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Kurs:Mathematik (Osnabrück 2009-2011)/Teil I/Vorlesung 18

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Vielfachheiten und diagonalisierbare Abbildungen



Satz  

Es sei K ein Körper und es sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum. Es sei

φ:VV

eine lineare Abbildung.

Dann ist φ genau dann diagonalisierbar, wenn das charakteristische Polynom χφ in Linearfaktoren zerfällt und wenn für jede Nullstelle λ mit der algebraischen Vielfachheit μλ die Gleichheit

μλ=dimK(Eigλ(φ))

gilt.

Beweis  

Wenn φ diagonalisierbar ist, so kann man sofort annehmen, dass φ bezüglich einer Basis aus Eigenvektoren durch eine Diagonalmatrix beschrieben wird. Die Diagonaleinträge dieser Matrix sind nach Beispiel 16.5 die Eigenwerte, und diese wiederholen sich gemäß ihrer geometrischen Vielfachheit. Das charakteristische Polynom lässt sich nach Beispiel ***** auch direkt aus dieser Diagonalmatrix ablesen, jeder Diagonaleintrag λ trägt als Linearfaktor Xλ bei.

Für die Umkehrung seien λ1,,λk die verschiedenen Eigenwerte und

μi:=μλi(φ)=dimK(Eigλi(φ))

seien die (geometrischen und algebraischen) Vielfachheiten. Da nach Voraussetzung das charakteristische Polynom in Linearfaktoren zerfällt, muss die Summe dieser Zahlen gleich  n=dimK(V)  sein. Nach Fakt ***** ist die Summe der Eigenräume

Eigλ1(φ)Eigλk(φ)V

direkt. Nach Voraussetzung ist die Dimension links ebenfalls gleich n, sodass Gleichheit vorliegt. Nach Fakt ***** ist φ diagonalisierbar.




Der Satz von Cayley-Hamilton


Einer der Höhepunkte dieses Kurses ist der Satz von Cayley-Hamilton. Um ihn formulieren zu können müssen wir uns zunächst klar machen, dass man in Polynome auch quadratische Matrizen einsetzen kann. Dabei ersetzt man an jeder Stelle die Variable X durch die Matrix M und muss die Potenzen Mi als das i-te Matrixprodukt von M mit sich selbst verstehen und die Addition als die (komponentenweise) Addition von Matrizen interpretieren. Ein Skalar a wird dabei als das a-fache der Einheitsmatrix interpretiert. Für das Polynom  P=3X25X+2  und die Matrix

M=(2431)

ist also

P(M)=3(2431)25(2431)+2=(3003)(1612913)+(5005)(2431)+(2002)=(40161236).

Zu einer fixierten Matrix MMatn(K) gibt es also eine Einsetzungsabbildung

K[X]Matn(K),PP(M).

Dies ist - ebenso wie die Einsetzungsabbildung zu aK - ein Ringhomomorphismus, d.h. es gelten die Beziehungen

(P+Q)(M)=P(M)+Q(M),(PQ)(M)=P(M)Q(M) und 1(M)=En.

Der Satz von Cayley-Hamilton beantwortet nun die Frage, was passiert, wenn man eine Matrix in ihr charakteristisches Polynom einsetzt.



Satz  

Es sei K ein Körper und sei M eine n×n-Matrix über K. Es sei

χM=Xn+cn1Xn1++c1X+c0

das charakteristische Polynom zu M.

Dann gilt

χM(M)=Mn+cn1Mn1++c1M+c0=0.

Das heißt, dass die Matrix das charakteristische Polynom annulliert.

Beweis  

Wir fassen die Matrix XEnM als eine Matrix auf, deren Einträge im Körper K(X) liegen. Die adjungierte Matrix

(XEnM)adj

liegt ebenfalls in Matn(K(X)). Die einzelnen Einträge der adjungierten Matrix sind nach Definition Determinanten von (n1)×(n1)-Untermatrizen von XEnM. In den Einträgen dieser Matrix kommt die Variable X maximal in der ersten Potenz vor, sodass in den Einträgen der adjungierten Matrix die Variable maximal in der (n1)-ten Potenz vorkommt. Wir schreiben

(XEnM)adj=Xn1An1+Xn2An2++XA1+A0

mit Matrizen

AiMatn(K),

d.h. man schreibt die einzelnen Einträge als Polynome in X und fasst dann die Koeffizienten zu Xi zu einer Matrix zusammen. Aufgrund von Satz 15.10 gilt

χMEn=(XEnM)(XEnM)adj=(XEnM)(Xn1An1+Xn2An2++XA1+A0)=XnAn1+Xn1(An2MAn1)+Xn2(An3MAn2)++X1(A0MA1)MA0.

