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Kurs:Algebraische Kurven (Osnabrück 2012)/Vorlesung 11

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Hilbertscher Nullstellensatz - geometrische Version

Wir wollen nun die geometrische Version des Hilbertschen Nullstellensatzes beweisen, der für den Fall eines algebraisch abgeschlossenen Körpers eine eindeutige Beziehung zwischen den affin-algebraischen Mengen im affinen Raum 𝔸Kn und den Radikalidealen im Polynomring stiftet.



Satz  

Es sei K ein algebraisch abgeschlossener Körper und sei  V=V(𝔞)𝔸Kn  eine affin-algebraische Menge, die durch das Ideal 𝔞 beschrieben werde. Es sei  FK[X1,,Xn]  ein Polynom, das auf V verschwindet.

Dann gehört F zum Radikal von 𝔞, d.h. es gibt ein  r  mit  Fr𝔞

Beweis  

Angenommen, F gehöre nicht zum Radikal von 𝔞. Dann gibt es nach Satz 10.9 auch ein maximales Ideal  𝔪K[X1,,Xn]  mit  𝔞𝔪  und mit  F𝔪.  Nach Satz 10.10 ist  K[X1,,Xn]/𝔪=K  und somit

𝔪=(X1a1,,Xnan)

für gewisse  a1,,anK.  Die Eigenschaft  F𝔪  bedeutet, dass F im zugehörigen Restekörper nicht 0 ist, und das bedeutet  F(a1,,an)0.  Wegen  𝔞𝔪  ist aber (a1,,an) ein Punkt von V, sodass dort nach Voraussetzung F verschwindet. Das ist also ein Widerspruch.



Satz  

Es sei K ein algebraisch abgeschlossener Körper mit dem Polynomring K[X1,,Xn] und dem affinen Raum 𝔸Kn.

Dann gibt es eine natürliche Korrespondenz zwischen affin-algebraischen Mengen in 𝔸Kn und Radikalidealen in K[X1,,Xn].

Dabei gehen Radikale auf ihre Nullstellengebilde und affin-algebraische Mengen auf ihre Verschwindungsideale.

Beweis  

Es sei  V𝔸Kn  affin-algebraisch. Dann gilt  V=V(Id(V))  nach Lemma 3.8  (3). Für ein Radikal  IK[X1,,Xn]  gilt die Inklusion  IId(V(I))  ebenfalls nach Lemma 3.8  (2). Die umgekehrte Inklusion, also  Id(V(I))I,  ist der Inhalt des Hilbertschen Nullstellensatzes.



Korollar  

Es sei K ein algebraisch abgeschlossener Körper und seien FiK[X1,,Xn], iI, Polynome mit

𝔸Kn=iID(Fi).

Dann erzeugen die Fi das Einheitsideal in K[X1,,Xn].

Beweis  

Es sei 𝔟 das von den Fi erzeugte Ideal. Die Voraussetzung besagt, dass

iIV(Fi)=V(𝔟)

leer ist. Dann ist  V(𝔟)V(1).  Aus dem Hilbertschen Nullstellensatz folgt, dass eine Potenz von 1, also 1 selbst, zu 𝔟 in K[X1,,Xn] gehört. Das heißt, dass 𝔟 das Einheitsideal ist.


Der Hilbertsche Nullstellensatz, wie wir ihn für den affinen Raum und den Polynomring formuliert haben, gilt entsprechend für jedes V(𝔞) und den zugehörigen Restklassenring K[X1,,Xn]/𝔞.



Korollar  

Es sei K ein algebraisch abgeschlossener Körper und sei  R=K[X1,,Xn]/𝔞  eine endlich erzeugte K-Algebra mit Nullstellengebilde  V=V(𝔞)𝔸Kn.  Es sei 𝔟 ein Ideal in R und  FR  ein Element, das auf  V(𝔟)V  verschwindet.

Dann gibt es ein  r  mit  Fr𝔟  in R.

