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Kurs:Körper- und Galoistheorie (Osnabrück 2011)/Vorlesung 17/kontrolle

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Kummererweiterungen

Wir haben in der letzten Vorlesung gesehen, dass sich einige Eigenschaften einer Galoiserweiterung vereinfachen, wenn die Galoisgruppe abelsch ist. Beispielsweise ist dann jeder Zwischenkörper selbst galoissch über dem Grundkörper. Man spricht von abelschen Galoiserweiterungen.[1] Wichtige Beispiele solcher abelschen Körpererweiterungen sind Erweiterungen von endlichen Körpern und graduierte Körpererweiterungen, wenn hinreichend viele Einheitswurzeln im Grundkörper vorhanden sind.[2] Unter dieser Bedingung folgt umgekehrt, dass sich eine abelsche Erweiterung graduieren lässt. Dies ist der Inhalt der Kummertheorie.


Es sei    und sei ein Körper, der eine -te primitive Einheitswurzel enthält. Eine Galoiserweiterung    heißt eine Kummererweiterung zum Exponenten , wenn ihre Galoisgruppe abelsch und ihr Exponent ein Teiler von ist.



Satz  Satz 17.2 ändern

Es sei    und sei ein Körper, der eine -te primitive Einheitswurzel enthält. Es sei    eine endliche Körpererweiterung. Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Wenn    eine - graduierte Körpererweiterung ist, so ist    eine Kummererweiterung zum Exponenten .
  2. Es sei    eine Kummererweiterung zum Exponenten mit Galoisgruppe . Es sei    die Charaktergruppe von . Zu    sei[3]

    Dann ist    eine - graduierte Körpererweiterung.

(1). Dies ist eine Neuformulierung von Satz 13.9.
(2). Nach Korollar Anhang 7.3 sind sämtliche Automorphismen    diagonalisierbar. Da die Galoisgruppe abelsch ist, folgt aus Satz Anhang 7.4 die simultane Diagonalisierbarkeit aller Automorphismen (). Das heißt, dass man    mit eindimensionalen - Untervektorräumen schreiben kann, die unter jedem    auf sich abgebildet werden. Zu jedem und jedem ist dabei    für jedes  ,  das Element beschreibt also den Eigenwert von auf . Die Zuordnung

ist dabei ein Charakter. Es ist  ,  da ja die zu gehörende Eigenraumbedingung erfüllt. Wegen

ist    und jeder Charakter tritt als ein auf. Also ist  .  Die Stufe zum konstanten Charakter ist . Für und und    ist

also  ,  sodass in der Tat eine graduierte Körpererweiterung vorliegt.


Ein Beispiel wie    zeigt, dass eine graduierte Körpererweiterung galoissch sein kann mit einer nichtkommutativen Galoisgruppe.



Korollar  Korollar 17.3 ändern

Es sei und sei ein Körper, der eine -te primitive Einheitswurzel enthält. Es sei    eine Kummererweiterung zum Exponenten mit Galoisgruppe , zugehöriger Charaktergruppe    und zugehöriger Graduierung

Es seien die homogenen Elemente von .

Dann ist die natürliche Inklusion

ein Gruppenisomorphismus.

Die Charaktergruppe    besitzt wegen der Voraussetzung über die Einheitswurzeln nach Lemma 13.8 den gleichen Exponenten wie . Für ein homogenes Element    gilt also insbesondere  ,[4]  sodass die linke Menge eine Teilmenge der rechten ist. Die Multiplikation ist links und rechts gleich, sodass eine Untergruppe vorliegt. Zum Nachweis der Surjektivität sei  mit vorgegeben. Wir zeigen, dass ein solches Element einen Charakter der Galoisgruppe definiert. Zu    ist

Der Bruch    ist also eine -te Einheitswurzel und gehört somit zu . Für zwei Automorphismen    ist dabei

sodass

ein Charakter ist. Wegen    ist  ,  also homogen.



Korollar  Korollar 17.4 ändern

Es sei    und sei ein Körper, der eine -te primitive Einheitswurzel enthält. Es sei    eine Kummererweiterung zum Exponenten .

Dann ist    eine Radikalerweiterung.

Dies folgt direkt aus Satz 17.2 und aus Lemma 9.7  (5).


Innerhalb der Radikalerweiterungen sind die Kummererweiterungen speziell, nämlich von der folgenden Gestalt.


Satz  Satz 17.5 ändern

Es sei    und sei ein Körper, der eine -te primitive Einheitswurzel enthält. Es sei    eine Körpererweiterung.

Dann ist    genau dann eine Kummererweiterung zum Exponenten , wenn es eine Beschreibung

mit    gibt.

