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Kurs:Analysis (Osnabrück 2014-2016)/Teil III/Vorlesung 72

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Korollar  

Es sei (M,𝒜,μ) ein σ-endlicher Maßraum und

v:Mn

eine messbare Abbildung.

Dann ist die Abbildung

φv:M×nM×n,(x,y)(x,y+v(x)),

bijektiv und maßtreu.

Beweis  

Die Abbildung φv ist messbar nach Lemma 64.11 und nach Lemma 68.3. Sie ist ferner bijektiv, die Umkehrabbildung ist φv. Es sei  TM×n  messbar. Wir müssen

(μλn)(T)=(μλn)(φv1(T))

zeigen. Für  xM  ist

(φv1(T))(x)={yn(x,y)φv1(T)}={yn(x,y+v(x))T}.

Aufgrund der Translationsinvarianz des Borel-Lebesgue-Maßes besitzt diese Menge das gleiche Maß wie

{y+v(x)n(x,y+v(x))T}={zn(x,z)T}=T(x).

Aufgrund der Integrationsversion des Cavalieri-Prinzips gilt also

(μλn)(T)=Mλn(T(x))dμ(x)=Mλn((φv1(T))(x))dμ(x)=(μλn)(φv1(T)).




Einige Volumina

Zu einer Teilmenge  T×0  nennt man

{(x,ycosα,ysinα)3(x,y)T,α[0,2π]}

die zugehörige Rotationsmenge (um die x-Achse).



Satz  

Es sei

f:[a,b]0,tf(t),

eine nichtnegative messbare Funktion und sei  K3  der Rotationskörper zum Subgraphen von f um die x-Achse.

Dann besitzt K das Volumen

λ3(K)=π[a,b](f(t))2dλ(t)=πab(f(t))2dt,

wobei für die zweite Formel f als stetig vorausgesetzt sei.

Beweis  

Nach dem Cavalieri-Prinzip und nach der Formel für den Flächeninhalt des Kreises ist

(λλ2)(K)=[a,b]λ2(K(t))dλ(t)=π[a,b](f(t))2dλ(t).

Für stetiges f ist dies nach Satz 70.5 gleich

πab(f(t))2dt.


Den Oberflächeninhalt eines Rotationskörpers zu einer (differenzierbaren) Funktion werden wir in Satz 85.5 berechnen.


Wir wollen das Volumen einer n-dimensionalen abgeschlossenen Kugel vom Radius r berechnen, also von

Bn(r)={xnxr}.

Wegen Satz 67.2 gilt dabei  λn(Bn(r))=rnλn(Bn(1)),  d.h. es geht im Wesentlichen darum, das Volumen der Einheitskugel auszurechnen.

Ihr Volumen bezeichnen wir mit  βn=λn(Bn(1)).  Zur Berechnung gehen wir induktiv vor (es ist β1=2). Wir betrachten

Bnn1×.

Für jedes fixierte h, 1h1, kann man den Querschnitt als

Bn(h)={(x1,,xn1)n1(x1,,xn1,h)Bn}={(x1,,xn1)n1x12++xn12+h21}={(x1,,xn1)n1x12++xn121h2}=Bn1(0,1h2)

schreiben, d.h. als eine (n1)-dimensionale Kugel vom Radius 1h2. Aufgrund des Cavalieri-Prinzips ist daher

βn=λn(Bn(1))=(λn1λ1)(Bn(1))=[1,1]λn1(Bn1(1h2))dλ1=[1,1](1h2)n1λn1(Bn1(1))dλ1=λn1(Bn1(1))[1,1](1h2)n1dλ1=βn1[1,1](1h2)n1dλ1.

Dabei können wir das Integral rechts wegen Satz 70.5 und Korollar 24.7 über Stammfunktionen ausrechnen. Die Substitution

h=sint

liefert

11(1h2)n1dh=π2π2cosntdt=20π2sinntdt.

Im Beweis zu Korollar 25.4 wurden diese Integrale berechnet; mit  an=0π2sinntdt  gilt

an={(n1)(n3)31n(n2)42π2 bei n gerade 2,(n1)(n3)42n(n2)53 bei n ungerade.

