

Es genügt daher, die Aussagen für den Kosinus zu beweisen. Alle Aussagen folgen dann aus der Definition von π und aus (3).




Die inversen trigonometrischen Funktionen



Die reelle Sinusfunktion

induziert eine bijektive, streng wachsende Funktion

[π/2,π/2][1,1],

und die reelle Kosinusfunktion induziert eine bijektive streng fallende Funktion

[0,π][1,1].

Beweis

Siehe Aufgabe 21.10.




Aufgrund der Bijektivität von Sinus und Kosinus auf geeigneten Intervallen gibt es die folgenden Umkehrfunktionen.


Die Umkehrfunktion der reellen Sinusfunktion ist

[1,1][π2,π2],xarcsinx,

und heißt Arkussinus.


Die Umkehrfunktion der reellen Kosinusfunktion ist

[1,1][0,π],xarccosx,

und heißt Arkuskosinus.



Die Taylor-Formel


Zu einer konvergenten Potenzreihe[1]

f(x):=k=0ck(xa)k

bilden die Teilpolynome k=0nck(xa)k polynomiale Approximationen für die Funktion f im Punkt a. Ferner ist f in a beliebig oft differenzierbar und die Ableitungen lassen sich aus der Potenzreihe ablesen. Wir fragen uns nun umgekehrt, inwiefern man aus den höheren Ableitungen einer hinreichend oft differenzierbaren Funktion approximierende Polynome (oder eine Potenzreihe) erhalten kann. Dies ist der Inhalt der Taylor-Entwicklung.


Es sei  I  ein Intervall,

f:I

eine n-mal differenzierbare Funktion und  aI.  Dann heißt

Ta,n(f)(x):=k=0nf(k)(a)k!(xa)k

das Taylor-Polynom vom Grad[2] n zu f im Entwicklungspunkt a.

Das Taylor-Polynom zum Grad n ist dasjenige (eindeutig bestimmte) Polynom vom Grad n, das mit f an der Stelle a bis zur n-ten Ableitung übereinstimmt.



Satz  

Es sei I ein reelles Intervall,

f:I

eine (n+1)-mal differenzierbare Funktion und  aI  ein innerer Punkt des Intervalls.

Dann gibt es zu jedem Punkt  xI  ein  cI  mit

f(x)=k=0nf(k)(a)k!(xa)k+f(n+1)(c)(n+1)!(xa)n+1.

Dabei kann c zwischen a und x gewählt werden.

Beweis  



Korollar  

Es sei I ein beschränktes abgeschlossenes Intervall,

f:I

eine (n+1)-mal stetig differenzierbare Funktion,  aI  ein innerer Punkt und  B:=max(|f(n+1)(c)|,cI)

Dann gilt zwischen f(x) und dem n-ten Taylor-Polynom die Fehlerabschätzung

|f(x)k=0nf(k)(a)k!(xa)k|B(n+1)!|xa|n+1.

Beweis  

Die Zahl B existiert aufgrund von Satz 16.10, da nach Voraussetzung die (n+1)-te Ableitung f(n+1) stetig auf dem kompakten Intervall I ist. Die Aussage folgt somit direkt aus Satz 21.13.




Fußnoten
  1. Bisher haben wir nur Potenzreihen der Form k=0ckxk betrachtet; die Variable x darf jetzt auch durch die „verschobene Variable“ xa ersetzt werden, um das lokale Verhalten im Entwicklungspunkt a beschreiben zu können.
  2. Oder genauer das Taylor-Polynom vom Grad n. Wenn die n-te Ableitung in a null ist, so besitzt das n-te Taylor-Polynom einen Grad kleiner als n.



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