Aus Satz 17.2 und Lemma 9.7  (3) folgt, dass eine Kummererweiterung die angegebene Radikaldarstellung besitzt.
Zum Beweis der Umkehrung sei    mit  .  Wir müssen zeigen, dass diese Erweiterung galoissch mit abelscher Galoisgruppe ist. Es sei    eine primitive -te Einheitswurzel. Die Produkte erfüllen ebenfalls  .  Da man die als von verschieden annehmen kann, und primitiv ist, sind diese Produkte für jedes untereinander verschieden. Dies bedeutet, dass die Polynome über in verschiedene Linearfaktoren zerfallen. Damit ist der Zerfällungskörper dieser separablen Polynome, sodass nach Satz 15.6 eine Galoiserweiterung vorliegt. Sei    die Galoisgruppe dieser Erweiterung. Für jedes    und jedes ist ebenfalls eine Lösung der Gleichung    und daher ist    mit einem gewissen (von und abhängigen) . Für zwei Automorphismen    ist daher

Somit wirken die Automorphismen auf dem Erzeugendensystem kommutativ und daher ist  .  Damit ist die Galoisgruppe abelsch.
Für jedes ist ferner

mit einem gewissen . Also ist  ,  sodass ein Vielfaches des Exponenten ist.



Der achte Kreisteilungskörper über , also die (siehe Beispiel 9.15) (mehrfach) graduierte Körpererweiterung

ist eine Kummererweiterung zum Exponenten mit Galoisgruppe . Die gemäß Satz 17.2 zugehörige -Graduierung ist

Nach Korollar 17.3 gilt  ,  d.h. die Menge der rationalen Quadratwurzeln von sind einfach beschreibbar. Es gibt aber auch noch weitere Wurzeln aus rationalen Zahlen in , beispielsweise die achte Einheitswurzel , die eine vierte Wurzel von ist.




Das Lemma von Gauss und das Eisensteinkriterium

In der nächsten Vorlesung werden wir uns mit Kreisteilungskörpern beschäftigen. Dazu brauchen wir einige wichtige Irreduzibilitätskriterien für Polynome aus .

Die folgende Aussage heißt Lemma von Gauß.


Lemma  Lemma 17.7 ändern

Es sei    ein nichtkonstantes Polynom derart, dass in nur Faktorzerlegungen  mit möglich sind.

Dann ist irreduzibel in .

 Nehmen wir an, es gebe eine nicht-triviale Faktorzerlegung  mit nicht-konstanten Polynomen . Sowohl in als auch in kommen nur endlich viele Nenner aus vor, sodass man mit einem gemeinsamen Hauptnenner    multiplizieren kann und somit eine Darstellung  mit erhält. Dabei haben sich die Grade der beteiligten Polynome nicht geändert. Es sei    die Primfaktorzerlegung von . Nach Lemma 20.12 (Einführung in die Algebra (Osnabrück 2009))[5] ist auch im Polynomring prim. Da es das Produkt teilt, muss es einen der Faktoren teilen, sagen wir . Dann kann man mit kürzen und erhält eine Gleichung der Form

Dabei ändern sich wieder die Grade nicht. So kann man sukzessive alle Primfaktoren wegkürzen und erhält schließlich eine Zerlegung

mit nicht konstanten Polynomen    im Widerspruch zur Voraussetzung.



Lemma  Lemma 17.8 ändern

Es sei ein Integritätsbereich und sei    ein Polynom. Es sei    ein Primelement mit der Eigenschaft, dass den Leitkoeffizienten nicht teilt, alle anderen Koeffizienten teilt, aber dass nicht den konstanten Koeffizienten teilt.

Dann besitzt keine Zerlegung    mit nicht-konstanten Polynomen  

 Es sei angenommen, dass es eine Zerlegung    mit nicht-konstanten Polynomen    gebe, und sei und . Dann ist    und dies ist ein Vielfaches von , aber nicht von . Da prim ist, teilt es einen der Faktoren, sagen wir , aber nicht den anderen. Es ist nicht jeder Koeffizient von ein Vielfaches von , da sonst und damit auch ein Vielfaches von wäre, was aber aufgrund der Bedingung an den Leitkoeffizienten ausgeschlossen ist. Es sei der kleinste Index derart, dass kein Vielfaches von ist. Es ist  ,  da nicht konstant ist. Wir betrachten den Koeffizienten , für den

gilt. Hierbei sind und alle Summanden , , Vielfache von . Daher muss auch der letzte Summand ein Vielfaches von sein. Dies ist aber ein Widerspruch, da und .


Das folgende Kriterium für die Irreduzibilität von Polynomen heißt Eisenstein-Kriterium.


Es sei    ein Polynom. Es sei    eine Primzahl mit der Eigenschaft, dass den Leitkoeffizienten nicht teilt, aber alle anderen Koeffizienten teilt, aber dass nicht den konstanten Koeffizienten teilt.

Dann ist irreduzibel in .

Dies folgt aus Lemma 17.8 und Lemma 17.7.




Fußnoten
  1. Es ist eine generelle Bezeichnungsphilosophie, dass ein Eigenschaftswort zu einer Galoiserweiterung sich auf die Galoisgruppe bezieht.
  2. Eine weitere wichtige Beispielsklasse sind die Kreisteilungskörper, siehe die beiden nächsten Vorlesungen.
  3. Hier orientiert sich die Indizierung - entgegen der sonst üblichen additiven Schreibweise für eine graduierende Gruppe - an der multiplikativen Struktur von . Insbesondere ist die Stufe zum neutralen Element.
  4. Hier verwenden wir wieder additive Schreibweise.
  5. Siehe Aufgabe 18.1.


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Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)