Wir können auch die Matrix links nach den Potenzen von X aufteilen, dann ist

χMEn=XnEn+Xn1cn1En+Xn2cn2En++X1c1En+c0En.

Da diese zwei Polynome übereinstimmen, müssen jeweils ihre Koeffizienten übereinstimmen. D.h. wir haben ein System von Gleichungen

En=An1cn1En=An2MAn1cn2En=An3MAn2c1En=A0MA1c0En=MA0.

Wir multiplizieren diese Gleichungen von links von oben nach unten mit Mn,Mn1,Mn2,,M1,En und erhalten das Gleichungssystem

Mn=MnAn1cn1Mn1=Mn1An2MnAn1cn2Mn2=Mn2An3Mn1An2c1M1=MA0M2A1c0En=MA0.

Wenn wir die linke Spalte dieses Gleichungssystem aufsummieren, so erhalten wir gerade χM(M). Wenn wir die rechte Seite aufsummieren, so erhalten wir 0, da jeder Teilsummand Mi+1Ai einmal positiv und einmal negativ vorkommt. Also ist  χM(M)=0




Euklidische Vektorräume

Im Anschauungsraum kann man nicht nur Vektoren addieren und skalieren, sondern ein Vektor hat auch eine Länge, und das Verhältnis von zwei Vektoren zueinander wird durch den Winkel zwischen ihnen ausgedrückt. Länge und Winkel werden beide durch den Begriff des Skalarprodukts präzisiert. Dafür muss ein reeller Vektorraum[1] vorliegen.


Es sei V ein reeller Vektorraum. Ein Skalarprodukt auf V ist eine Abbildung

V×V,(v,w)v,w,

mit folgenden Eigenschaften:

  1. Es ist
    λ1x1+λ2x2,y=λ1x1,y+λ2x2,y

    für alle  λ1,λ2,   x1,x2V  und ebenso in der zweiten Komponente.

  2. Es ist
    v,w=w,v

    für alle  v,wV

  3. Es ist  v,v0  für alle  vV  und  v,v=0  genau dann, wenn  v=0  ist.

Die dabei auftretenden Eigenschaften heißen Bilinearität (das ist nur eine andere Bezeichnung für multilinear, wenn vorne zwei Vektorräume stehen), Symmetrie und positive Definitheit.


Auf dem n ist die Abbildung

n×n,(v,w)=((v1,,vn),(w1,,wn))i=1nviwi,

ein Skalarprodukt, das man das Standardskalarprodukt nennt. Einfache Rechnungen zeigen, dass dies in der Tat ein Skalarprodukt ist.



Ein reeller, endlichdimensionaler Vektorraum, der mit einem Skalarprodukt versehen ist, heißt euklidischer Vektorraum.

Zu einem euklidischen Vektorraum V ist jeder Untervektorraum UV selbst wieder ein euklidischer Vektorraum, da man das Skalarprodukt auf U einschränken kann und dabei die definierenden Eigenschaften erhalten bleiben.


Es sei V ein Vektorraum über mit einem Skalarprodukt ,. Man nennt zwei Vektoren  v,wV  orthogonal zueinander (oder senkrecht), wenn

v,w=0

ist.


Es sei V ein euklidischer Vektorraum und  UV  ein Untervektorraum. Dann heißt

U={vVv,u=0 für alle uU}

das orthogonale Komplement von U.


Es sei V ein euklidischer Vektorraum. Eine Basis v1,,vn von V heißt Orthonormalbasis, wenn

vi,vi=1 für alle i und vi,vj=0 für ij

gilt.

Mit Hilfe des Schmidtschen Orthonormalisierungsverfahren kann man leicht zeigen, dass es in jedem euklidischen Vektorraum Orthonormalbasen gibt, siehe Aufgabe 40.5.



Norm und Abstand

Mit einem Skalarprodukt kann man die Länge eines Vektors und damit auch den Abstand zwischen zwei Vektoren erklären.


Es sei V ein Vektorraum über mit einem Skalarprodukt ,. Dann nennt man zu einem Vektor  vV  die reelle Zahl

v=v,v

die Norm von v.

Die Elemente in einer Orthonormalbasis haben alle die Norm 1 und sie stehen senkrecht aufeinander.



Satz (Abschätzung von Cauchy-Schwarz)  

Es sei V ein Vektorraum über mit einem Skalarprodukt , und der zugehörigen Norm .

Dann gilt die Cauchy-Schwarzsche Abschätzung, nämlich

|v,w|vw

für alle  v,wV

Beweis  

Bei  w=0  ist die Aussage richtig. Es sei also  w0  und damit auch  w0.  Damit hat man die Abschätzungen

0vv,ww2w,vv,ww2w=v,vv,ww2w,vv,ww2v,w+v,wv,ww4w,w=v,vv,w2w2.