Beweis  

Die Verschwindungsbedingung  V(𝔟)V(F)  in  V=V(𝔞)  besagt zurückübersetzt in den affinen Raum, dass dort  V(𝔞+𝔟)=V(𝔞)V(𝔟)V(F)  gilt, wobei jetzt F ein repräsentierendes Polynom aus K[X1,,Xn] und 𝔟 das Urbildideal in K[X1,,Xn] sei. Nach dem Hilbertschen Nullstellensatz (für den affinen Raum) gibt es ein  r  mit  Fr𝔞+𝔟.  Dies bedeutet modulo 𝔞, dass in R die Beziehung  Fr𝔟  gilt.



Korollar  

Es sei K ein algebraisch abgeschlossener Körper und sei  V=V(𝔞)𝔸Kn  eine affin-algebraische Menge, die durch das Ideal 𝔞 beschrieben werde. Es seien FiK[X1,,Xn], iI, Polynome mit

V=iID(Fi).

Dann erzeugen die Fi das Einheitsideal in K[X1,,Xn]/𝔞.

Beweis  

Es sei 𝔟 das von allen Fi, iI, erzeugte Ideal in K[X1,,Xn]/𝔞. Die Voraussetzung besagt, dass

V(𝔟)=iIV(Fi)

(auf V) leer ist. Dann ist  V(1)V(𝔟),  da ja V(1) ebenfalls leer ist. Aus dem Hilbertschen Nullstellensatz folgt, dass eine Potenz von 1, also 1 selbst, zu 𝔟 in K[X1,,Xn]/𝔞 gehört.



Korollar  

Es sei K ein algebraisch abgeschlossener Körper und sei  V=V(𝔞)𝔸Kn  eine affin-algebraische Menge, die durch das Ideal 𝔞 beschrieben werde. Es sei  FK[X1,,Xn]  ein Polynom, das auf V keine Nullstelle besitzt.

Dann ist F im Restklassenring K[X1,,Xn]/𝔞 eine Einheit.

Beweis  

Dies ist ein Spezialfall von Korollar 11.5.



Korollar  

Es sei K ein algebraisch abgeschlossener Körper und seien V1 und V2 zwei affin-algebraische Mengen in 𝔸Kn.

Dann gilt

Id(V1V2)=rad(Id(V1)+Id(V2)).

Beweis  

Es sei  𝔞1=Id(V1)  und  𝔞2=Id(V2).  Die Aussage ergibt sich aus

rad(𝔞1+𝔞2)=Id(V(rad(𝔞1+𝔞2)))=Id(V(𝔞1+𝔞2))=Id(V(𝔞1)V(𝔞2)),

wobei die erste Gleichung auf Satz 11.1 beruht.


Auch diese Eigenschaften gelten nicht ohne die Voraussetzung algebraisch abgeschlossen, wie das folgende Beispiel zeigt.



Wir betrachten die beiden algebraischen Kurven

V1=V(X2+Y22) und V2=V(X2+2Y21)𝔸K2.

Bei  K=  sind das beides irreduzible Quadriken. Der Durchschnitt wird beschrieben durch das Ideal

(X2+Y22,X2+2Y21)=(Y2+1,X23).

Da das Polynom Y2+1 im Reellen keine Nullstelle hat, ist der Durchschnitt  V1V2=  leer. Das Verschwindungsideal des (leeren) Durchschnittes ist natürlich das Einheitsideal, die Summe der beiden Verschwindungsideale ist aber nicht das Einheitsideal.




Der Koordinatenring zu einer affin-algebraischen Menge

Es sei  V𝔸Kn  eine affin-algebraische Menge mit Verschwindungsideal Id(V). Ein Polynom  FK[X1,,Xn]  definiert eine Funktion auf dem affinen Raum und induziert damit eine Funktion auf der Teilmenge V.

𝔸KnFKV

Dabei induziert ein Element aus dem Verschwindungsideal (nach Definition 3.4) die Nullfunktion auf V, und zwei Polynome  G,HK[X1,,Xn],  deren Differenz zum Verschwindungsideal gehören, induzieren auf V die gleiche Funktion. Es ist daher naheliegend, den Restklassenring K[X1,,Xn]/Id(V) als Ring der polynomialen (oder algebraischen) Funktionen auf V zu betrachten.


Zu einer affin-algebraischen Menge  V𝔸Kn  mit Verschwindungsideal Id(V) nennt man  R(V)=K[X1,,Xn]/Id(V)  den Koordinatenring von V.