Mit diesen Formeln und der Rekursionsvorschrift  βn=2βn1an  kann man schließlich mit Hilfe der Fakultätsfunktion das Kugelvolumen als

βn=πn/2Fak(n/2)

schreiben. Diese Formel ergibt sich durch Induktion aus Satz 32.3, siehe Aufgabe 12.20 (Maß- und Integrationstheorie (Osnabrück 2022-2023)).


Speziell ergibt sich für die Fläche des Einheitskreises der Wert π, für das Volumen der Einheitskugel der Wert 43π und für das vierdimensionale Volumen der vierdimensionalen Standardkugel der Wert π22.


Es sei  Bn=n×0  und  Pn+1  ein Punkt. Dann nennt man die Menge

KB={P+t(QP)QB,t[0,1]}

den Kegel zur Basis B mit der Spitze P.



Satz  

Es sei  Bn  messbar,  Pn+1  ein Punkt und KB der zugehörige Kegel. Es sei  h=Pn+1  die letzte Koordinate von P.

Dann ist KB ebenfalls messbar, und es gilt

λn+1(KB)=1n+1λn(B)|h|.

Beweis  

Bei  h=0  liegt der gesamte Kegel in n und sein λn+1-Maß ist 0 nach Lemma 66.11, sei also  h0.  Der Durchschnitt von  K=KB  mit der durch  xn+1=tt zwischen 0 und h, gegebenen Hyperebene ist

K(t)={(x1,,xn)(x1,,xn,t)KB}={(x1,,xn)(x1,,xn,t)=P+(ht)h(QP),QB}.

Wegen der Translationsinvarianz und Korollar 67.3 ist dessen Volumen gleich |hth|nλn(B). Nach dem Cavalieri-Prinzip ist also (mit s=ht)

λn+1(KB)=0|h|λn(K(s))ds=0|h|λn(B)(s|h|)nds=λn(B)1|h|n0|h|snds=λn(B)1|h|n1n+1|h|n+1=λn(B)1n+1|h|.



Wir stellen eine falsche Berechnung der Kugeloberfläche an, die auf einem falsch interpretierten Cavalieri-Prinzip beruht. Wir betrachten die obere Einheitshalbkugel. Zu jeder Höhe  h[0,1]  ist der Querschnitt der Kugeloberfläche mit der durch  z=h  definierten Ebene eine Kreislinie mit dem Radius 1h2. Der Kreisumfang eines solchen Kreises ist 2π1h2. Wir wollen die Oberfläche der oberen Halbkugel berechnen, indem wir diese Umfänge über die Höhe aufintegrieren. Für die Kugeloberfläche würde sich dann (mit der Substitution h=sins)

A=2012π1h2dh=4π011h2dh=4π0π2cos2sds=4π12(s+sinscoss)|0π2=2ππ2=π2.

Der wahre Wert ist aber mit 4π deutlich größer.




Der Satz von Fubini

Es seien (M,𝒜,μ) und (N,,ν) σ-endliche Maßräume und sei

f:M×N

eine messbare Funktion. Der Satz von Fubini bringt das Integral M×Nfd(μν) mit dem Integral über M der Funktion

M,xNf(x,y)dν(y),

in Verbindung. Er erlaubt es, Integrale über einem höherdimensionalen Bereich auf eindimensionale Integrale zurückzuführen. Sein Beweis beruht auf dem Cavalieri-Prinzip, angewendet auf den Produktraum M×N×, und ist prinzipiell nicht schwierig. Allerdings muss man bei einigen Details (Nichtnegativität, Undefiniertheitsstellen, Nullmengen) doch präzise sein, so dass wir einige vorbereitende Lemmata anführen.

Eine Teilmenge  ZM  eines Maßraumes M heißt Nullmenge, wenn  μ(Z)=0  ist. Beispielsweise ist jede abzählbare Menge in n eine Nullmenge. Manchmal verwendet man diesen Begriff auch für nicht notwendigerweise messbare Teilmengen Z, für die es eine messbare Menge  ZZ  gibt mit  μ(Z)=0.  Für eine Eigenschaft E, die für die Punkte eines Maßraumes erklärt ist, sagt man, dass die Eigenschaft fast überall gilt, wenn die Ausnahmemenge

{xME(x) gilt nicht}

eine Nullmenge ist. Insbesondere spricht man von fast überall definierten Funktionen. Da es bei Integralen nicht auf Nullmengen des Definitionsbereiches ankommt, kann man häufig solche „kleinen“ Undefiniertheitsstellen ignorieren.