Multiplikation mit w2 und Wurzelziehen ergibt das Resultat.


Für von 0 verschiedene Vektoren v und w in einem euklidischen Vektorraum V folgt aus der Ungleichung von Cauchy-Schwarz, dass

1v,wvw1

ist. Damit kann man mit Hilfe der trigonometrischen Funktion Kosinus (als bijektive Abbildung [0,π][1,1]) bzw. der Umkehrfunktion den Winkel zwischen den beiden Vektoren definieren, nämlich durch

Fehler beim Parsen (Syntaxfehler): {\displaystyle {{}} \angle (v,w) := \arccos \frac{ \left\langle v , w \right\rangle }{ \Vert { v } \Vert \cdot \Vert { w } \Vert } \, Die trigonometrischen Funktionen werden wir bald einführen.. }

Der Winkel ist also eine reelle Zahl zwischen 0 und π. Die obige Gleichung kann man auch als

v,w=vwcos((v,w))

schreiben, was die Möglichkeit eröffnet, das Skalarprodukt in dieser Weise zu definieren. Allerdings muss man dann für den Winkel eine unabhängige Definition finden. Dieser Zugang ist etwas intuitiver, hat aber rechnerisch und beweistechnisch viele Nachteile.




Lemma  

Es sei V ein Vektorraum über mit einem Skalarprodukt ,. Dann gelten für die zugehörige Norm folgende Eigenschaften.

  1. Es ist  v0
  2. Es ist  v=0  genau dann, wenn  v=0  ist.
  3. Für  λ  und  vV  gilt
    λv=|λ|v.
  4. Für  v,wV  gilt
    v+wv+w.

Beweis  

Die ersten beiden Eigenschaften folgen direkt aus der Definition des Skalarprodukts.
Die Multiplikativität folgt aus

λv2=λv,λv=λv,λv=λ2v,v=λ2v2.

Zum Beweis der Dreiecksungleichung schreiben wir

v+w2=v+w,v+w=v2+w2+2v,wv2+w2+2|v,w|

Aufgrund von Satz 18.10 ist dies (v+w)2. Diese Abschätzung überträgt sich auf die Quadratwurzeln.



Es sei V ein Vektorraum über mit einem Skalarprodukt , und der zugehörigen Norm .

Dann gilt die Beziehung

v,w=12(v+w2v2w2).

Beweis

Siehe Aufgabe 18.9.



Es sei V ein Vektorraum über mit einem Skalarprodukt ,. Zu zwei Vektoren  v,wV  nennt man

d(v,w):=vw

den Abstand zwischen v und w.



Es sei V ein Vektorraum über mit einem Skalarprodukt ,. Dann besitzt der zugehörige Abstand die folgenden Eigenschaften (dabei sind u,v,wV).

  1. Es ist  d(v,w)0
  2. Es ist  d(v,w)=0  genau dann, wenn  v=w
  3. Es ist  d(v,w)=d(w,v)
  4. Es ist
    d(u,w)d(u,v)+d(v,w).

Beweis

Siehe Aufgabe 18.11.




Isometrien

Es seien V und W euklidische Vektorräume und sei

φ:VW

eine lineare Abbildung. Dann heißt φ eine Isometrie, wenn für alle v,wV gilt:

φ(v),φ(w)=v,w.



Lemma  

Es seien V und W euklidische Vektorräume und sei

φ:VW

eine lineare Abbildung. Dann sind folgende Aussagen äquivalent.

  1. φ ist eine Isometrie.
  2. Für alle u,vV ist d(φ(u),φ(v))=d(u,v).
  3. Für alle vV ist φ(v)=v.

Beweis  

Die Richtungen (1)(2) und (2)(3) sind Einschränkungen und (3)(1) folgt aus Lemma 18.13.



Satz  

Es sei V ein euklidischer Vektorraum und sei

φ:VV

eine lineare Isometrie.

Dann besitzt jeder Eigenwert von φ den Betrag 1.

Beweis  

Es sei  φ(v)=λv  mit  v0,  d.h. v ist ein Eigenvektor zum Eigenwert λ. Wegen der Isometrieeigenschaft gilt

v=φ(v)=λv=|λ|v.

Wegen  v0  folgt daraus  |λ|=1,  also  λ=±1

Im Allgemeinen muss es keine Eigenwerte geben (bei ungerader Dimension allerdings schon).



Fußnoten
  1. Auch für komplexe Vektorräume gibt es Skalarprodukte, was wir aber nicht behandeln werden.



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