Dieser Begriff ist nicht völlig unproblematisch, insbesondere, wenn K nicht algebraisch abgeschlossen ist, siehe die Beispiele weiter unten. Wir erwähnen zunächst einige elementare Eigenschaften.



Proposition  

Es sei  V𝔸Kn  eine affin-algebraische Menge und sei  R=K[X1,,Xn]/Id(V)  der zugehörige Koordinatenring. Dann gelten folgende Aussagen.

  1. R ist reduziert.
  2.  V=  genau dann, wenn R der Nullring ist.
  3. V ist genau dann irreduzibel, wenn R ein Integritätsbereich ist.
  4. V besteht genau dann aus einem einzigen Punkt, wenn  R=K  ist.
  5. Ist K algebraisch abgeschlossen, und  V=V(𝔞),  so ist  R=K[X1,,Xn]/rad(𝔞)

Beweis  

Es sei  I=Id(V)  das Verschwindungsideal zu V.

(1). Dies folgt aus Lemma 3.14 und Aufgabe 3.5.

(2).  V=  ist äquivalent zu  1I,  und das ist äquivalent zu  R=0

(3). Dies folgt aus Lemma 4.3 und Aufgabe *****.

(4). Es sei  V={P},   P=(a1,,an).  Dann ist  I=(X1a1,,Xnan)  und der Koordinatenring ist

K[X1,,Xn]/(X1a1,,Xnan)K.

Umgekehrt, wenn der Koordinatenring K ist, so muss der zugehörige Restklassenhomomorphismus ein Einsetzungshomomorphismus Xiai sein, und das Verschwindungsideal zu V muss ein Punktideal sein, und es ist  P=(a1,,an)V.  Wenn es noch einen weiteren Punkt QV, QP, gibt, so hat man einen Widerspruch, da nicht alle Xiai in Q verschwinden.

(5). Bei K algebraisch abgeschlossen ist  Id(V)=rad(𝔞)  nach dem Hilbertschen Nullstellensatz.



Satz  

Es sei K ein unendlicher Körper.

Dann ist das Verschwindungsideal des affinen Raumes 𝔸Kn das Nullideal und der zugehörige Koordinatenring ist der Polynomring K[X1,,Xn].

Beweis  

Wir beweisen die Aussage durch Induktion über die Anzahl der Variablen. Bei  n=1  folgt die Aussage daraus, dass ein Polynom vom Grad d maximal d Nullstellen besitzt. Zum Induktionsschritt sei  FK[X1,,Xn]  ein Polynom, das an allen Punkten von  𝔸Kn=Kn  verschwindet. Wir schreiben F als

F=PdXnd+Pd1Xnd1++P1X0+P0

mit Polynomen  Pd,,P0K[X1,,Xn1].  Wir müssen zeigen, dass  F=0  ist, was zu  Pi=0  für alle  i=0,,d  äquivalent ist. Es sei also (ohne Einschränkung) angenommen, dass Pd nicht das Nullpolynom ist. Nach Induktionsvoraussetzung ist es dann auch nicht die Nullfunktion, d.h. es gibt einen Punkt (a1,,an1) mit  Pd(a1,,an1)0.  Damit ist F(a1,,an1) ein Polynom in der einen Variablen Xn vom Grad d und ist nach dem Fall einer Variablen nicht die Nullfunktion.



Satz 11.11 ist nicht richtig für endliche Körper. Für einen endlichen Körper besteht ein affiner Raum nur aus endlich vielen Punkten und es gibt viele Polynome, die auf all diesen Punkten verschwinden. Typische Beispiele werden durch die Polynome XiqXi gegeben, wobei q die Anzahl der Körperelemente bezeichnet.



Es sei  R=[X,Y]/(X2+Y2).  Da Quadrate im Reellen nie negativ sind, besteht die Nullstellenmenge des Polynoms X2+Y2 allein aus dem Nullpunkt,  V(X2+Y2)={(0,0)}.  Das zugehörige Verschwindungsideal ist das maximale Ideal (X,Y), und der zugehörige Restklassenring (der Koordinatenring) ist dann  [X,Y]/(X,Y).  Der Koordinatenring kann also vom Restklassenring, mit dem man startet und dessen Ideal das Nullstellengebilde definiert, sehr verschieden sein.



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