Lemma  

Es seien (M,𝒜,μ) und (N,,ν) σ-endliche Maßräume und sei

f:M×N0

eine nichtnegative messbare Funktion. Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Für jedes  xM  ist die Funktion
    N0,yf(x,y),

    und für jedes  yN  ist die Funktion

    M0,xf(x,y),

    messbar.

  2. Die Funktion
    N0,yMf(x,y)dμ(x),
    und die Funktion
    M0,xNf(x,y)dν(y),

    sind messbar.

  3. Es gilt
    M×Nfd(μν)=M(Nf(x,y)dν(y))dμ(x)=N(Mf(x,y)dμ(x))dν(y).

Beweis  

(1) folgt direkt aus der Messbarkeit der Inklusionen

MM×N,x(x,y),

für jedes  yN
(2) folgt aus Lemma 71.4 angewendet auf

S(f)M×(N×),

da (S(f))(x) der Subgraph von f(x,) und  Nf(x,)dν=νλ1(S(f)(x))  ist.
(3). Nach Satz 71.5, angewendet auf das Produkt M×(N×), ist

M×Nfd(μν)=(μνλ1)(S(f))=M(νλ1)((S(f))(x))dμ=M(Nf(x,y)dν)dμ.

Da man die Rollen von M und N vertauschen kann, ergibt sich auch die andere Darstellung.



Lemma  

Es seien (M,𝒜,μ) und (N,,ν) σ-endliche Maßräume und sei

f:M×N

eine messbare Funktion.

Dann ist f genau dann integrierbar, wenn

M(N|f(x,y)|dν(y))dμ(x) oder N(M|f(x,y)|dμ(x))dν(y)

endlich ist.

Beweis  

Die Integrierbarkeit von f ist nach Lemma 69.5 äquivalent zur Integrierbarkeit der Betragsfunktion, was die Endlichkeit von M×N|f|d(μν) bedeutet. Die Aussage folgt daher aus Lemma 72.8.


Wir kommen nun zum Satz von Fubini.


Satz  

Es seien (M,𝒜,μ) und (N,,ν) σ-endliche Maßräume und sei

f:M×N

eine integrierbare Funktion.

Dann sind die beiden Funktionen

M,xNf(x,y)dν(y),

und

N,yMf(x,y)dμ(x),

fast überall reellwertig und fast überall integrierbar, und es gilt

M×Nfd(μν)=M(Nf(x,y)dν(y))dμ(x)=N(Mf(x,y)dμ(x))dν(y)

Beweis  

Nach Voraussetzung und nach Lemma 72.9 ist die Funktion xN|f(x,y)|dν(y) integrierbar. Dies bedeutet insbesondere, dass das Integral N|f(x,y)|dν(y) fast überall einen endlichen Wert hat, dass es also eine Nullmenge  ZM  gibt mit  N|f(x,y)|dν(y)<  für  xZ.  Daher sind nach Lemma 69.5 für  xZ  die Integrale Nf(x,y)dν(y) definiert und endlich, und dies gilt ebenso für die positiven und negativen Teile f+(x,y) und f(x,y).

Da sich Integrale nicht ändern, wenn man im Integrationsgebiet eine Nullmenge weglässt, und da Z×N eine Nullmenge in der Produktmenge ist, kann man M durch MZ ersetzen. Wir schreiben

M×Nfd(μν)=M×N(f+f)d(μν)=M×Nf+d(μν)M×Nfd(μν)

und wenden auf die beiden Summanden Lemma 72.8 an, sodass dies gleich

=M(Nf+(x,y)dν(y))dμ(x)M(Nf(x,y)dν(y))dμ(x)=M(N(f+(x,y)f(x,y))dν(y))dμ(x)=M(Nf(x,y)dν(y))dμ(x)

ist.


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